Bestechung von Ärzten - gang und gäbe in Litauen

Artikel veröffentlicht am 5. November 2007
Artikel veröffentlicht am 5. November 2007

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In Litauen erhalten viele Fachärzte informelle Zahlungen "unter der Hand", um großzügigen Patienten schnellere oder bessere Behandlungen zu gewähren.

In vielen osteuropäischen Ländern ist die Bestechung von Ärzten eine gängige Praxis. Doch in einem so kleinen Land wie Litauen verschlimmert sich die Situation durch niedrige Organ- und Blutspenderraten, die massive Abwanderung von Spezialkräften und den beachtlichen Rückstand in der Medizintechnologie. Diese Praxis ist das Ergebnis des Modernisierungsmangels der alten, noch aus sowjetischer Zeit verbliebenen Institutionen und privater Versorgungszentren, die weder vollwertige noch bezahlbare Alternativen darstellen.

Diese langsame Entwicklung öffnet nicht nur Bestechungsfällen Tür und Tor, sondern führt ebenfalls zu großer Ungleichheit in der medizinischen Versorgung. Nach einem Bericht des Euro-Gesundheitskonsumenten-Index von 2007 besitzt Litauen im EU-Durchschnitt das viert schlechteste Gesundheitswesen: nur Polen, Bulgarien und Lettland liegen noch darunter.

"Entweder sind sie schlecht oder existieren gar nicht." Diese Aussage trifft nicht nur auf die Patientenverbände in Litauen zu, sondern auch auf Versicherungsmöglichkeiten, das elektronische Register, das nicht vor 2013 fertig gestellt wird, oder die Betreuung durch einen Hausarzt. Diese Mängel bündeln sich in einer alarmierenden Anzahl an vermeidbaren Todesfällen.

Im Bericht des Euro-Gesundheitskonsumenten-Index fehlt eine genaue Statistik über jene "unter-der-Hand"-Zahlungen. Eine solche Datenerhebung wäre praktisch unmöglich, ohne gleichzeitig etliche osteuropäische Staaten zu stigmatisieren, in denen sich informelle Zahlungen nicht allein auf das Gesundheitswesen beschränken.

Das öffentliche Gesundheitssystem: Ein vorläufiger Befund

Natalja Keturkiene, Sprecherin des Gesundheitsministeriums, ist das instututionelle Gesicht dieser Entwicklung. Nataljas großzügiges Dekolleté ist fast ebenso schamlos wie die Organisation, die sie repräsentiert. Während sie versichert, weder die Situation der Pharmaindustrie im Land zu kennen, noch deren Kontakte zum Ministerium, breitet sie mit Vorliebe das Regierungsprogramm dieses Jahres aus. Dessen vornehmlicher Zweck: Das Vertrauen der Patienten in das bisherige System zu vergrößern. Im Text des Programms werden Strategien zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Ärzte vorgeschlagen. Schlechte Arbeitszeiten und niedrige Gehälter - 3055 Litas pro Monat (rund 885 Euro) - gelten als Gründe für die Abwanderung des qualifizierten Fachpersonals und für Korruption. Gegenwärtig gibt es nur 12.000 Ärzte in Litauen, von denen ein großer Teil informelle Zahlungen erhält, die 2000 Litas übersteigen. Diese Praxis hat ein solches Akzeptanzniveau erreicht, dass informelle Zahlungen bis 125 Litas (37 Euro) nicht als Bestechungsgelder gelten, sondern als "Geschenk".

Vielleicht können die fotokopierten Programme den Vertrauenszuwachs bewirken, den sich das litauische Gesundheitsministerium so sehr herbeisehnt. Vertrauen ist im 'Santariskiu Klinikos' - dem wichtigsten, öffentlichen Krankenhaus Litauens – jedoch ein Fremdwort. Es ist ein großer, grauer, massiver, kalter und schmutziger Bau. In einem Wort: sowjetisch. Das Krankenhaus fasst 350 Zimmer, die praktisch im Dunkeln liegen. Das Dämmerlicht im Hauptgang ermöglicht einen Blick auf vergilbte Fotografien der verschiedenen Kirchen der Hauptstadt. Zwischen den Fotos steht ein traurig improvisierter Altar samt unförmiger Krippe.

Juglja Svencija, die junge Verantwortliche der Ethik-Kommission der zentrumseigenen Transplantationsabteilung, spricht von Wartezeiten von über zehn Jahren für eine Spenderniere. Sie unterstreicht jedoch, dass Litauen nun Mitglied der EU sei. "Man muss in Betracht ziehen, dass wir uns in der Mitte eines Prozesses befinden. Wir sind nicht so schlecht", sagt sie weiter.

