Bijay Dantani: Mein Freak Street-Leben

Artikel veröffentlicht am 23. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 23. Dezember 2013

Kath­man­du ist wun­der­schön, aber wie lebt es sich in der Freak Street? Bijay Dantani, des­sen Fa­mi­lie aus Gu­ja­rat in die Haupt­stadt Ne­pals ge­zo­gen ist, kennt jeden Win­kel der Alt­stadt. Zwi­schen Chai Shop, Schnei­de­rei und Mo­tor­rä­dern ist das Leben für einen jun­gen Mann nicht immer leicht, aber dafür über­ra­schend poe­tisch. Ein Tag in Tem­peln, Gas­sen und Ki­no­sä­len.  

Früh­lings­ta­ge in der Freak Street sind kurz. Wenn abends gegen zehn die Geh­stei­ge hoch­ge­klappt wer­den, strei­chen nur noch Kat­zen um die brö­ckeln­den Stein­bau­ten mit ihren kunst­voll ge­schnitz­ten Holz­gie­beln. Mor­gens gegen sie­ben hin­ge­gen muss man län­ger su­chen, um einen ge­öff­ne­ten Chai Shop zu fin­den. Au­ßer­dem fällt mor­gens und abends oft der Strom aus – und da­zwi­schen noch viel häu­fi­ger. Wäh­rend ich damp­fend süßen Tee schlür­fe und auf Bijay warte, be­gin­nen die La­den­be­sit­zer, ihre Türen zu öff­nen. Zwi­schen glit­zern­den Kis­sen­hül­len im Stile Ra­jast­hans, ne­pa­le­si­schen Geld­beu­teln und bun­ten Ac­ces­soires für Ma­ri­hua­na-Adep­ten ver­staubt auch die ein oder an­de­re Shi­va­sta­tue. Er­laubt ist, was west­li­chen Tou­ris­ten ge­fällt, die gerne in die­ser ver­win­kel­ten Stra­ße in der Alt­stadt von Kath­man­du ab­stei­gen. Frü­her war die Freak Street eine feste Sta­ti­on auf dem Opi­umpfad der Hip­pies und Aus­stei­ger, aber heute geht alles einen sehr ge­ord­ne­ten Gang.  

„Wol­len wir nicht noch einen Chai trin­ken?“ Als ich nicht mehr mit ihm ge­rech­net hatte, kommt Bijay schließ­lich doch an­ge­schlen­dert, setzt sich auf einen Plas­tik­ho­cker und be­stellt Tee. Ein Tag in der Freak Street fängt lang­sam an. „Ei­gent­lich kommt meine Fa­mi­lie aus Gu­ja­rat, aus San­thal. Das ist in der Nähe von Ah­me­da­bad“, er­zählt Bijay. Mitt­ler­wei­le woh­nen er, seine El­tern und seine sechs Ge­schwis­ter mit ihren Fa­mi­li­en aber schon viele Jahre in Nepal. Sein Vater hat hier einen klei­nen Laden, in dem er Tü­cher, Ta­schen und an­de­ren Krims­krams an Tou­ris­tin­nen ver­kauft. „Das ist so ein pseu­do-ra­jast­ha­ni­scher Stil, den mögen Aus­län­der immer gerne.“ Bijay lacht. Er selbst macht eine Schnei­der­leh­re, wäh­rend der er mo­nat­lich 6000 ne­pa­le­si­sche Ru­pi­en (um­ge­rech­net 44 Euro) ver­dient. Das war nicht un­be­dingt seine erste Wahl, aber er ist froh, dass er einen Platz ge­fun­den hat. Was tut man ei­gent­lich alles für seine Fa­mi­lie? 

Bevor er meine Frage be­ant­wor­ten kann, duckt sich Bijay durch ein schma­les, eben­er­di­ges Fens­ter, hin­ter dem ein dunk­ler Gang liegt. Als wir am an­de­ren Ende aus der Fins­ter­nis klet­tern, liegt vor uns ein klei­ner In­nen­hof, in dem ein hin­du­is­ti­scher Pa­go­den­tem­pel steht. „Diese Dach­struk­tur haben sich die Newar, die Ur­ein­woh­ner des Kath­man­du-Tals, aus­ge­dacht, und dann bis nach China ex­por­tiert.“ Wäh­rend ein al­tern­der Pries­ter mit einem Öll­ämp­chen um den Tem­pel mar­schiert und die Puja (ein hinduistisches Gebetsritual) ze­le­briert, sit­zen wir auf einer Sei­ten­bank und lut­schen kleb­ri­ges Zi­tro­nen­nuss­eis. Als es an­fängt zu nie­seln, meint Bijay, dass er ei­gent­lich nicht so re­li­gi­ös sei und jetzt lie­ber ins Kino ginge.  

