Bizarrer Streit um eine Moschee

Artikel veröffentlicht am 22. Juni 2007
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Artikel veröffentlicht am 22. Juni 2007
Der Bau einer Moschee in Köln spaltet die Stadt: Auf der einen Seite ein Holocaustüberlebender, der Muslime als kulturfremd bezeichnet und sich den Beifall der Rechtsradikalen versichert. Auf der anderen Seite die gesamten bürgerlichen Parteien – und ein katholischer Priester, der zur Kollekte für die Moschee aufruft.

Als die ersten muslimischen Gastarbeiter nach Europa kamen, richteten sie ihre Moscheen in Garagen, Kellern und Lagerhallen ein. Solange sie nur hier waren, um Geld zu verdienen und später in ihre Heimat zurückzukehren, reichten ihnen diese provisorischen Gebetsräume. Doch seitdem sie sich zum Bleiben entschieden, ihre Frauen und Familien nachgeholt und sich dauerhaft niedergelassen haben, verlangen sie nach Räumen, die ihres Glaubens würdig sind. In vielen europäischen Städten sind daher in den vergangenen Jahren repräsentative Moscheen entstanden. Nun plant auch die islamische Vereinigung Ditib im Kölner Stadtteil Ehrenfeld eine Moschee – und entzweit damit die Stadt.

Mit einer weithin sichtbaren Kuppel, zwei hohen Minaretten und Platz für 2000 Gläubige soll sie die größte Moschee Deutschlands werden. Obwohl der Bau vom Stadtrat mit breiter Mehrheit beschlossen wurde, wollen einige die Entscheidung nicht anerkennen. Mitte Juni rief die rechtsradikale Partei Pro Köln zur Protestkundgebung auf. Rund 200 Gegner zogen durch die Stadt. Sie wollten „die Domglocke hier und nicht das Minarett“, rief Hans-Christian Strache von der rechtsradikalen FPÖ, der extra aus Österreich angereist war. Zeitgleich versammelten sich fast 2000 Menschen, um für Toleranz und das Recht zur Religionsausübung zu demonstrieren.

Menschliche Pinguine

Die Koalitionen in diesem Streit sind bisweilen bizarr. So machte der Schriftsteller Ralph Giordano in einem Streitgespräch auf sich aufmerksam, als er den Bau der Moschee mit der Begründung ablehnte, diese vermittle den falschen Eindruck einer gelungenen Integration. Der streitbare Publizist sorgte für einige Erregung, als er verhüllte Musliminnen mit Pinguinen verglich und erklärte, er wolle keine Frauen im Tchador auf der Straße sehen, da dies seine „Ästhetik beschädigt“. Dabei ist Giordano eigentlich der Nähe zum Rechtsradikalismus eher unverdächtig: Der jüdische Schriftsteller hat seine Familie im Holocaust verloren und selbst nur knapp überlebt.

Den Beifall von Pro Köln wies der 84-Jährige umgehend zurück, da diese „lokale Variante des zeitgenössischen Nationalsozialismus“ ihn zu anderen Zeiten „in die Gaskammer gesteckt hätte“. Er konnte allerdings nicht verhindern, dass die Rechten unter seinem Ausspruch „Es gibt kein Recht auf eine Großmoschee“ marschierten. Diesem Ausspruch widerspricht die Kölner Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. Die Islambeauftragte der SPD betont, dass das im Grundgesetz garantierte Recht zur Religionsausübung, zu dem auch der Bau von Gotteshäusern zählt, für alle gilt. Der Bau einer Moschee bedürfe daher keiner Volksbefragung, wie dies die Gegner des Baus fordern.

Umfragen zeigen, dass in Ehrenfeld zwar viele Bedenken wegen ihrer Größe haben, doch an sich eine breite Mehrheit die Moschee unterstützt. Auch im Stadtrat besteht Einigkeit über das Bauvorhaben – allein die Abgeordneten von Pro Köln stimmten dagegen. ‚Die Zeit’ macht zu Recht darauf aufmerksam, dass der Bau einer Moschee nicht die Belohnung für gelungene Integration, sondern die Voraussetzung dafür ist. Wollte man sie von der Zustimmung der Bevölkerung abhängig machen, könne man auch den Bau neuer Synagogen vergessen, da diese noch immer vielen als das gelten, für was Giordano den Islam hält: „Kulturfremd“.

Ein Symbol der Weltoffenheit

Die Befürchtung, die Moschee werde zur Abgrenzung der Muslime dienen, weist Bekir Alboga, der Dialogbeauftragte der Ditib, mit Nachdruck zurück. Der Neubau werde die Transparenz fordern und stehe jedem offen, wird er nicht müde zu betonen. Der Hof werde allgemein zugänglich sein und die durchbrochene Kuppel – eine stilisierte Weltkugel – werde als Symbol für Weltoffenheit stehen. Als Architekten hat sich die Ditib zwei Männer engagiert, die Erfahrung mit Sakralbauten haben: Gottfried und sein Sohn Paul Böhm, die als die größten deutschen Kirchenbaumeister der Gegenwart gelten.

Eine weitere Meldung beweist, dass die Grenzen in diesem Streit oft anders verlaufen, als man erwarten würde: Mitte März rief der katholische Priester Franz Meurer in seiner Gemeinde St. Theodor dazu auf, die Sonntagskollekte für den Moscheebau zu spenden. Er habe gute Erfahrungen mit der Ditib gemacht und unterhalte enge Kontakte zu den Muslimen im Viertel, betonte er. „Mensch Leute, überlegt doch mal. Damit stärken wir doch die Vernünftigen“ , wies er die Zweifel seiner Glaubensbrüder zurück. Seine Hoffnung ist, dass der Weg aus den Hinterhöfen zur Öffnung – und damit zur Integration der Muslime führen wird.