Bin Laden ist tot - der Terrorismus lebt!

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2011
In der Nacht zum Montag hat eine US-Spezialeinheit Osama bin Laden in der pakistanischen Stadt Abbottabad erschossen. Die Presse hält sein Terrornetzwerk al-Qaida weiterhin für gefährlich, sieht aber auch große Chancen für eine Annäherung zwischen der westlichen und der muslimischen Welt.

El País: Al-Qaida wird weiter existieren; Spanien

Osama bin Ladens Tod wird das Terrornetzwerk al-Qaida schwächen, aber nicht zerstören, meint die linksliberale Tageszeitung El País: "Al-Qaida erfährt durch den Verlust von bin Laden einen enormen Rückschlag. Die symbolische Kraft ihres Anführers kann nur schwer ersetzt werden. Aber al-Qaida wird weiter existieren und über einen neuen Emir verfügen, vermutlich über den Ägypter Aiman az-Zawahiri, der sich seit Jahren als Stratege des globalen Terrorismus hervortut, auch wenn er vielleicht nicht von allen Akteuren dieses vielgestaltigen Netzwerks unterstützt wird. In der vergangenen Woche wurden in Deutschland drei Personen verhaftet, die mit dem Führungskern von al-Qaida in Verbindung gebracht werden und die sich darauf vorbereitet haben, Selbstmordanschläge in diesem Land durchzuführen. Nachrichten dieser Art wird es in den kommenden Jahren immer wieder geben." (Artikel vom 03.05.2011)

România Liberă: Kampf gegen Bewegungen wie die von Osama bin Laden sollte nicht mit Bomben geführt werden, sondern mit Büchern; Rumänien

Nach dem Tod von al-Qaida-Chef Osama bin Laden ist der Terror nicht besiegt, woran der Westen aber selbst schuld ist, meint die Tageszeitung România Liberă: "Diesen Kampf gäbe es nicht, wenn die verarmte Jugend der islamischen Welt eine echte Alternative zur archaischen Gesellschaft und zur Gewalt hätte, die sie dort umgibt. [...] Doch die statistischen Daten internationaler Organisationen aus den vergangenen Jahren zeigen, wie entmutigend die Bildungssituation in den muslimischen Ländern ist. [...] Der Kampf gegen Bewegungen wie die von Osama bin Laden sollte nicht mit Bomben geführt werden, sondern mit Büchern, und die Anführer sollten keine Generäle westlicher Armeen sein, sondern die politische, kulturelle und auch ökonomische Elite muslimischer Staaten. Hier könnte der Westen eine wichtige Rolle spielen, die er bislang nicht entschlossen genug übernommen hat. Er ist dazu verpflichtet! Wenn schon nicht aus Einsicht, dann wenigstens um seine Bürger vor weiteren Terrorakten zu bewahren."

(Artikel vom 03.05.2011)

De Morgen: Entwicklungen in den arabischen Ländern werden dafür sorgen, dass nicht länger in Begriffen wie schwarz und weiß gesprochen werden kann; Belgien

Mit dem Ende Osama bin Ladens kann auch der unsägliche "Kampf der Kulturen" enden, hofft die Tageszeitung De Morgen: "Man darf den Tod von bin Laden fast als ein symbolisches Ende ansehen, nicht nur des fundamentalistischen Terrorismus, sondern auch dessen Missbrauchs, um den Gegensatz zwischen der westlichen und der islamischen Welt zu vergrößern und zu problematisieren. [...] Geschichte kennt keine Tabula rasa oder klare Brüche von einem Tag auf den anderen. [...] Aber der Tod von bin Laden wird gemeinsam mit den Entwicklungen in den arabischen Ländern dafür sorgen, dass nicht länger in Begriffen wie schwarz und weiß, ihr und wir, gut und böse über die Weltpolitik gesprochen werden kann. Er wird nicht dafür sorgen, dass morgen die Machtpolitik zur Seite geschoben werden kann und alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Aber der Tod von Osama bin Laden und der arabische Frühling könnten eine Ära einläuten, in der die zwei 'Kulturen' nicht länger hermetisch abgeschlossen sind."

(Artikel vom 03.05.2011)

Le Monde: Bin Laden hätte in der Bush-Ära leicht zum Märtyrer der Dschihadisten werden können; Frankreich

Politisch war Osama bin Laden schon länger tot, meint die linksliberale Tageszeitung Le Monde: "Osama bin Ladens physischer Tod folgt auf den politischen Tod des al-Qaida-Chefs. Die demokratischen Revolutionen in der arabischen Welt, deren Wahlsprüche eine Antithese zu bin Ladens radikal-islamistischen Ideologie bilden, fegten ihn hinweg. Wäre er unter George W. Bush im Krieg gegen den Terror getötet worden, hätte er leicht zum Märtyrer der Dschihadisten werden können, ja zur Ikone der verschiedenen anti-westlichen Bewegungen in der islamischen Gemeinde. Sein Tod beendet ein dunkles Kapitel in den Beziehungen zwischen Orient und Okzident, das von den Anschlägen des 11. Septembers bis zur tunesischen Jasmin-Revolution reichte. Kairos Tahrir-Platz und das Streben der arabischen Völker nach Demokratie und Menschenrechten setzten einen Schlussstrich unter diese Epoche."

(Artikel vom 03.05.2011)

The Times: Klares politisches Problem für Washington ist jetzt, wie es mit Pakistan umgehen will; Großbritannien

Dass Osama bin Laden sich so nahe der pakistanischen Hauptstadt verstecken konnte, macht die liberal-konservative Tageszeitung The Times misstrauisch: "Ein klares politisches Problem für Washington ist jetzt, wie es mit Pakistan umgehen will. Es ist kaum zu glauben, dass niemand wusste, was in dem schwer befestigten Lager vor sich ging - einige hundert Meter entfernt von einer Elite-Militärakademie. Islamabad ist bestenfalls der Nachlässigkeit schuldig, schlimmstenfalls der Komplizenschaft. Die USA brauchen jetzt Pakistan an ihrer Seite, insbesondere für die kommenden Entscheidungen über Afghanistan, und werden Islamabad mit diplomatischem Takt behandeln. Aber es wäre unklug, dieser dysfunktionalen Regierung zu trauen."

(Artikel vom 03.05.2011)

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Illustrationen: (cc)Dan Nguyen/flickr