Bitteres Erwachen in Brexit-Land

Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Juni 2016

Es ist sieben Uhr morgens am 24. Juni 2016, vier junge Briten wachen mit der Nachricht auf, dass ihr Land die Europäische Union verlassen wird. Eine Zukunft, für die keiner von ihnen gestimmt hat.

Ellen (23), arbeitet im Somerset House in London

„Heute morgen trauerten alle: Mein Mitbewohner, der müde und schlaflos vor mir auf dem Sofa sitzt, weil er die ganze Nacht auf das Ergebnis des Referendums gewartet hat - das wir so nie erwartet hätten. Mein Freund, der mich fragt, ob „in Zukunft auch noch alles gut sein wird?“, als wäre er auf der Suche nach ein bisschen Zuversicht nach einem bösen Traum. Auch die Leute, an denen ich auf dem Weg zum Bahnhof vorbeilaufe, haben düstere Mienen, trotz der Sonne, die sich heute seit langer Zeit mal wieder blicken lässt. Die Pendler im Zug von Brighton nach London sehen geschockt aus, weil sie ihre angesparten Summen nicht rechtzeitig von Pfund in Euro getauscht haben - und heute ein Stück ärmer aufgewacht sind als gestern. Und letztlich die Menschen in der U-Bahn, die sich nicht mehr in die Augen schauen und über zu Boden gefallene „I'm IN“ Sticker treten.

Die schlechten Nachrichten hören nicht auf. Wir realisieren nur langsam, dass das alles wirklich passiert ist. Wir haben uns ein Bett hergerichtet, draußen auf dem kalten Meer, weit weg von der Obhut und Sicherheit der europäischen Heimat. Jetzt müssen wir damit leben.

Gestern bin ich schlafen gegangen, ohne mir große Sorgen zu machen, weil ich überzeugt war, dass wir in der EU bleiben würden. Auch alle meine Freunde und Kollegen waren dieser Meinung. Ich habe nicht daran geglaubt, dass irgendjemand von der boshaften, fast schon Cartoon-artigen Rhetorik der "Leave"-Politiker überzeugt sein könnten. Aber wir, die "Remainer", haben vergessen, wie verärgert und machtlos sich viele Menschen nach jahrzehntelanger schlechter Führung fühlen. Die Entscheidung für den Austritt war für sie ein Versuch, das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen.

Es steht uns nun eine Zukunft voller Unsicherheiten bevor. Wir haben bald keinen Premierminister mehr, britische Aktien haben über Nacht 200 Milliarden Pfund verloren. Ehrlich gesagt sind wir ganz schön erschüttert.

Als ich heute zu meiner Arbeit im Somerset House in London kam, sah ich dort ein Schild hängen: „Somerset House feiert Utopia 2016: Ein Jahr voll von Ideenreichtum und Möglichkeiten.“ Das fühlt sich jetzt wie grausame Ironie an.“

Morna (30), studiert in Paris

„Ich bin einfach deprimiert. Heute Morgen habe ich geheult wie ein Baby, als ich die Nachrichten gehört habe. Außerdem habe ich Angst, dass der Brexit der Anfang vom Ende der Europäischen Union sein könnte und damit auch das Ende des Friedens in Europas. Es war schwierig, die Lage in Großbritannien von außen zu beurteilen, aber ich war schockiert, wie leicht die Medien, besonders im linken Spektrum, die Debatte während der Kampagne nahmen. Meine Lieblingsradiosendung, das News Quiz auf BBC Radio 4, ist zu einem Comedy-Quiz über Aktuelles geworden, und sie nannten es „ein langweiliges Referendum“. Dabei war es wahrscheinlich einer der wichtigsten Volkentscheide, die jemals abgehalten wurden. Ich war heute den ganzen Tag in Bahnhöfen, vom Gare du Nord bis nach London Euston. Alle sprechen über den Brexit. Als ich durch den französischen Zoll ging, schaute mich der Beamte voller Mitleid an und sagte nur „Bon Courage„ („Kopf hoch“; A.d.R.).