Fragt man Juglja zu Bestechungsgeldern, beeilt sie sich zu erklären, dass "diese Art von Günstlingswirtschaft in ihrer Abteilung nicht möglich sei, da die Profile der benötigten Spender sehr spezifisch sind". Womit sie die Existenz solcher Praktiken in anderen Bereichen faktisch bestätigt. Angesprochen auf die Gerichtsverfahren des Krankenhauses kommentiert sie den Umschwung von einem Extrem in das andere: Bis zur Unabhängigkeit habe es nicht einen einzigen Fall von Fahrlässigkeit gegeben - weil man sie vertuschte. Nun gebe es wiederum "zu viele" davon - dank der Rechtsanwälte, die von den Fällen im medizinischen Bereich profitieren.

Einen halben Kilometer vom 'Santariskiu' entfernt liegt - verlassen am Straßengraben der Landstraße nach Vilnius - das Genesungszentrum für Traumapatienten. Dort beobachtet die Dermatologin Ruta, wie "die schlechte Finanzierung zur bevorzugten Behandlung einiger Fachrichtungen, wie beispielsweise der Kardiologie" führen. Rutas Büro ist streng und völlig kahl eingerichtet. Durch Backsteintüren, die man aus dem Fenster beobachten kann, schlüpfen Pfleger in einen Raum, von dessen Decke Kabel herunterbaumeln. Sie erinnern an die Girlanden einer lang zurückliegenden Einweihungsfeier. Disziplinen wie die ihre, sagt Ruta, lägen bei der Verteilung der Gelder notgedrungen an zweiter Stelle. "Mit guter Vorbereitung versuchen wir allerdings dennoch effizient zu arbeiten!" Die Technologie des öffentlichen Krankenhauses, in dem sie einige Tage der Woche arbeitet, beschreibt sie als "weit überlegen".

Das private Gesundheitssystem: weder Alternative noch Hilfe

Nahe der Altstadt von Vilnius ragt das Medizinische Diagnosezentrum wie ein direkter Gegenentwurf zum sowjetischen Modell in die Höhe. Seine abgerundeten Formen und die in weiß, orange und blau gehaltene Außenfassade erinnern an die Innenausstattung eines Flugzeugs: klein und völlig keimfrei.

Durch einen röhrenförmigen Flur erreichen wir im letzten der vier Stockwerke das Büro des Direktors. Zwischen Aktenordnern und Bücherregalen, Urkunden an der Wand und drei Blumentöpfen, aus denen gesunde Orchideen ihre Köpfe recken, sitzt Laimutis Paskevicius. Seiner Meinung nach müsse "sich die alte sowjetische Mentalität in diesen liberalen Zeiten wandeln. Es gibt nichts umsonst, am allerwenigsten ein öffentliches Gesundheitswesen", so der Direktor.

Mit 39 Jahren ist Paskevicius ebenfalls Direktor der Gesellschaft der Privatkrankenhäuser Litauens und sieht "die Lösung in der Zusammenarbeit beider Systeme". Auch müsse in weniger als einem Jahr ein funktionierender Weg gefunden werden, um den Abschluss von privaten Versicherungspolicen mit monatlichen Zahlungen zu ermöglichen. Paskevicius ist Mediziner und Manager zugleich. Er hat herausragende Abschlüsse in beiden Bereichen in der Tasche, da er fest daran glaubt, dass die "Leiter dieser Zentren nicht nur Mediziner, sondern auch Verwalter sein müssen".

Nach 14 Jahren in der Medizin - die letzten vier davon war er Leiter des Medizinischen Diagnosezentrums - prangert er die "Diskriminierung der Privatzentren durch den Staat" an. Dieser sollte "Rahmenrichtlinien für den freien Wettbewerb schaffen". Aber ein kleiner Funke von Resignation ist in seiner schwingenden Rede hörbar: "Der technologische Fortschritt kommt schnell, die Mentalität der Menschen braucht jedoch viel länger, um sich zu wandeln."

Notdienste

Die medizinischen Einrichtungen in Vilnius sind theoretische Szenarien, die zwei Extreme repräsentieren. Möglicherweise ist der einzige Ort, an dem tatsächlich behandelt wird, der Notdienst der Klinik in Vilnius: hier findet man tatsächlich Blut und Menschen. Ruhig warten die Litauer, bis sie an der Reihe sind und aufgerufen werden.

Die erdbraunen Laken sind grob-geometrisch gemustert. Zwischen den nassen Flecken an der Wand und den Türen in ausgewaschenen Farben hängen Kinderzeichnungen, die die Sonne und den Regenbogen zeigen. Das Labyrinth der Krankenhausflure, in denen ständig ein Echo hallt, ist mit alten Formularen von 1998 dekoriert. Ein junger Mann in den Dreißigern schaut sie sich in Gedanken versunken an, während er ein Stück Stoff fest an seinen Kopf drückt, um damit eine Blutung zu stoppen. Wie er, wartet auch das litauische Gesundheitssystem auf Behandlung.