Beyond the Curtain: Auf tschechischer Seite

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2014

1989 waren Miroslav und Jana Maxová jeweils 33 und 28 Jahre alt. Das verheiratete Paar lebt heute, wie schon damals, in Kutná Hora, einer kleinen tschechischen Stadt, die 60 Kilometer süd-östlich von Prag gelegen ist. Miroslav ist Ingenieur, Jana Lehrerin. Wie haben sie den Fall des Eisernen Vorhangs erlebt? (Übersetzung aus dem Tschechischen von Klára)

Cafébabel: Wo wart ihr an dem Tag, an dem die Berliner Mauer gefallen ist? Könnt ihr euch noch daran erinnern?

Miroslav: Nein, nicht wirklich. Ich nehme an, dass ich auf der Arbeit war und danach habe ich vermutlich auf  unserer privaten Baustelle gearbeitet. Wir waren dabei unser eigenes Haus zu bauen.

Jana: Nein, ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Ich weiß nur, dass ich im achten Monat schwanger und deshalb im Mutterschaftsurlaub war.

Cafébabel: Habt ihr den Mauerfall als historisches Ereignis oder eher als ein Ereignis wie jedes andere wahrgenommen?

Miroslav: Ich dachte, dass es ein recht besonderes Ereignis ist. Seit meiner Kindheit habe ich auf der anderen Seite der Mauer gelebt und kannte die westlichen Staaten nicht. Es gab diesbezüglich keine Informationen. Die Leute, die versucht haben, die Mauer zu überqueren, wurden getötet und als Deserteure angeprangert. Als dann die Mauer fiel, wollte ich wissen, was in der DDR passierte. Ich hatte nicht viele Informationen, ich wusste nur, dass einige Ostdeutsche versuchten in die BRD zu gelangen, um dort Schutz zu erhalten.

Jana: Ich für meinen Teil habe dem Ereignis nicht viel Bedeutung beigemessen. Ich dachte, es sei nur ein Randgeschehen. Wissen Sie, ich bin in einem kommunistischen Staat aufgewachsen und empfand den Kommunismus nicht als schlechte Sache. Für meine Familie und mich stellte der Mauerfall vielmehr eine Bedrohung unserer Freiheit dar, da die westeuropäischen Staaten unsere Feinde waren. Außerdem befürchteten wir, dass die deutsche Wiedervereinigung ein mächtiges und für den Rest der Welt bedrohliches Land entstehen lassen würde. Mein Vater und mein Schwiegervater waren beide Mitglieder der Kommunistischen Partei. Mein Schwiegervater dachte wirklich, dass der Kommunismus eine gute Sache sei, denn die Kommunisten waren es, die unser Land während des Zweiten Weltkriegs befreit haben. Während des Kriegs musste er für das Nazi-Regime arbeiten, weil er im Protektorat Böhmen und Mähren lebte (autonome Verwaltungseinheit unter deutscher Herrschaft, AdR).

Cafébabel: Welche Auswirkungen hatte der Mauerfall auf euer Land?

Miroslav: Wir haben keinen großen Unterschied gemerkt. Für uns war es kein wichtiges Ereignis. Kein Zweifel, es war eine große Veränderung, aber hier, in Tschechien haben wir nichts davon gespürt. Die Mauer fiel nur wenige Tage vor der Samtenen Revolution (friedliche Revolution, bei der die tschechischen Kommunisten gestürzt wurden, AdR). Seit dem 9. November 1989 gab es die ersten Demos gegen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei. Aber in den meisten Fällen fanden diese Demonstrationen in Prag statt, oder in den Großstädten, also fern von der Stadt, in der ich mit meiner Familie lebte.

Was die Stimmung auf der Arbeit anging, erinnere ich mich, dass antikommunistisch gesinnte Personen agressiver geworden sind und mir ihre Aussagen manchmal Angst gemacht haben. Sie haben andauernd wiederholt, dass die Kommunisten hingerichtet werden würden. Leider handelte es sich bei diesen Personen, um Menschen, die ich schon lange kannte. Ich konnte nicht verstehen, warum sie so agressiv waren. Auf meiner Arbeit war die Stimmung immer gut. Ich persönlich war sechs Monate lang in der Kommunistischen Partei. Ich war nie ein versessener Kommunist wie mein Vater es z.B. war, aber ich war aus verschiedenen Gründen gezwungen der Partei beizutreten. Zunächst wollte ich nicht meine Arbeit verlieren, dann wollte ich sicher stellen, dass meine Kinder keine Probleme bekommen würden, und später das studieren können, was sie wollten. Ein anderer Grund war auch, dass ich im Bilde darüber sein wollte, was auf meiner Arbeit passiert, denn nur die Arbeitnehmer, die in der Partei waren, durften an den Versammlungen teilnehmen.

Cafébabel: Und du, Jana? Wie hat der Mauerfall dein Leben beeinflusst? 

