Blauer Wein - blaues Wunder

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2016
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2016

Rotwein gehört auf den Tisch deiner Eltern, Bier gab's gestern schon und Hugo ist einfach total 2015 - Was schlürft die Generation Hipster also diesen Sommer, um auf der Dachterrasse und neben dem Pool eine gute Figur zu machen? Die Spanier haben es gefunden, den Hit des Jahres: Blauer Wein!

Es hätte wohl ein witziger Gag sein können, ein Marketing-Hype, der sich dann auch nach ein paar Tagen wieder erledigt hat, ohne große Wellen zu schlagen. Aber der neue „Vino Azul“ wurde von den Medien schon als das neue IT-Getränk 2017 gefeiert, mehr als 70.000 Flaschen sind seit Anfang des Jahres verkauft worden. Dabei begann alles eher wie ein Scherz.

Gïk heißt das Start-Up aus Portugalete im spanischen Baskenland, das sich Anfang des Jahres entschied, die Weinkultur neu zu erfinden (oder sie zu zerstören). Die Gründer haben mit der Herrstellung des roten Tropfens eigentlich nichts am Hut: Sie sind Designer, Programmierer, Künstler, Musiker und PR-Experten. Und in ihrem Marketing machen sie daraus auch keinen Hehl.

Die Punchline: Vergesst alles, was ihr über Wein wisst, seine Traditionen und am besten auch seinen Geschmack. Denn die schicke Internetseite macht es wett. Dort sehen wir schöne, junge Menschen im Licht des Sonnenuntergangs, das Glas Blau-Wein lässig in der Hand. Weiter unten auf der Seite wird uns empfohlen, die neue süffige Erfindung mit Sushi oder Guacamole und Nachos zu probieren - im Hintergrund spielt alt-J und James Blake. Lol? Ja, ziemlich.

Die kleine Revolution

In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El Mundo erklärt Aritz Lopez, 22 Jahre alt und PR-Manager von Vino Azul, dass das Projekt aus einer wahren Business-Idee an der Uni entstanden ist. „Am Anfang war es eher eine Avantgarde-Spinnerei. Aber als wir dann anfingen die Idee auszuarbeiten, sind wir auf das Buch The Blue Ocean Strategy gestoßen. Darin geht es um Ozeane, die von Haien bevölkert sind, die gemeinsam so viele Fische töten, dass sich das Wasser rot einfärbt. Aber es erzählt auch von blauen Ozeanen, in denen die Fische frei schwimmen können. Wir waren von dieser poetischen Idee, die Ozeane zu färben, angetan.“ Faszinierende Geschichte.

Sie ist mittlerweile im Marketing des Start-Ups angekommen. Von der blauen Welle der Inspiration überwältigt, wollen sie das „folkloristische Image“ des Weines revolutionieren. Das Team stellte fest: im Jahr 2016 interessiert sich die Jugend nicht mehr für die Geschichte und Entwicklung des edlen Trofens in ihrem Glas. “In Spanien trinken die Leute in unserem Alter eher Bier, Schnaps und Cocktails, aber keinen traditionellen Wein. Deshalb wollten wir eine kleine Revolution starten“, erklärt Aritz.

„Innovation durch Bruch“

Wenn also neben Revolution und Cocktails noch etwas auf der Liste steht, dann ist es das Ziel mit Traditionen zu brechen. Gïk beginnt mit dem Konzept der „Innovation durch Bruch“. Und dieser Bruch ist blau, einfach deshalb, weil es das Wein-Kulturerbe noch nie gesehen hat. Aus diesem Grund kommt der passende Slogan auch direkt aus dem Silicon Valley: „Gïk bedeutet nicht nur blauen Wein zu trinken, nein! Sie trinken Innovation.“

Jetzt gilt es nur noch herauszufinden, wie Innovation denn so schmeckt. Im neuesten Transparenz-Check gibt uns Gïk die Antwort: Sie schmeckt zuckersüß und trinkt sich am besten bei 13°C. Sie ist  zusammengesetzt aus „verschiedenen roten und weißen Traubensorten“ aus „unterschiedlichen Weinbergen Spaniens“. Anders als der Curaçao kommt die blaue Farbe des Weins nicht aus künstlichen Farbstoffen, sondern aus dem natürlichen Farb-Pigment Anthocyane.

Sandrine Goeyvaerts bezweifelt das. Die 35-jährige, belgische Weinhändlerin und Autorin des Blogs La Pinardothèque betont, dass die blaue Farbe nicht nur aus natürlichen Stoffen kommen kann. Oft wird Indigo benutzt, ein Farbstoff der aus der Indigopflanze gewonnen wird. „Oft wird von sogennanten natürlichen Farbstoffen gesprochen, weil sich das im Marketing gut anhört. Tatsächlich ist die Farbe natürliche, aber der Wein ist es nicht“, erklärt sie.

Der Weinspezialist Jules Lamon, 40 Jahre alt, fügt hinzu: „Das ist ein Gebräu, das man sicherlich mal probieren sollte, aber ich zweifle doch stark an seiner Qualität.“ Der blaue Wein ist also den Experten nach zu urteilen kein wirklicher Wein, sondern eher „ein Cocktail, der tief in der Marketing-Sauce schwimmt.“

Für Sandrine Goeyvaerts ist das gut genug, um den Korken knallen zu lassen. „Seit langer Zeit suchen wir nicht mehr wirklich nach neuen Geschmacksrichtungen, sondern ästhetischen Verkaufsideen.“ Genauso wie der aromatisierte Grapefruit-Rosé versuche auch der Blaue Wein sich als cool und hipp zu verkaufen. Ein Getränk, das wir am Pool oder im Club trinken können, wenn normaler Wein zu schwer ist.

Kritische Stimmen werfen dem Marketing-Gag vor, Traditionen und Wertschätzung der Weinkultur zu zerstören. Sandrine Goeyvaerts ist der Meinung: „Hier wird ein gefährliches Spiel gespielt. Die Leute haben das Gefühl, keine Ahnung mehr vom Wein zu haben, und deshalb entscheiden sie sich für etwas, das „spaßig“ ist.“ Das Ende dieser Geschichte wird wohl von der Stimmung auf den Terrassen diesen Sommer abhängen. Und davon, ob wir uns blauäugig auf den neuen Trend einlassen.