Beruf: Kastrierer

Artikel veröffentlicht am 19. November 2007
Artikel veröffentlicht am 19. November 2007

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Von den rund 8 Millionen Einwohnern Andalusiens gibt es nur knapp 10.000 unter 35-Jährige, die in der Landwirtschaft arbeiten. Ein junger Schweinekastrierer erzählt seine Geschichte.

Ohne Nachfolgegeneration droht der Entwicklung landwirtschaftlicher Berufe das Aus. Ein Problem, dem sich Mariann Fischer Boel, EU-Kommissarin für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, annehmen möchte. Die geringe Anzahl junger Menschen in Europa, die sich dafür entscheiden, in der Landwirtschaft oder in der Viehzucht zu arbeiten (nur 8,1 Prozent der Viehzüchter in der EU sind jünger als 35 Jahre), stellt im Augenblick die größte Hürde in diesem Sektor dar. Das geringe Wissen über die Tätigkeiten, die man in diesem Bereich ausführen kann, ist vielleicht einer der Gründe für das bestehende Desinteresse.

Deshalb haben wir uns in ein andalusisches Dorf begeben - ein Gebiet, das für seine Fleischspezialitäten mit der Herkunftsmarke 'Ibérica' bekannt ist. Dort lebt Luis*, ein 23-jähriger Andalusier, der sich entschieden hat, sein Leben der Kastration von Schweinen zu widmen. "Die Leute haben keine Ahnung, aber ein Kastrierer hat eine ganze Menge Arbeit."

Mehr als 300 Kastrationen pro Tag

Unfassbar, aber Luis* liebt seine Arbeit. In seiner Gegend ist er einer der bekanntesten Kastrierer. Mit 14 Jahren hat er seine Ausbildung begonnen. Ein Kastrierer ohne Nachkommen hatte ihm angeboten, ihn in das Geschäft einzuführen. "Das Schwierigste sind die Säue. Schweine zu kastrieren ist ein Kinderspiel." Er hatte Glück, auf einen guten Lehrmeister zu treffen. Und auf Viehzüchter, die ihm Schweineherden für Übungszwecke zur Verfügung stellten. Schnell wurde ihm bewusst, dass sich nur wenig junge Menschen für diesen Beruf interessieren - in seiner Provinz gibt es nur drei oder vier Kastrierer. Deshalb machte er sich bereits mit 18 Jahren selbstständig. Heute reicht sein Kundenstamm von Huelva über Sevilla und Extremadura bis nach Portugal. "Das Beste daran? Dass ich mein eigener Chef bin und jeden Tag an einem anderen Ort arbeite."

Das Erfolgsrezept laut Luis? "Dass man sehr gut sein muss. Denn sonst stellt Dich niemand an. Es reicht nicht, dass Du die Technik beherrschst. Du musst auch schnell sein und darfst keine Fehler machen." Luis arbeitet immer mit zwei Assistenten, die die Säue festbinden und ihm helfen, die Arbeit schneller und besser durchzuführen. Im Durchschnitt benötigt er zwischen 44 Sekunden und einer Minute für jedes einzelne Tier, so dass er an einem Morgen zwischen 300 und 400 Kastrationen durchführen kann.

Darüber hinaus ist es eine sehr gut bezahlte Arbeit. Luis arbeitet von Montag bis Freitag, hauptsächlich morgens. In Ausnahmefällen allerdings auch samstags und sonntags, manchmal sogar abends. Sein Lohn berechnet sich anhand der Zahl der kastrierten Tiere, circa 2 Euro pro Schwein. Der Sommer ist zwar die Hauptsaison, aber auch im Herbst vor der Mastzeit beschneidet er Tiere. An Arbeit mangelt es ihm das ganze Jahr über nicht.

In Ländern wie Spanien, wo die Schweinezucht ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist - insbesondere in Gebieten wie Extremadura und Andalusien - ist die Kastration von Schweinen und iberischen Säuen von großer Bedeutung: sie ist ausschlaggebend für die spätere Geschmacksnote der Fleischwaren. Doch auch in anderen Ländern werden Kastrationen durchgeführt, denn die Schweinezucht bildet den zweitgrößten Viehwirtschaftszweig in Europa, mit 21,7 Millionen Tonnen Schweinefleisch allein im Jahr 2007. Übertroffen wird sie nur von der Geflügelindustrie. Deutschland, Griechenland, Belgien, Holland und Irland sind die Länder, in denen am meisten produziert wird.

Bauernregeln

Auf die rhetorisch gemeinte Frage, antwortet Paco überraschender Weise, dass er trotz der täglichen Erfahrungen durchaus viele Frauen trifft. Lachend sagt er: "Sie haben die Zügel in der Hand, und wie! Viele führen sogar den Hof." Sie arbeiten als Tierärzte auf dem Feld oder sind Hofeigentümerinnen.

Die Jungen dagegen bleiben selten im Betrieb, erst recht nicht auf niedrigeren Posten. Von den 6,5 Millionen Viehzüchtern in der EU waren 75,1 Prozent bereits älter als 45 Jahre (so die aktuellen Zahlen von Eurostat). Trotzdem glaubt Paco nicht, dass dies in den nächsten Jahren zum Problem wird. "Wer jetzt noch bei seinen Eltern arbeitet, wird den Hof später einmal übernehmen", meint er. Für ihn gibt es kein mangelndes Interesse an der Landwirtschaft. Besonders häufig trifft man Einwanderer, die in der Viehzucht arbeiten, hauptsächlich Rumänen. "Viele von ihnen sind Tierärzte", sagt Paco, und "sehr gut ausgebildet".

Streit mit den Tierärzten

Obwohl Tiermedizin als ein sicherer Berufszweig gilt, gibt es Zweifel. Um sich als Kastrierer selbständig zu machen, bedarf es einer legalen Bestätigung, einer Bescheinigung als "Helfer der Veterinäre". Aber Kastrierer sind keine Tierärzte, zumindest nicht automatisch. Die Veterinäre befinden sich in einem fortwährenden Kampf, weil viele Kastrierer behaupten, Tierärzte zu sein und das Gesetz diesen Punkt nicht genau regelt. Viele Tierärzte wüssten grundsätzlich nicht, wie man kastriert. Dennoch übernehmen einige unter ihnen die Kastration, weshalb viele Viehzüchter aufgehört haben, die 'echten Kastrierer' zu rufen. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Die Kastrierer fordern jedoch, dass Veterinäre sich zunächst einer technischen Schulung unterziehen müssen. Denn, so Paco, "nur weil man Tiermedizin studiert hat, weiß man noch lange nicht, wie man kastriert."

* Name geändert