Birgit Õigus: Stimme des estnischen Waldes

Artikel veröffentlicht am 18. November 2015
Artikel veröffentlicht am 18. November 2015

50% der Fläche Estlands ist bewaldet, die Esten haben ein inniges Verhältnis zur Natur. Im August hat eine Gruppe Studenten der Akademie der freien Künste in Tallinn eine Serie Riesen-Megaphone aus Holz geschaffen, um die Stimmen des Waldes hören zu können. Am 18. September wurde die Installation in der Gemeinde Võru eingeweiht.

cafébabel: Birgit, wie bist du auf die Idee mit den Megaphonen aus Holz im Wald gekommen?

Birgit Õigus: Wir sollten eigentlich eine Art Bibliothek im Wald schaffen. Aber von Anfang an war ich gegen die Idee, irgendwelche Bücher in den Wald zu schleppen. Die Installation nennt sich runpr (runpor heißt Megaphon im Estnischen, AdR): das Konzept ist, dass die Töne der Natur durch diese Megaphone laufen und durch die Struktur, die wir kreiert haben, auch noch verstärkt werden. Der Wald hat einen unglaublichen Katalog an ‚Hörbüchern‘ parat, die sich ständig erneuern. Runpr wurde geschaffen, damit wir uns dank des Friedens, den die Natur uns bietet, auch mal entspannen können. Das erste Ziel ist unseren ersten Sinn – das Sehen – mal beiseite zu lassen und uns nur auf das Hören zu konzentrieren. Es ist also vor allem eine Erfahrung, bei der wir alles hinter uns lassen, was wir im Alltag gewohnt sind.

cafébabel: Wie ist die Zusammenarbeit mit Derelict Furniture zustande gekommen, einer Firma, die das Holz aus Industriemüll recycelt?

Birgit Õigus: Wir haben sie einfach angesprochen und sie haben uns dabei geholfen, kreativ zu denken. Die Megaphone sind dann aber trotzdem aus neuem Material entstanden.

cafébabel: Was ist dein Verhältnis zur Natur und wie war es, zum ersten Mal Sounds aus den Holzverstärkern zu hören?

Birgit Õigus: Ich liebe die estnischen Wälder. Ich mag es, zwischen den Bäumen spazieren zu gehen, wenn ich mal wieder den Kopf freikriegen will. Ich war sehr zufrieden, als wir die Installation endlich aufgestellt und getestet hatten. Die Geräusche der Natur unterscheiden sich so sehr von denen der Stadt: sie sind rein und so angenehm, dass ich das erste mal, als ich sie mit Hilfe des Verstärkers gehört habe, sofort ein Gefühl der Wohligkeit verspürt habe. Es sind Sounds, die sowohl vertraut scheinen, aber auch vollkommen neu sind, da wir sie im Laufe der Zeit einfach vergessen oder nicht mehr vernommen haben.

cafébabel: Welche Art von Tönen hört man denn aus den Megaphonen?

Birgit Õigus: Die symbolische Form der Verstärker hilft den Menschen, sich darauf zu konzentrieren, was in ihrer unmittelbaren Nähe geschieht. Das hilft dabei, sich zu erinnern, was uns die Natur zu sagen hat. Holz ist kein hartes Material wie beispielsweise Stahl, sondern viel leichter und ‚einladend‘. Die Form verstärkt die Töne in einer bestimmten Frequenz, wie eben ein richtiges Megaphon, während das Holz eine feinere Akustik befördert.

cafébabel: Bald findet in Paris die Weltklimakonferenz COP21 statt. Welchen Einfluss hat Kunst auf den Kampf gegen den Klimawandel?

Birgit Õigus: Ich bin keine Wissenschaftlerin. Aber ich denke, Künstler können ihr Publikum zum Nachdenken anregen, wenn sie ein Objekt kreieren, das ein bestimmtes Ziel verfolgt. So zum Beispiel auch meine Megaphone, die etwas normalerweise nicht Hörbares verstärken und somit zurück in den Mittelpunkt rücken.

cafébabel: Wie können die Wälder in Zukunft besser erhalten werden?

Birgit Õigus: Ich beschäftige mich mit Design und Architektur. Im Limit des Möglichen habe ich mich bemüht, ein Design zu machen, das die Umwelt nicht in Mitleidenschaft zieht und das Teil der Umwelt wird, ohne sie anzugreifen. Der Zustand unserer Natur hängt jedoch von den Spezialisten in diesem Bereich ab. Es ist absolut notwendig, unsere Wälder zu erhalten: ein Wald ermöglicht es einem Gebiet besser zu gedeihen. Und er sorgt für die Lebensqualität der Menschen, die auf diesem Gebiet leben. Estland ist eines der ersten fünf Länder in Europa mit einer hohen Bewaldungsdichte, ca. 55-60% des Landes sind Waldgebiet. Ich hoffe, das wird auch weiterhin so bleiben.

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Dieses Porträt ist Teil unseres cafébabel-Projekts #21faces im Rahmen der Weltklimakonferenz COP21 in Paris.