Meine Zukunft ist direkt von dieser Entscheidung betroffen. Ich hatte vor, für die Europäische Kommission zu arbeiten oder in der Lobbyszene. Ich weiß nicht wie einfach das jetzt noch sein wird. Außerdem hatte ich über 10.000 Pfund gespart, um meine Studiengebühren zu zahlen. Dieses Geld ist jetzt sehr viel weniger wert. Jetzt wird es schwieriger, mein Sciences Po-Studium (Universität für Politikwissenschaften in Paris, A.d.R.) zu beenden.

Und eins noch. Alle hier im Zug reden darüber, wie man in verschiedenen Ländern jetzt ein Visum bekommen könnte, vor allem in Irland.“

Tom (22), PhD-Student and der University of Sussex

 

„Ich bin vor allem enttäuscht und beunruhigt. Es fühlt sich an, als hätten die Medien und Politiker uns im Stich gelassen. Die meisten Leute, die ich kenne, haben dafür gestimmt, in der EU zu bleiben, und sie scheinen meine Gefühle zu teilen.

Ich fand die Idee, eines Tages auf dem Kontinent leben zu können, schon immer toll. Ich hatte nie spezielle Pläne, aber ich habe schon oft darüber nachgedacht. Jetzt bin ich plötzlich komplett blockiert. Ich kann nicht behaupten, dass ich das Ergebnis so erwartet hätte. Ich war nervös, bevor die Ergebnisse rauskamen, aber eigentlich relativ optimistisch. Jetzt stehe ich unter Schock.“

Bradley (30), Regisseur in London

„Ich bin geborener Brite, aber jetzt habe Angst, bald nur noch Engländer zu sein. Ich glaube, dass unser Land sich verraten hat. Sozial schwächere Schichten wurden nicht richtig informiert, und somit konnte eine Kampagne, die auf Angst und Nazi-Propaganda aufgebaut war, gewinnen. Jetzt fühle ich mich leer. Ich bin außerdem der Meinung, dass kein Referendum, mit weniger als 70% Beteiligung jemals als fair gelten könnte. Falls ein Referendum überhaupt jemals als fair angesehen werden könnte. Außerdem bin ich wütend auf die fast 13 Millionen registrierten Wähler, die nicht an die Urnen gegangen sind. Ich fühle mich von meinen Eltern und den Eltern meiner ganzen Generation verraten. Sie hatten das Gefühl, das Richtige zu tun, aber sie werden sterben, bevor dieses Land mit den Folgen seiner Entscheidung zu kämpfen hat.

Die Atmosphäre hier ist beängstigend – als ob das Land einen Todesstoß erlitten hätte, der das Vereinigte Königreich zerreißen könnte. Auch wenn das ein unglaublich trauriger, deprimierender Gedanke ist, aber das Land, das ich kenne und mit dem ich mich identifiziere, hat in diesem Referendum verloren. Ich habe es erwartet, weil in der Vergangenheit Kampagnen, die auf Angst gepocht haben, oft gewonnen haben. Wenn Menschen wütend sind, dann fühlt es sich besser an, irgendetwas zu verändern, als stehen zu bleiben, auch wenn sie nicht verstehen, was sie da tun. Denn die Armen haben sicher gerade noch ärmer gemacht.

Meine Branche, die Film- und Fernsehindustrie, ist auf die Unterstützung und Finanzierung der EU angewiesen. Ohne sie ist die Produktion unabhängiger, britischer Filme fast unmöglich. Und internationale Filmproduktionen werden das Land verlassen, weil sie Angst vor dem Wertverlust des Pfundes und keine steuerlichen Anreize mehr haben. Sie hinterlassen eine Infrastruktur, die jetzt ungenutzt bleiben wird, voller gut ausgebildete Arbeitskräfte, die nirgendwo hingehen können.“