Bin Ladens Bodyguard zur Berlinale 2010

Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2010

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Auf der 60. Berlinale 2010 rütteln die Protagonisten der israelischen und arabischen Dokumentarfilme wach. Panorama.

60. Berlinale - hier darf das Kino noch Kino sein. Das internationale Filmfestival stellt auch in diesem Jahr Menschen, Landschaften und Kulturen vor, die man im wahren Leben nie kennenlernen würde. Der ehemalige Bodyguard von Osama Bin Laden, zwei Frauen, die aus der ultra-orthodoxen hassidischen Gemeinde in Jerusalem abgetaucht sind, Menschen, die im zerstörten Gaza-Streifen versuchen, ein normales Leben zu führen, ein schwules deutsch-israelisches Künstlerpärchen. Trotz einiger formaler Schwächen der Filme überwiegen die starken Protagonisten und ihre Geschichten.

The Oath: “Was willst du werden - Jihadist oder Handwerker?“

Die Frage stellt Abu Jandal, der ehemalige Bodyguard von Osama bin Laden seinem 5-jährigen Sohn. Natürlich will der kleine Junge mit den großen braunen Augen so werden wie sein Vater. "Einen Film unter dem Radar", nennt die amerikanische Dokumentarfilmerin Laura Poitras ihre aktuelle Produktion The Oath, die sie beinahe nicht persönlich auf der Berlinale hätte präsentieren können: Die New Yorkerin stand auf der No-Fly-List. Ihre wiederholten Reisen in den Jemen und nach Saudi Arabien kamen den Flugbehörden verdächtig vor. Laura Poitras hat Interviews, Gerichtszeichnungen, Fernsehinterviews, dokumentarische Szenen aus Jemen und Guatanamo und sogar einen Videomitschnitt von Osama bin Laden zu einem widersprüchlichen Porträt von Abu Jandal zusammengefügt, der seinem Treueschwur gegenüber dem "Scheich" gebrochen hat und nun gegen Schlaflosigkeit, Perspektivlosigkeit und Versagensängste kämpft. Trotz Aussteiger-Programm, Entschuldigungen an die Opfer und reuigen Worten mag man dem Mann mit dem runden Gesicht nicht so ganz trauen. Sein Hang zur Selbstdarstellung in amerikanischen und europäischen Medien, seine widersprüchlichen Aussagen und offenen Bekenntnisse über seine manipulativen Fähigkeiten lassen erahnen, mit welchen Mitteln er früher gearbeitet hat.

Soreret/Black Bus

Von Aussteigern erzählt ebenfalls der Dokumentarfilm Soreret/Black Bus von Anat Yuta Zuria. Die jungen Frauen Shulamit und Sarah haben sich von der ultra-orthodoxen hassidischen Gemeinde in Jerusalem und ihren Familien abgewendet, um ihr eigenes Leben als Fotografin und Bloggerin zu leben. Frühe Heirat, Diskriminierung und nach Geschlechtern getrennte Stadtbusse wollten sie nicht länger hinnehmen; ihre Lebenslust wie jede säkulare Frau in Israel ausleben dürfen. Wut, Kränkung und Trauer werden in zahlreichen Close Ups der lebendigen, jungen Frauen gezeigt. Die Intensität der Bilder kippt leider, als beide eher widerwillig von ihren Selbstmordversuchen erzählen und die ersten Tränen über das Gesicht laufen. Die Kamera wird nicht ausgemacht, die Filmemacherin führt ihre Protagonistinnen vor.

I shot my love

Der israelische Regisseur Tomer Heyman hat diese Probleme nicht. Er ist verliebt und das möchte er der Welt in seinem Dokumentarfilm I shot my love zeigen. Das Objekt seiner Begierde - der deutsche Tänzer Andreas Merk - wird mit der (Hand)Kamera auf Schritt und Tritt verfolgt. Der Regisseur gibt selbst zu: „Ich filme meine Umgebung permanent und obsessiv.“ In verwackelten Bildern sehen wir Andreas in Unterhose beim Putzen, Andreas beim Pfannkuchenbacken in der Küche, Andreas am Strand und beim Tanzen. Sein durchtrainierter Körper wird dem Zuschauer Schritt für Schritt in Nahaufnahmen gezeigt. Hinzu kommen oberflächliche und manchmal tiefsinnige Kommentare in schlechtem Englisch. Das verliebte Gegenstück jedoch versteckt sich hinter der Kamera und porträtiert den zweitwichtigsten Menschen in seinem Leben: seine Mutter. Am Ende des Films rät Andreas ihm, die Filme mehr zu seinen privaten Zwecken zu nutzen und nicht, um sie ins Kino zu bringen. Er sollte diesen Vorschlag beherzigen.

Aisheen- Still alive in Gaza

Nicolas WadimoffWer Gaza sagt, beschwört mediale Bilder, die jeder kennt. Mit Tüchern vermummte Steinewerfer, die grünen Fahnen der Hamas, brennende Häuser und jaulende Sanitätsfahrzeuge mit sterbenden Menschen darin. Der Schweizer Dokumentarfilmer Nicolas Wadimoff interessiert sich nicht für diese Bilder; er möchte die geografische und mentale Leerstelle bebildern, die nach dem letzten Krieg in Gaza für die Menschen dort entstanden ist. Aisheen - Still alive in Gaza zeigt ausgestopfte Krokodile und Löwen im Zoo, weil die Tiere verhungert oder einem Angriff zum Opfer gefallen sind, eine hoch motivierte Rap-Band auf dem Weg zum Erfolg, aber ohne Strom, um ein Album aufzunehmen, zwei Jungen, die den einzigen Fisch, den sie im erlaubten Fischgebiet gefangen haben, genüsslich am Strand verzehren und Kinder, die darauf warten, dass der Luna Park endlich wieder funktioniert. Man merkt: es sind vor allem die Kinder und Jugendlichen, die darunter leiden, dass sie keine Ausbildung, keine Hoffnung, keine Perspektive haben. „Wir haben sogar das Träumen aufgegeben“, sagen sie. Nicolas Wadimoff kommentiert nicht aus dem Off, blendet keine Erklärungen ein und legt sich auf keinen Protagonisten fest. In ruhigen festen Bildern zeigt er einen absurd zerstörten Landstrich, der für die Menschen zu einem Freiluft-Gefängnis geworden ist.

Budrus

Israel und palästinensische Gebiete - zwei getrennte Welten? In Budrus von Julia Bacha werden endlich beide Seiten zum Bau der Mauer inmitten der palästinensischen Gebiete befragt. Israelische Soldaten und die Menschen, die ihre Olivenbäume verlieren. Dem gewaltfreien Protest des Dorfes Budrus um Ayed Morrar schlossen sich sogar israelische linke Friedensaktivisten an. Der Verlauf der Mauer wurde geändert. Hoffnung auf Demokratie in einem willkürlichen Konflikt.

Fotos ©Berlinale.de