Bist Du ein "Pure Player"?

Artikel veröffentlicht am 9. März 2011
Artikel veröffentlicht am 9. März 2011
Frankeich: Zwei englische Wörtchen schippern unaufhaltsam in einem Land umher, wo man Anglizismen bisher eigentlich ganz gut vermieden hatte. Eine Ära von Internet-Businessmodellen bringt nun die Trendwende und konzentriert sich dabei besonders auf die französische und amerikanische Internetmedienlandschaft. Backgammon-Züge haben damit schon längst nichts mehr zu tun. Der Ausdruck der Woche.

In Frankreich wird ein Computer sprachpuristisch ordinateur genannt, die Maus wird in souris übersetzt - nur der pure player bleibt auch im Hexagon der 'pure player'. Ihr lest diesen Artikel gerade in einem von Europas ältesten pure players: ein nur im Internet operierendes (häufig Medien) Unternehmen. Pure player - also reine Internetmedien - sind in Europa nicht unbedingt am boomen, auch wenn man natürlich neugierig über den Teich auf die US-Unternehmen wie Salon (1995), die Huffington Post, den Daily Beast, Politico oder Slate (1996) schaut, der es 2009 in Form von slate.fr auch bis nach Frankreich geschafft hat.

Nachdem zunächst die südkoreanische Bürgerjournalismus-Plattform OhMyNews (2000-2010) als pure player von sich reden machte, lancierte cafebabel.com seine paneuropäische Plattform im Jahr 2001. So richtigen Aufwind  bekamen die pure player in Frankreich dann ab 2005, beispielsweise mit Agoravox. Hinzu kamen im Laufe der Jahre vor allem weitere linksgerichtete Medien, die sich im Netz eine oppositionelle Stimme zu traditionellen Medien kreierten. Dazu gehörten Bakchich (2006-2011), Rue89 und MediaPart (beide aus dem Jahr 2007). Neuester französischer pure player ist der konservative Atlantico, der 2011 die französische Online-Medienlandschaft bereicherte. Neben Frankreich gibt es auch in Italien ein Revival der pure player: 2010 entdeckten der Superblog Il Post und die Seite Lettera 43 das Licht der Welt. Linkiesta ist seit 2011 online.

Ein so genannter pure play ist ursprünglich eigentlich ein Spielzug im Backgammon, mit dem man seine Steine gewinnbringend, allerdings mit hohem Risiko in Bezug auf seinen Gegner platziert. In Europa ist eindeutig Frankreich auf der Gewinnerseite - zumindest in pucto Medien-Innovation. In Spanien ist der Internet-Anbieter soitu.es bankrott gegangen, doch man würde hier nicht von 'jugaduro puro', sondern einfach von einer revista digital ('Onlinemagazin') sprechen. Das prominenteste deutsche Beispiel eines reinen Online-Anbieters ist vielleicht die Netzeitung, die 2010 aber die Strategie gewechselt hat und zu einem News-Aggegator aller deutschen Medien wurde.

Im Deutschen spricht man in puncto pure player wahlweise auch von einem reinen Internetanbieter, was zum Beispiel für das polnische Amazon allegro gilt. Im Polnischen gibt es kein wirkliches Äquivalent: wortwörtlich würde man den pure player mit 'czysty gracz' übersetzen. Und in Rumänien, obwohl man den größten Internetmedienanbieter des Landes HotNews.ro in der englischen Presse als rogue pure-player (gewieften Online-Anbieter) betitelt hatte, würde man 'jucator pur' eher zu einer Unternehmenspraxis rechnen, in der das Unternehmen sich auf die Vermarktung eines einzigen Produktes konzentriert.

Zu guter Letzt kommt das Wort 'pure' vom lateinischen purus für 'Feuer', also daher, dass jemand mit dem Feuer spielt? Im Großen und Ganzen haben die europäischen pure player (Frankreich und Italien mal ausgenommen) auf dem alten Kontinent noch eine relativ kleine Tragweite, aber vielleicht greift die Flamme der Medieninnovation ja auch bald auf andere Länder über.

Illustration: ©Henning Studte