BEYOND 91: Trefft die Perestroika-Generation

Artikel veröffentlicht am 2. März 2017
Artikel veröffentlicht am 2. März 2017

Unser neuestes Reportageprojekt BEYOND 91, das nächste Woche online geht, begibt sich auf Entdeckungsreise in den Nordosten Europas und in das Baltikum und erzählt Geschichten aus der Perspektive der 'Generation Perestroika'. Aber was genau macht diese Generation junger Menschen aus Russland, Belarus, Ukraine, Moldau, Lettland, Litauen und Estland aus?

Fotografin aus Estland - Birgit Püve

„Ich hoffe, dass wir gute Dinge in Bezug auf die Gesellschaft und das Leben allgemein vielleicht besser zu schätzen wissen. Denn wir haben Erinnerungen an eine Zeit, in der einem nichts zugeflogen kam. Wir sind irgendwo dazwischen. Aber Teil beider Welten zu sein, der Vergangenheit und der Zukunft, gibt uns die Möglichkeit, die Vorteile beider zu nutzen.”

Journalistin aus Belarus - Katerina Barushka

„Ich denke nicht, dass die Perestroika-Generation irgendwie spezieller ist als irgendeine andere Generation. Aber sie hat ihre Eigenarten. Wir haben keine Helden. Die Sowjethelden waren verschwunden, die Comic-Helden der Jahrtausendwende in den 1990ern noch nicht bekannt. Wir waren nur uns selbst überlassen und mussten allein herausfinden, wie das mit dem Erwachsenwerden geht. Es handelt sich um eine Generation von jungen Menschen, die nicht weiß, was sie will, aber die gleichzeitig weiß, dass der aktuelle Zustand nicht das Richtige ist. Zu Sowjetzeiten war alles glasklar: entweder du wolltest, was der Staat wollte, oder du hattest Mega-Probleme. Die junge Generation von heute bekommt beigebracht, ihren Träumen zu folgen und auf ihre Herzen zu hören, während wir ganz einfach lernten zu überleben. Wir haben ein verqueres Verständnis von Richtig und Falsch.”

Fotojournalist aus Litauen - Arturas Morozovas

„Ich denke, es ist eine Generation, die Menschenrechte, staatliche Unabhängigkeit und den europäischen Way of Life würdigt. Und zwar aus dem Grund, dass sie sich noch gut erinnert, wie es vorher war: keine Rechte, keine Freiheiten, keine Reisen, harte Zensur etc. Ich erinnere mich an den Geschmack meines ersten Überraschungseis und den ersten Schluck Coca-Cola.”

Journalistin aus der Republik Moldau - Lina Vdovĭi

„Es war eine Generation, die sich plötzlich inmitten eines der größten sozialen und politischen Umbrüche in Nordosteuropa befand. Und es mag der größte Wandel in ihrem Leben gewesen sein - und das gibt uns eine einzigartige Perspektive auf das Weltgeschehen. Die Generation Perestroika hat erst den kompletten Zusammenbruch eines Systems miterlebt. Alles, was sie für normal hielt, all ihre Werte, haben sich plötzlich in Luft aufgelöst. Manche von uns haben damit noch immer zu kämpfen. Und das macht uns aus.”

Fotografin aus Russland - Oksana Yushko

„Ich denke, dass sich die Perestroika-Generation von der ihrer Eltern unterscheidet wie alle anderen Folge-Generationen auch. Gleichzeitig sind ihre Kinder während wirtschaftlicher und politischer Reformjahre groß geworden. Die Sowjetunion war auf dem Wege ihres Untergangs und eine neue Generation 'wartete auf den Wandel' - dieses Zitat aus dem Song “We are waiting for changes” der Band Tsoi im Film Assa (ein Kult-Film von Sergej Solowjow, 1987) wurde zur inoffiziellen Hymne der Perestroika.”