Jana: Der Fall der Mauer hat die Verbreitung der Propaganda von Václav Havel ermöglicht. In meiner Familie hat man ihn nicht als glaubwürdig empfunden, denn er war gegen den Kommunismus und saß mehrfach im Gefängnis. Das ist das einzige, was mir aufgefallen ist. Alle Demos und alle Ereignisse haben sich in Prag abgespielt.  Da ich aber in Kutná Hora lebte, hat diese Revolution keine direkten Auswirkungen auf mich gehabt. Wir hatten nicht viele Informationen. Einen Monat später, im Dezember, haben die Medien ein bisschen mehr Informationen verbreitet, aber ich habe nicht so recht verstanden, was diese Revolution darstellte. Wenig später haben Schauspieler, Sänger und bekannte Personen Zusammenkünfte in anderen Städten veranstaltet, um der Bevölkerung zu erklären, was in Prag passierte und was es bedeutete. Die Konsequenzen dieser Revolution oder des Mauerfalls habe ich erst eine Weile danach gemerkt, als Straßennamen geändert wurden oder kommunistische Statuen aus der Landschaft verschwanden. Erst nach der Auflösung der Tschechoslowakei ist mir das Ausmaß bewusst geworden. Was die unmittelbaren Konsequenzen angeht, erinnere ich mich nur daran, dass mein Vater, der für das tschechoslowakische Planungskomitee arbeitete, seine Arbeit verlor und gezwungen wurde, frühzeitig in Rente zu gehen, weil das Komitee mit dem Fall des Eisernen Vorhangs aufgelöst wurde. 

Cafébabel: Was waren andere direkte und indirekte Folgen im Alltag?

Miroslav: Mich hat vor allem überrascht, dass ein Ereignis mit solch einem Ausmaß möglich ist. Mein ganzes Leben lang habe ich in einem kommunistischen Staat gelebt und war überzeugt, dass die Länder im Westen unsere Feinde sind. So wurde es uns auf der Schule beigebracht. Aber ich glaube, ich bin kein sonderlich gutes Beispiel. Ich habe weder gegen den Kommunismus gekämpft, noch war ich ein Anarcho-Kommunist. Ich war irgendwie neutral. Der Kommunismus hat weder mir noch meiner Familie geschadet, deswegen habe ich auch nur gute Erinnerungen an die Zeit.  

Jana: Ich war nicht in der kommunistischen Partei, deswegen hat es nicht wirklich Folgen für mein eigenes Leben gehabt. Außerdem lebten wir nicht in Prag, sondern in Kutná Hora, alles ging seinen Weg wie früher. Auch wenn die Grenzen offen waren, konnten wir nicht verreisen, weil wir das Geld dafür nicht hatten. Außerdem war mein Mann mit unserem Hausbau beschäftigt, und ich musste mich um unsere drei Kinder kümmern. Meine Mutter hat fünf Jahre nach dem Mauerfall angefangen zu reisen.

Cafébabel: Ist der Mauerfall auch ein Symbol für den Fall des Eisernen Vorhangs?

Miroslav: Ja, er symbolisiert die Öffnung der Grenzen und den Wandel unserer Lebensweise.  

Jana: Ja, er bedeutet auch die Wahl des neuen Präsidenten Václav Havel (tschechoslowakischer Präsident von 1989 bis 1992 und Präsident der tschechischen Republik von 1993 bis 2003, AdR)

Cafébabel: Ist der Eiserne Vorhang heute immer noch in den Köpfen der Menschen verankert?

Miroslav: Nein, das glaube ich nicht.

Jana: Ja, meiner Meinung nach, gibt es immer noch eine imaginäre Mauer, vor allem in den westlichen Ländern. Dort bringt man die tschechische Republik häufig mit Russland oder Jugoslawien in Verbindung, obwohl wir nie ein Teil davon waren!  

Cafébabel: War das Leben früher besser als heute?

Miroslav: Das kommt auf die Sichtweise drauf an. Was die Lebensbedingungen betrifft, glaube ich, dass es früher besser war. Wir hatten eine gesicherte Arbeit, Bildung war kostenlos und von guter Qualität, ebenso das Gesundheitssystem. Heute ist das Leben schwieriger, chaotischer und stressiger geworden. Der Staat unterstützt uns nicht mehr so viel wie früher.

Jana: Das ist schwierig zu beantworten. Jede Epoche hat ihre Vor- und Nachteile. Ich kann nur sagen, dass viel Demokratie auch nicht so gut ist, vor allem für junge Leute, die kein Bewusstsein für ihre Grenzen haben. Sie kennen keine Höflichkeit, keine Verantwortung, sie führen häufig ein Bohème-Leben und sind nicht zuverlässig. Es stimmt auch, dass es in der kommunistischen Ära keine Arbeitslosigkeit gab. Jeder hatte eine Arbeit und es gab keine Menschen auf der Straße. Das ist vielleicht der Grund, warum die Generation meiner Mutter zurück zum Kommunismus will.

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!