Billiger Ruhm im Reality-TV

Artikel veröffentlicht am 1. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 1. Mai 2006

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Das Reality-TV hat eine neue Klasse hervorgebracht: Die Stars der Armen. Sie wollen um der Berühmtheit willen berühmt sein.

2003 startete die holländische Produktionsfirma Endemol im französischen Privatsender TF1 die Sendung „Nice People“: 12 junge Menschen aus verschiedenen Ecken Europas ließen sich zusammen in einer 450qm großen Villa einsperren. Die Kameras liefen 22 von 24 Stunden. Die schwachen Zuschauerquoten konnten die Branche leider nicht überzeugen, in das Konzept zu investieren. Es mag vielleicht stimmen, dass Europa bei Fernsehmachern ein unbeliebtes Thema ist, der Umkehrschluss ist ganz sicher falsch: Seit der Holländer John de Mol 1999 die Sendung „Big Brother“ in Europa einführte, haben die Fernsehsender in Europa schnell begriffen, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt. In Spanien hat die erste Staffel von „Gran Hermano“ 12 Millionen Zuschauer, etwa ein Drittel der Bevölkerung, vor den Fernseher gelockt. In Frankreich zieht die Sendung „L’Ile de la tentation“ (Die Insel der Versuchung) 60% der 15-24 Jährigen vor die Mattscheibe. Das Konzept ist jeweils das gleiche, es lassen sich jedoch drei Kategorien von Sendungen unterscheiden: der Rattenkäfig des Typs „Dwa wiaty“ in Polen, die Seifenoper „Amici“ in Italien oder die Liebessendung „Bachelor“ in England.

Die Tyrannei der Wirklichkeit

Das falsche Leben richtiger Menschen macht also Schule. „Es gibt seit über 20 Jahren einen starken Trend im Fernsehen: Die Realität definiert sich über das Alltägliche, das Anonyme“, sagt Francois Jost, auf die Fernsehkultur spezialisierter Semiologe. Nach fiktiven Serien wie Dallas und verschiedenen Fernsehspielshows sind wir nun im Zeitalter des Authentischen angekommen. Dies ist nicht selten trügerisch, ist doch die Manipulation oftmals komplett. „Entweder wird die Sendung vorher aufgenommen und die Sequenzen werden nach einem vorher festgelegten Szenario abgespielt. Oder man zieht die Sendung auf die humoristische Ebene im Stil von „Fear Factor“, um die Kritiker zu brüskieren… letztlich ist es doch nur ein Spiel“, unterstreicht Jost.

Damien Le Guay ist Autor des Buches „L’Empire de la télé-réalité“ („Das Reich des Reality-TV“), das versucht, den anhaltenden Erfolg dieser Art von Sendungen zu erklären, indem es auf „den Befreiungsprozess der Sprache“ hinweist. „Früher durften im Fernsehen nur Menschen auftreten, deren Talent anerkannt war“, schreibt Le Guay. Für ihn lässt sich die allgemeine Begeisterung für diese „Schauspieler wider Willen“ auch durch die „Lockerung unseres Sozialverhaltens erklären: die Darsteller, die sich sowohl physisch als auch psychisch gehen lassen, fördern unseren Hang zum Voyeurismus.“ Voyeurismus, Identifikation mit den Darstellern, Perversion… die Liste möglicher Motivationen der Zuschauer ist lang und verworren. So ist es schwierig auszumachen, ob die deutsche Sendung „Reality Run“ ein Versteckspiel ist oder eine Menschenjagd. Ein weiterer Faktor: Das wachsende Misstrauen gegenüber den elitären Gästen in den „mehr oder minder gestellten“ Unterhaltungssendungen führt dazu, dass die Zuschauer lieber „normale Leute“ sehen möchten.

Ein proletarisches Völkchen

Die Ursprünge des Reality-TV sind zwar vielfältig, die Machart des schnellen Ruhmes ist jedoch überall gleich. Jost sagt, „es sei die Inszenierung zweier Welten: der heiligen Welt der Prominenten und die der unbekannten Personen. Man kann allein durch einen Fernsehauftritt schon berühmt werden. Diese Sendungen zeigen aber auch Stars, die manchmal erniedrigende Aufgaben erfüllen müssen.“ Die Soziologen wehren sich gegen diese Form der „demokratischen Erlangung von Berühmtheit: jeder habe das Recht auf eine Viertelstunde des Ruhmes, wie es Andy Warhol gesagt hat. Ohne innovativ zu sein, basiert das Phänomen der ‚Reality Shows’ auf der Überzeugung, dass das Leben an sich zu einem Kunstwerk werden könne und Beobachtung verdiene, bis in seine Normalität hinein.“

Damien Le Guay hebt hingegen „die Herausbildung eines Proletariats durch das Fernsehen“ hervor. Die Mattscheibe löscht unsere Banalität aus und stellt uns auf die andere Seite des Spiegels. Jeder kann berühmt werden - ohne sich anzustrengen.“ Berühmtheit ist also nicht mehr ein Mittel, um Talent zu belohnen, sondern ein Ziel an sich. Die Fachleute sind sich einig, das sich bei den Zuschauern ein gewisser Überdruss gegenüber dieser Art von Sinnleere breit macht. Das Interesse der Fachpresse an den „falschen Stars“ sinkt kontinuierlich und die Zuschauerquoten des „tele poubelle“ („Müll-Fernsehen“) gehen zurück. „Überall in Europa zeigt man dieselben Formate, es gibt nur wenige Neuerungen in diesem Genre“ unterstreicht Le Guay. „Die Menschen empfinden Abscheu bei diesen geballten Banalitäten. Daraus erklärt sich das steigende Interesse für fiktionale Genres mit Serien wie „Lost“ oder „Desperate Housewives“. George Orwell kann schlafen gehen. Am besten auf der Wisteria Lane.