Billigflüge und Discounter - wem nutzt die Krise?

Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 23. Februar 2009
Mit der Krise hat Mister Cafebabel (seine Freunde nennen ihn Mr C.), der Otto-Normal-Europäer, seine Konsumgewohnheiten verändert. Luxus ist out – jetzt wendet er sich verstärkt Billigangeboten zu. Eine Reise in die Branchen, die durch die Krise Aufwind bekommen.

©Paolo Márgari/flickrMr Cafebabel beschließt zu verreisen. Er will sehen, ob das Leben bei seinen europäischen Nachbarn schöner ist. So bucht er also ein Flugticket - natürlich bei einer Billigfluglinie. In diesen Krisenzeiten ist Mr C. äußerst wachsam: auf den Preis kommt es an! Während es den traditionellen Fluglinien aufgrund der Krise schlecht ergeht, rechnet Ryanair sogar damit, von ihr zu profitieren. Der Low Cost Anbieter reduziert seine Kosten auf ein Minimum, um seinen Kunden die niedrigsten Preise bieten zu können. Für die Mehrheit der Angestellten bedeutet dies, dass sie vieles aus eigener Tasche bezahlen müssen: die Dienstkleidung, das Namensschild, die Stunden im Flugsimulator. Ryanair ist gut im Geschäft: Das Unternehmen hat bekannt gegeben, dass es in den letzten Monaten 400 neue Flugzeuge angefordert hat und seine Passagierzahlen um 13 Prozent steigern konnte.

©absorbb/flickrIm Koffer von Mr C. befindet sich auch die aktuelle Lektüre eines Krisengeschädigten: Bien manger en famille pour moins de 9 euros par jour [Für neun Euro am Tag als Familie gut essen] und The Thrift Book [Das Buch über die Sparsamkeit], die sich jeweils unter den Bestsellern der französischen beziehungsweise britischen Amazon-Listings befinden. Da er außerdem seit neuestem ein leidenschaftlicher Anhänger antikapitalistischer Theorien ist, blättert Mr C. im Flugzeug in seinem brandneuen Exemplar von Marx’ Kapital. Dieses wieder erstarkte Interesse teilt er mit vielen anderen - wenn man nach den 1500 Exemplaren geht, die 2008 vom Berliner Karl-Dietz-Verlag verkauft wurden. Nur zum Vergleich: 2005 gingen lediglich 500 Exemplare über den Ladentisch. Ist man von einem Modell enttäuscht, interessiert man sich für ein anderes. Somit würde die Krise diejenigen, die von unserem westlichen Wirtschaftssystem enttäuscht sind, dazu bringen, sich für die kommunistischen und globalisierungskritischen Bewegungen zu interessieren.

Schuster - bleib bei Deinen Leisten

©netream/flickrKaum ist das Flugzeug gelandet, bekommt Mr Cafebabel einen Riesenhunger. Jetzt in ein kleines nettes Restaurant? Um Gottes Willen! Es geht zum Discounter! Jetzt, da die Lebensmittelpreise weltweit ansteigen, leiden die Einzelhandelsketten, was wiederum den Billigketten zugute kommt. Lidl, Aldi, Netto und Co. - der Käufer hat die Qual der Wahl. In Deutschland besitzen die Discounter fast 40% des weltweiten Lebensmittelmarktes. Die Anteile von Lidl, der in Frankreich Marktführer ist, hatten 2008 die höchsten Zuwachsraten (0,3 Punkte) zu verzeichnen.

Da er so viel gelaufen ist, sind die Schuhe von Mr C. schon ganz lädiert. Auf gar keinen Fall wird er sich neue kaufen - stattdessen geht er zum Schuster. Im Moment zieht Mr C. es vor, eine Reparatur zu bezahlen, statt dreimal so viel für neue Schuhe auszugeben. Die Vereinigung belgischer Schuster bestätigte Anfang dieses Jahres, dass die Zunft einen Zuwachs von 15-20% verzeichnen konnte.

Die Krise ist Gold wert

©hto2008/flickrDoch letztens hat Mr C. sich trotzdem etwas gegönnt und einen neuen Mantel in einem der Onlineshops, in denen es Markenartikel zum Schnäppchenpreis gibt, erworben. Aber nur weil er um 70 Prozent reduziert war! Die französische Webseite Vente-privée.com läuft gut: Für 2009 rechnet man mit einem 40-prozentigen Zuwachs der Verkaufszahlen und 250 neuen Marken. Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien - Vente-privée.com positioniert sich als europäischer Marktführer.

Mr Cafebabel verfolgt auch die Börsenkurse und freut sich über den Goldkurs. Anfang Februar passierte die Unze Gold die 900-Dollar-Marke, im März 2008 war sie gar 1000 Dollar wert, während sie im Jahre 2000 noch bei ca. 300 Dollar lag. Gold ist als Flucht-Wertanlage bekannt und wird vor allem von Einzelpersonen gekauft, die es vorziehen, auf Stabilität zu setzen. Im Gegensatz zu Rohstoffen ist Gold von ewigem Wert. Es kann sich in Schmuck und Barren verwandeln, aber nicht in Luft auflösen. Das Edelmetall ist eine Investition, auf die man in Krisenzeiten vertraut. So ist es also in der Wirtschaft wie im richtigen Leben: Das Unglück der einen erweist sich als das Glück der anderen!