Besonders Wien

Artikel veröffentlicht am 21. August 2013
Artikel veröffentlicht am 21. August 2013

Wien hat lange damit gekämpft, nicht Berlins Club-Szene zu besitzen – es ist an der Zeit, dass die österreichische Hauptstadt sich als die Stadt sieht, die sie ist: künstlerisch und kreativ, mit internationalem Sound und besonderem Glanz

Vor ein paar Monaten plauderte ich mit einem bekannten Drum-and-Bass-DJ.

Wir saßen in dem winzig kleinen, überfüllten Backstagekämmerchen eines beliebten Wiener Clubs, und der DJ sagte: „Wien ist eine großartige Stadt. Ich wäre so froh, wenn ich hier leben würde.“ Ich war erstaunt: War er nicht in London zuhause, der Hauptstadt der europäischen Untergrund-Kunst, der berühmtesten Clubs, der hippsten Musik? Ich zog die Augenbrauen hoch und antwortete ihm: „Wien ist die langweiligste Stadt der Welt.“ Er musste grinsen.

Diese Episode brachte mich derart zum Nachdenken, dass ich in den folgenden Wochen versuchte, Wien so zu sehen, wie dieser DJ es wohl tat. Ich konnte nicht nachvollziehen, wieso jemand der österreichischen Hauptstadt das Prädikat „großartig“ verleihen würde; Wien hatte in meinen Augen nichts, was irgendwie der Rede wert gewesen wäre – bis ich begann, herauszufinden, was Wien denn zu Wien macht.

Was ist schon „besonders“? 

​Und Wien gibt es, Wien existiert. Es gibt vielleicht keine große „eigene“ Musikszene – wie das Wiener Techno-Urgestein Patrick Pulsinger in einem Profil-Interview im Juli meinte – und wie die Musik sind auch die Clubs internationaler geworden: für mich mit ein Grund, Wiens neue Lieblingsdisco, die Grelle Forelle, hier nicht zu den Besonderheiten des Wiener Nachtlebens zu zählen – Clubs wie die Forelle gibt es in jeder europäischen Großstadt, der Sound ist überall gleich, kristallklar, technoid und cool, das Publikum ebenso. Die Wiener Partymeute sei generell ein wenig eintönig, meinte auch Tanya Bednar kürzlich im The Gap. Bednar veranstaltet seit den 2000er-Jahren die Icke-Micke-Technopartys in Wien; für einige Zeit lebte sie in Berlin und bescheinigt Wien im The Gap von dieser Warte aus kein besonders besonderes Bild: „Wien wird in Berlin nicht wahrgenommen, es existiert nur als Walzerstadt.“

Das sitzt natürlich. Denn Wien wird es nie verwinden  können, nicht Berlin zu sein, nie so hart, nie so unangestrengt kreativ zu wirken wie die deutsche Hauptstadt, die durch ihre jüngste Geschichte noch immer irgendwie neu ist. Wien ist das nicht. Wien ist steinalt. Wien hat protzige Palais und Prachtstraßen, gepflegte Flussufer und touristische Parks.

Tanzen im Museum

Wenn man das Pferd von hinten aufzäumt, sieht die Welt ganz anders aus: Wo sonst kann man zwanzig Meter entfernt von millionenschweren Egon Schieles und Gustav Klimts zu britischem Experimental Hip Hop tanzen, außer im steingefliesten Salon des Café Leopold? Wo seinen Gelben Muskateller mit Blick über Hofburg, Burggarten, Staatsoper schlürfen, außer beim Albert&Tina-Clubbing des Albertina-Museums? Ich denke, dass die Besonderheit Wiens ganz genau darin liegt, historische Plätze zu nutzen, sie zu benutzen, weg vom kaiserlichen Glanz zu gehen und ihn in glänzende Nächte für das Partyvolk zu verwandeln. Es ist schön, große, besondere Räume zu bespielen, aus der düsteren Großraumdisco weg zu gehen, hin zu einem Ort, der für Veranstalter genauso wie Gäste anspruchsvoll ist: Wie mit einem Gebäude umgehen, das Millionen von Touristen anbeten? Mit Monumenten, die von Zigtausenden bestaunt werden? Mit Kunst, die in Wien vor 150 Jahren entstand und noch immer geliebt wird? Die Antwort auf diese Fragen kann nur eine künstlerische sein. Die Partys in der Albertina und dem Leopold-Museum versuchen sie zu finden und erhalten so einen subtilen Mehrwert.

Mit ähnlichen Fragestellungen geht auch das brut im Künstlerhaus um, wenn auch auf wesentlich entspanntere Art als die Kollegen in den Wiener Museumsinstitutionen Albertina und Leopold. Während in den frühen Abendstunden in dem historischen Gebäude am Karlsplatz Konzerte, Theater- und Tanzperformances stattfinden, gibt es zu späterer Stunde in der Bar – mit Balkon! – DJ-Sets für einen kleinen Dancefloor. Auch hier ist es die Location, die das Feiern und Tanzen so besonders macht – die jungen Wiener Künstler, die einst aus den protzigen Hallen des Künstlerhauses auszogen, um die Secession zu gründen, würden heute ins brut zurückkehren, um in einer Mischung aus Project Space und Fin-de-Siècle-Salon die zurzeit wohl außergewöhnlichsten Partys Wiens mitzufeiern.

Im kleinen wie im Großen

Im größeren Stil „clubbiger“ geht es in den Wäldern des Wiener Praters zu: Hier ist die Pratersauna versteckt. Während der Sound hier so international sein mag wie oben beschrieben und auch das Publikum eher unbesonders und aufgestylt ist, kann man wohl selten in einem 60er-Jahre-Badehaus mit zwei Pools, einer überdimensionierten Terrasse und eigenem Garten feiern – das ist Luxus. Und vor allem macht es Spaß, was man in der Pratersauna durch die betrunken finster verzogenen Mienen 17-jähriger Partygirls oft vergessen mag.

Der Club, in dessen Backstagekämmerchen ich begann, Wien anders zu sehen, war das fluc. Er ist meine Homebase geworden in der Zeit, in der ich begann, Wien als meine Party-Heimat anzunehmen: Im fluc zählen noch die wesentlichen Elemente des Feierns, die Freunde, das Tanzen, die Musik. Auch das ist besonders. Besonders schön. Ich hoffe, dass es auch wieder hier sein wird, wo ich mich bei genau dem DJ bedanken kann, der mir die Augen für Wien wieder geöffnet hat. Es ist gut zu sehen, dass diese Stadt nicht nur mehr versucht, Berlin zu sein, und wieder beginnt, ihr Nachtleben mit seinen kreativen, künstlerischen, wienerischen Facetten anzunehmen.