Black Taxi in Belfast: Die letzte geteilte Stadt Europas

Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2010
Am 6. Februar haben die nordirischen Paramilitärs der INLA ihre Waffen niedergelegt. Die Provinz hat einen weiteren Schritt in Richtung soziale Stabilität gemacht. Eine Black Taxi Fahrt durch die Geschichte Nordirlands.

„Keine Sorge, nur eine Vorsichtsmaßnahme!“ Die Erklärung unseres Taxifahrers ist alles andere als beruhigend. „Auf einige unserer Wagen ist vor kurzem geschossen worden.” Aus dem Kofferraum seines schwarzen Taxis holt er ein Extra-Nummernschild und befestigt es rasch über seinem. „Routinemaßnahme“ nennt er diese Vorbereitung für unsere Tour nach Shankhill, dem protestantischen Bezirk von Belfast. „Da wohnen manche Leute, die nicht gerne katholische Taxifirmen durch ihre Gegend fahren sehen“, erklärt er. „Die erkennen uns an der Registrierung.“

Die schwarzen Taxis, wie „unseres“ kamen auf, als Busse im westlichen Belfast verboten wurden, weil sie mögliche Barrikaden seien. Noch heute ist diese Hälfte der Stadt ohne öffentliche Verkehrsmittel. Viele Fahrer verdienen sich ein Zubrot mit Stadtführungen und die „Tour mit einem schwarzen Taxi“ wurde eine der Hauptattraktionen der Stadt.

Schwarze Taxis

©el_floz / flickrObwohl der Norden selten mehr als einige Meilen entfernt ist, könnte er für uns aus dem Süden genauso gut auf einem anderen Stern liegen. Während die Republik in einem Jahrzehnt ökonomischer Explosion schwelgte und für Horden europäischer Arbeitskräfte und Touristen gleichermaßen zum Magneten wurde, blieb der Norden für viele ein Sperrgebiet - damit beschäftigt, die Scherben nach 60 Jahren Krieg aufzufegen.

60 % der Bevölkerung hätten ohne die britische Regierung überhaupt keine Arbeit. Nachdem nun die Schüsse verstummt sind, sind die Menschen entschlossen, endlich wieder ihr Leben in die Hand zu nehmen. Unser Fahrer ist voll Leidenschaft für seine Heimatstadt: Mit starkem Belfaster Näseln doziert er vom Fahrersitz aus. Mit einem ukrainisch-schweizerischen Freund an der Seite tue ich so, als ob ich kein Englisch könnte: Ich will nicht, dass die Republik Irland mit ins Spiel kommt, der Fahrer soll seine Geschichte erzählen.

Nordirland ist atemberaubend schön, seine Berge und Seen werden im keltischen Sagenschatz gefeiert, denn einst war es das Reich von Cú Chulainn, dem gälischen Herkules. Die Unruhen entstanden, als die Briten im16. Jahrhundert im Zuge ihrer geplanten Eroberung Irlands hier koloniale Plantagen anlegten. Tausende von englischen und schottischen Presbyterianern wurden ausgesandt, um ausgedehnte Kolonien in Ulster zu gründen, dabei wurden Scharen von Einheimischen verdrängt. Noch 400 Jahre später hat die Provinz eine einzigartige Doppelkultur, die selbst der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat.

Nachdem die Republik in den 1920ern die Unabhängigkeit von den Briten errang, behielt das Vereinigte Königreich die Kontrolle über den vorwiegend protestantischen, industrialisierten Norden, was das Land in zwei Teile spaltete. Während die Republik emsig ihren nagelneuen Staat errichtete, stürzte der Norden in einen ethnischen, religiösen und politischen Konflikt. Es entstand eine Gesellschaft, in der praktisch nur Protestanten Machtpositionen innehatten, wie etwa bei der gesamten Polizei. Inspiriert von Martin Luther King, begann die unterdrückte katholische Gemeinschaft in den 1960ern mit Demonstrationen für Bürgerrechte.

Peace wall in Belfast und Berliner Mauer

©PPCC Antifa/flickrDie Gegenreaktion war gewalttätig und schließlich wurde die britische Armee geschickt, um für Ruhe zu sorgen - und blieb für die nächsten dreißig Jahre. Ein blutiger Konflikt zwischen der Armee, der IRA und verschiedenen anderen paramilitärischen Gruppen bestimmte das Leben im Norden, bis 2008 der „Friedensprozess“ begann. Heute teilt die sogenannte ‘peace wall’(Friedensmauer) die Stadt gnadenlos in zwei Teile.

Mit 7,6 Metern ist diese Eisenkonstruktion mehr als doppelt so hoch als es die Berliner Mauer je war. Diese Grenze kann nur bei Tageslicht überquert werden. Bei Nacht richten die Anwohner Freudenfeuer auf das Schmiedeeisen, sodass es weißglühend und zu heiß für Berührungen wird, Belfasts eigene Feuerwand. Zu sehen ist eine Unmenge an politischen Wandmalereien, einzigartiger kultureller Ausdruck von Zorn und Wut über die Auseinandersetzungen. Unzählige Gedenkstätten für Tote, deren Mörder allzu oft nicht verfolgt wurden, werden von Einheimischen geschmückt. Die Wände katholischer Bezirke künden von Solidarität mit Katalonien, Palästina, dem Baskenland; in den protestantischen Bezirken hängen Union Jacks und maskierte Männer mit Maschinengewehren umgeben Wandbilder der Queen.

Ich wusste nicht, dass es so etwas in Europa immer noch gibt.

Auf Französisch raunt mein Freund mir zu: „Ich wusste nicht, dass es so etwas in Europa immer noch gibt.“ Mehr als einmal muss unser Fahrer von Gefühlen überwältigt anhalten, schließlich geschahen die Gräueltaten, von denen er berichtet, unter seinen Freunden, seinen Nachbarn, seinen Altersgenossen. Er fühlt echten Schmerz, echte Bestürzung über das, was aus seiner Stadt geworden ist, und echte Hoffnung für die Zukunft.

Für eine individuelle 2-Stunden-Tour ohne Nervenkitzel verlangt er nur 22 €, in Dublin, auf der anderen Seite der Grenze, der Preis für ein mittelmäßiges Mittagessen. In dem ausgebombten Stadtzentrum, wo allerorten neue Häuser wie Pilze empor sprießen, wird es dunkel. Belfast erwacht aus seinem Albtraum und mit ihrer typischen Entschlossenheit halten seine Bewohner den Blick fest auf den neuen Tag gerichtet.