Im gro­ßen Ci­ne­p­lex gleich um die Ecke sind gegen Mit­tag die meis­ten Plät­ze leer. Un­ter­wegs haben wir Bi­jays Schwes­tern Poo­nam und Ra­ja­ni auf­ge­ga­belt, die mit uns den Ac­tion­thril­ler Au­rang­zeb (2013) des in­di­schen Bol­ly­wood-Stars Arjun Ka­poor an­schau­en wol­len. Die Mäd­chen ki­chern und kral­len sich an­ein­an­der fest, als wir auf der Roll­trep­pe in den zwei­ten Stock fah­ren: Rol­len­de Trans­port­bän­der und große Ki­no­sä­le sind Neu­land für sie. Wäh­rend Ka­poor in einer mo­der­nen Ad­ap­ti­on der Ge­schich­te des Groß­mo­guls Au­rang­zeb (1618-1707) in schi­cken Autos durch Gur­gaon heizt und kor­rup­te Po­li­zis­ten zur Stre­cke bringt, la­chen Bi­jays Schwes­tern selbst bei blu­ti­gen Show­downs und ra­scheln laut mit ihren Pop­corn­tü­ten. „Haha, so ein Schwach­sinn!“ Bijay amü­siert sich, auch wenn er Bol­ly­wood-Fil­me ei­gent­lich gar nicht so mag. Er klingt oft wie ein klei­ner Mis­an­throp, doch ei­gent­lich ist er ein­fach nur ernst. „So bin ich eben. Die­ses ganze ober­fläch­li­che Ge­ha­be in der Freak Street ist mir oft zu viel.“ 

Als wir wie­der durch ver­win­kel­te Sei­ten­gas­sen zie­hen, er­klärt mir Bijay seine Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se. Wäh­rend viele eu­ro­päi­sche Spra­chen kei­nen Un­ter­schied zwi­schen Ver­wand­ten müt­ter­li­cher- oder vä­ter­li­cher­seits ma­chen, sind sol­che Un­ter­schei­dun­gen in vie­len in­di­schen Spra­chen fun­da­men­tal. Schließ­lich sind die Fa­mi­li­en­ban­de hier in den meis­ten Fäl­len schon auf­grund der Le­bens­um­stän­de viel enger: „Wir woh­nen alle zu­sam­men in einem Zim­mer, auch wenn wir zu neunt sind und es nie genug Platz gibt.“ Als ich Bijay frage, ob er sich denn nicht nach mehr Pri­vat­sphä­re, nach sei­nem ei­ge­nen Zim­mer sehne, schaut er mich ent­geis­tert an: „Ich glau­be, dann würde ich mich ein­sam füh­len.“  

Pa­go­den­tem­pel, chai und Fa­mi­li­en­ban­de

Viel Pri­vat­sphä­re gibt es in Kath­man­du auch sonst kaum. Bei knapp 976.000 Ein­woh­nern sind die Stra­ßen der Alt­stadt per­ma­nent von Autos, Fuß­gän­gern und Mo­tor­rad­fah­rern ver­stopft. Be­son­ders die knat­tern­den Blech­kis­ten sind Bijay ein Dorn im Auge. Lang­sam quä­len wir uns durch den Stau und ge­lan­gen schließ­lich in ein we­ni­ger pit­to­res­kes Stadt­vier­tel, in dem Bi­jays Schnei­der­la­den liegt. Di­rekt da­ne­ben er­hebt sich ein rot­wei­ßer Tem­pel unter einem Bo­dhi­baum. Am Ho­ri­zont färbt sich der Him­mel zart­li­la, als die Ge­bets­glo­cken die Puja ein­zu­läu­ten be­gin­nen. Ge­stört wird die Idyl­le nur durch den üblen Ge­ruch von Moder, Tod und kal­ter Asche. Bijay deu­tet auf die Müll­kip­pe auf der an­de­ren Seite des Flus­ses: „An schlim­men Tagen stinkt es hier ganz fürch­ter­lich.“ Auf dem Weg zu­rück in die Freak Street ma­chen wir vor einem klei­nen Laden halt, be­stel­len Chai und rau­chen eine Zi­ga­ret­te. Wie genau es mit ihm wei­ter gehen soll, weiß Bijay nicht genau.  

„Erst mal mache ich meine Lehre fer­tig, die­sen Monat habe ich sogar eine Ge­halts­er­hö­hung be­kom­men!“ Das freut ihn, weil er seine Fa­mi­lie end­lich bes­ser un­ter­stüt­zen kann. Die Miete für ihr Haus und den Laden in der Freak Street ist nicht bil­lig und seine Schwes­tern wol­len schließ­lich auch ir­gend­wann ver­hei­ra­tet wer­den. „Dann müs­sen wir erst mal einen in­di­schen Ehe­mann fin­den, die Mit­gift auf­brin­gen, die Hoch­zeit be­zah­len – das ganze Pro­gramm.“ Bijay selbst will aber lie­ber nicht hei­ra­ten: „Dar­auf habe ich keine Lust, Mäd­chen kann man doch nicht ver­trau­en.“ Von sei­nen ne­pa­le­si­schen Freun­den höre er immer nur Ge­schich­ten über un­treue Mäd­chen, die allen Jun­gen das Herz brä­chen. „Dar­auf habe ich keine Lust“, meint Bijay.  

Als wir wie­der in der Freak Street an­kom­men, sind die La­den­be­sit­zer schon dabei, die Geh­we­ge hoch­zu­klap­pen. Bijay kauft schnell noch etwas Scho­ko­la­de, bevor sich auch das letz­te Fens­ter schließt. Um meine Füße streicht eine ein­sa­me Katze, die mit laut mi­au­end in das Ge­klin­gel der Tem­pel­g­lo­cken ein­fällt. „Wenn du wie­der kommst, dann zeige ich dir noch viel mehr. Die Sei­ten­stra­ßen von Kath­man­du sind wun­der­schön.“ Und Gu­ja­rat erst! Das ist na­tür­lich ei­gent­lich der schöns­te Ort auf der Welt. Trotz­dem ist Bijay froh, in Kath­man­du zu leben. „Die Groß­stadt ist nun mal ein­fach span­nen­der.“ Auch wenn man weder Mäd­chen, Mo­tor­rä­der noch Bol­ly­wood-Fil­me mag.