Beruf Clown: Marenka oder die Kunst des Echt-Seins

Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2010
Artikel veröffentlicht am 11. Juni 2010
Seit 7 Jahren steht Marenka - alias Marenka Leins (37) - als Clown auf den deutschsprachigen Bühnen Europas. Ihr Handwerk, das sie in Hannover, Frankreich und Kalifornien lernte? Menschen zum Lachen zu bringen!

Wien, ein kühler Tag im Frühjahr, drei Uhr nachmittags. Unter dem prunkvollen Gewölbe des Café Central eilen die Ober von einem Tisch zum nächsten. Dazwischen kann man mit etwas Glück einen echten Clown treffen. Entgegen aller Klischees weiblich, ungeschminkt, mit geschätzter Schuhgröße 37, kleiner Nase, die Haare unkompliziert zum Knoten gebunden, ganz in zivil - und selbst mit 24 Jahren das erste Mal im Zirkus gewesen: Marenka.

Eigentlich besitzt nur die etwas zu eng geschnallte Lederschultasche auf Marenkas Rücken etwas Clowneskes. Gerade hat Marenka ein Engagement in Wien und sitzt nachmittags oft stundenlang im Kaffeehaus. Bei einer Mélange genießt sie die gemütliche Atmosphäre und saugt die Umgebung um sich herum auf: „Ein Clown beobachtet. Die Menschen, sich selbst. Er hat die Fähigkeit, das Gesehene zu verarbeiten, zu formen und dann noch den Drang, dieses vor anderen Menschen zu präsentieren.“

Gut möglich, dass auch ein Moment im Kaffeehaus irgendwann zum Grundgerüst einer Rolle mutiert: der frisch verliebte Mann, der seiner Angebeteten entschlossen aus der Jacke zu helfen versucht und dabei eine Kettenreaktion mit schwankenden Vasen, brechenden Stühlen und fallenden Garderobenständern auslöst; die elegante Dame, die ihren Löffel im Walzerrhythmus durch den „großen Braunen“ (Kaffee) tanzen lässt, oder das unbeholfene Dienstmädchen, das versehentlich direkt ins Scheinwerferlicht der Bühne gerät und nicht weiß, wie sie dieser misslichen Lage blamagefrei entkommen soll.

"Traudl" - eine Rolle, die für "organisiertes Durcheinander sorgt"Neben der Beobachtungsgabe verlangt Marenkas Beruf vor allem größte Disziplin. Als selbständiger Clown muss sie nicht allein ständig neue Ideen für gelungene Choreographien entwickeln, sondern diese wollen auch durch regelmäßiges Krafttraining für maximale Körperbeherrschung vorbereitet sein. Außerdem gilt es, das passende Kostüm zu finden, Kontakte zu pflegen und täglich neue Engagements zu organisieren. Oft genug erledigt Marenka ihre Büroarbeiten schon ab halb acht, dann folgt mehrstündiges Training. Der Tag endet meist kurz vor Mitternacht mit dem fallenden Vorhang. Wenn man so will, bündelt der Clown Marenka viele verschiedene Berufe in einer Person: Sie ist Schauspielerin, Autorin, Regisseurin, Managerin...; all dies fließt auf der Bühne zusammen.

Wir leben Lügen

Den Anfang nahm ihr Weg als Clown im Alter von 14 Jahren mit dem Erlebnis eines Pantomimen: „Er schuf eine Welt, die ich sehen konnte und doch nicht da war.“ Vier Jahre später nahm Marenka, die eigentlich Marenka Leins heißt, auf Anregung einer Freundin selbst an einem Pantomimenkurs teil und bewarb sich anschließend mit einem nach eigener Aussage „grottenschlechten“ Video für ein Intensivseminar. Angenommen wurde sie, wie sie später erfuhr, schlicht, weil sie keine Hemmungen gehabt habe zu zeigen, dass sie nichts könne. Diese Unerschrockenheit, gepaart mit entwaffnender Offenheit, ist ein wichtiger Antrieb für Marenka geblieben: „Ohne es zu merken, leben wir Lügen. Es ist mir ein Bedürfnis dies aufzudecken, […] echt und voller Leben zu spielen.“

Maßgeblichen Einfluss auf ihre Entwicklung schreibt Marenka den Künstlern Garold Andersen, Avner Eisenberg und dessen Frau Julie Goell zu. Ihnen begegnete sie auf verschiedenen Ausbildungsstationen in Frankreich und Kalifornien, wo sie an der Dell´Arte School of Physical Theatre in Blue Lake studierte. Was Marenka dort lernte, bezeichnet sie heute als ihr Handwerkszeug, das bei Kulturveranstaltungen, Galas, Festen und Variété, Shows in Deutschland, Spanien, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und den USA zum Einsatz kommt.

An einige dieser Auftritte denkt Marenka besonders gern zurück: „Das witzigste war, als während einer Vorstellung (ich spielte einen Hund, der die Zunge rausstreckt, wie das Hunde halt so machen) ein echter Dackel auf die Bühne sprang und mich „küsste“. Das Stück war fast nicht fertig zu spielen, denn sobald ich die entsprechende Position einnahm, war der Hund schwanzwedelnd zur Stelle.“

Nur kurze Augenblicke sind es, die Marenka aufzeichnet wie ein Seismograph. Dann werden sie mit einer passenden Mischung aus Ernst und Witz zugespitzt und verfeinert. Für größtmögliche Authentizität bedarf es bisweilen der Suche nach passenden Milieustudien der 1950er Jahre in Antiquariatsbeständen; der Rest passiert auf der Bühne. Auch von dort aus beobachtet Marenka, voller Ernsthaftigkeit und Interesse am Komischen zugleich: „Fällt ein Mann hin - lacht man. Fällt eine Frau hin...fühlt man sich schlecht, wenn man lacht. Wird ein Mann geschlagen - lacht man. Wird eine Frau geschlagen... das ist fast ein Tabu. […] Das Publikum zeigt einem, was funktioniert und was nicht. Die größten Geschenke sind für mich oft aus Pannen vor dem Publikum entstanden.“ So formen sich ihre Stücke von der banalen Alltagssituation bis hin zur ausgereiften Vorstellung unter vollem Körpereinsatz; spontan, dynamisch und scheinbar (!) ohne Anstrengung. Je verflixter die Panne, desto größer ist das Entwicklungspotenzial - ungeschminkt, ein echter Clown.

Fotos: ©marenka.de