Journalistin und Filmemacherin aus Estland - Liisi Mölder

„Ich habe das Gefühl, unsere Generation sehnt sich stark nach Wandel und Erfolg. Es ist die erste Generation, die mit einer neuen, offeneren Denkweise aufgewachsen ist und deshalb auch die Gesellschaft offener gestalten will. Du kannst tatsächlich dieses Lebensgefühl spüren, nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben, sondern sich der Zukunft zuzuwenden. In Estland ist es diese Generation, die das Land modernisiert.”

Fotograf aus Belarus - Andrei Liankevich

„Wir (sie) wurden in einem Dazwischen geboren. Und die Umbrüche in dieser Zeit sind meistens die dramatischsten und schwersten, aber beinhalten unglaubliche Erfahrungen für die Zukunft.”

Autorin aus Litauen - Ance Šverna

„Die glücklichen und traurigen Erinnerungen aus unserer Kindheit. Unsere vererbte Angst. Unsere Rastlosigkeit und unser stetiger Kampf für Liebe und Frieden.”

Fotografin aus Litauen - Aija Bley

„Diese Generation steckt irgendwie zwischen zwei Zeitepochen fest. Ihr fehlt das Gefühl der Zugehörigkeit, sowohl zur Sojetzeit als auch zu Europa.”

Journalistin aus Litauen - Viktorija Mickutė

„Ich denke, das Typische an der Perestroika-Generation ist ihre Ausdauer für die ganz großen Träume. Es war die erste Generation, die Hollywood-Filme sehen und ausländische Musik ohne Angst hören konnte; sie waren die ersten, die reisen, studieren oder anderswo arbeiten konnten, wenn sie es wollten. Ich habe das Gefühl, dass es eine Generation ist, die kämpfen wird, um genau das zu erreichen, was sie will. Und keine Hürde ist groß genug, um sie aufzuhalten.”

Fotograf aus der Republik Moldau - Ramin Mazur

„Es ist genau das, was jeden zwischen 25 und 30 Jahren in jedem Land speziell macht: Es ist eine Generation des Übergangs, ein Puffer zwischen der industriellen Ära und etwas, das wir gerade dabei sind, zu entdecken. Es liegt an uns, diese Zukunft zu gestalten.”

Journalistin aus der Ukraine - Tatiana Kozak

„Diese Generation ist Zeuge von Systemwandel. Diejenigen, die überlebt haben, bekamen dieses Gefühl der Unabhängigkeit und Freiheit mit auf den Weg, diese Fähigkeit, kritisch zu denken - etwas, das in Sowjetzeiten unter den Menschen der Vorgängergeneration nicht sehr verbreitet war. Aber wir sind auch zynisch und glauben manchmal an überhaupt kein System mehr, das kann manchmal gesund und manchmal ungesund sein.”

Fotograf aus der Ukraine - Arthur Bondar

„Ich kann nicht behaupten, diese Generation sei spezieller, besser oder schlechter als ihre Vorgänger. Sie ist einfach anders. Meiner Meinung nach ist die Generation Perestroika in einer Zeit großer Instabilität und Unsicherheit groß geworden. Deshalb ist unsere Generation eine der Abenteurer, so würde ich es nennen wollen. Wir nehmen Risiken in Kauf, wenn wir nach unseren Träumen jagen.”

Journalistin aus Russland - Alexandra Odynova

„Ich denke nicht, dass wir etwas Besonderes sind. Wir unterscheiden uns von anderen Generationen insofern, dass wir in der Übergangszeit groß geworden sind, die von vielen sozialen Umbrüchen geprägt war. Unsere Pässe sagen, wir sind in der UdSSR geboren, aber es ist ein Land, das wir nur aus den Erzählungen unserer Eltern kennen.”

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Unser neuestes cafébabel-Reportageprojekt BEYOND 91 wird von cafébabel Berlin und Babel International getragen und von Advocate Europe, der Allianz Kulturstiftung und dem DFJW unterstützt.