Beyond Budapest - Reisen in meiner eigenen Stadt

Artikel veröffentlicht am 12. August 2008
Artikel veröffentlicht am 12. August 2008

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Die andere Tour durch den 8. Bezirk der ungarischen Hauptstadt - Józsefváros.

Mit Wasserflaschen bewaffnet sitzt ein gutes Dutzend junger Menschen auf den Stufen des Ungarischen Nationalmuseums, einer der romantischsten Treffpunkte in der Hauptstadt. Als ich ankomme, stelle ich fest, dass diese Leute wahrscheinlich wie ich zu einer Beyond Budapest Tour gekommen sind - einer Stadtführung der besonderen Art, die jeden Sonntag von hier ihren Ausgangspunkt nimmt.

©Judit Jaradi/ Schvéger Judit

Da es ziemlich heiß ist, starten wir den vierstündigen Stadtspaziergang im Museumspark, wo man unter jahrhundertealten Bäumen im Schatten auf einer Bank entspannen kann. Manó Domján und György Baglyas, unsere Tourguides, haben keinen leichten Job. Obwohl hauptsächlich Ungarn an der Führung teilnehmen, die eine Menge Fragen stellen, sind auch ein paar Touristen aus dem Ausland dabei. Mit Hilfe einer selbst entworfenen historischen Zeitlinie und schrägen Anekdoten, wird die ungarische Geschichte in fünf Minuten kurz vorgestellt.

©Judit Jaradi/ Judit Schvéger

Was steckt hinter Józsefváros?

Die diplomierten Soziologen sind stolz auf ihr Baby, das sie heute als das „vielversprechendste Business 2008“ bezeichnen. „Alles begann in den Jahren 2006 und 2007“, erklärt Gyuri. „Ein Freund aus dem Ausland verbrachte ein paar Tage in Budapest und bat uns, ihm unsere Geheimtipps und bevorzugten Plätze des Bezirks zu zeigen. Er war von unserem Spaziergang anschließend so begeistert, dass ich mir dachte, man könnte doch ein Business daraus machen, Besuchern die Werte und Reichtümer des Stadtteils zu zeigen. Für Jahrzehnte hat kein einziger Tourist den Fuß hierher gesetzt.“

Der 8. Budapester Bezirk Józsefváros kann in zwei Teile getrennt werden - den so genannten Palast-Bezirk und einen ärmeren Teil auf der anderen Seite des Grand Boulevard. Geht man lediglich vom Pro-Kopf-Einkommen aus, ist Józsefváros allerdings immer noch einer der ärmsten Bezirke der Stadt. Hier leben hauptsächlich Ungarn, Zigeuner, Slowaken und Chinesen - Seite an Seite. „Viele denken, es ist ein Ghetto, aber das ist einfach nur falsch. Ich würde aber schon von Slum sprechen“, sagt Gyuri. 

©Judit Jaradi/ Judit Schvéger

Neuland für Budapester

Einer der Gründe für den schlechten Ruf des Viertels ist die fehlende öffentliche Sicherheit. Obwohl die Anzahl der Verbrechen deutlich zurückgegangen sind, gilt der Bezirk in den Köpfen der Menschen immer noch als gefährliches Pflaster. Auch die Roma, die im Viertel leben, gelten - beispielsweise bei der Wohnungssuche - als negatives Auswahlkriterium für das Viertel. „Ich sehe es als unsere Mission an, den Ruf des Viertels zu verbessern“, hakt Gyuri ein. „Wir wollen verschiedene Kulturen zusammenbringen, schöne, von Touristen noch nicht überlaufene Orte und eine freundschaftliche Atmosphäre zeigen.“

Auch für Budapester enthalte die Tour noch ein oder zwei Neuigkeiten, sagt Piroska, die gemeinsam mit einem Freund aus der Schweiz an der Tour teilnimmt. „Ich bin selbst Touristenführer, aber ich habe während dieser halbtägigen Tour eine Menge über meine Stadt gelernt.“ Auch ihr Freund Davide aus der Schweiz hält die Beyond Budapest Tour für äußerst bereichernd, im Gegensatz zu herkömmlichen Touristentrampelpfaden.

Ich selbst beginne mich ein bisschen unwohl in meiner Haut zu fühlen. Es ist ziemlich schwer, sich selbst eingestehen zu müssen, dass man seine Heimatstadt so wenig kennt. Ich habe mein gesamtes Leben in Budapest verbracht. Und nach einer Stunde mit der Gruppe fühle ich mich wie eine Fremde, nicht anders als die Amerikanerin neben mir, die ebenfalls an der Tour teilnimmt.

Feigen, Likörfamilien und Gedenktafeln

Die meisten Städte haben Statuen oder Brunnen, wir haben Gedenktafeln - überall. Sie fungieren als Symbole der Erinnerung an nahezu jede wichtige und weniger wichtige ungarische Persönlichkeit. Zu den meisten gibt es jedoch interessante Geschichten, die die geheimnisvolle Historie der Stadt offenbaren. In Nyócker, einem anderen Bezirk, in den sich Mano und Gyuri auf den ersten Blick verliebt haben, führen die beiden inspiriert von Áron Gauders gleichnamigen Animationsfilm von 2004, durch die Straßen und Gedenktafeln.

©Judit Jaradi/ Judit SchvégerWährend der Tour ist nie klar, was als nächstes kommt. Da hört man Geschichten zu zwei verfeindeten Likörproduzenten-Familien oder trifft plötzlich auf eine Budapesterin, die von den seit der Revolution von 1956 vor ihrer Haustür geparkten Panzern berichtet. Die Unbekannte nimmt uns selbst in einen versteckten, süß duftenden Garten in einem der Innenhöfe des Viertels mit, in dem der ungarische Physik-Nobelpreisträger Albert Szent-Györgyi lebte. Im nächsten Garten - der zum Atelier der berühmten Künstlerin Ilona Szűts gehört - pflücken wir Feigen vom hauseigenen Baum.

Nach einer kurzen Lektion über die zwei Teile der Stadt - Buda und Pest - entdecken wir telefonierende Engel, die an der Fassade der ehemaligen Telefongesellschaft angebracht sind, sowie eine hundert Jahre alte Schmiedewerkstatt in der Nähe des Nationalmuseums. Wie oft bin ich bereits an dieser Werkstatt vorbeigegangen und habe mir Fragen zu diesem verlassen anmutenden Ort gestellt: Nun ist er zu einem lebhaften Teil der Stadt für mich geworden.

Endlich bekomme ich auch eine Erklärung dafür, warum viele Stadthäuser in diesem gewissen Gelbton gestrichen sind. Gern würde ich Euch die Antwort auf die Frage geben - aber das müsst ihr schon selbst herausfinden. In der Zwischenzeit ermöglicht eine interaktive Tour auf der Beyond Budapest Webseite den Teilnehmern, ihre ganz eigenen Versionen und Geschichten des Budapester Viertels zu erzählen.