Berliner Guerilla Gardening: Auf die Plätze - Saatbombe - los!

Artikel veröffentlicht am 9. März 2011
Artikel veröffentlicht am 9. März 2011
Was machen die da eigentlich genau? Handelt es sich um Besetzer? Oder Umweltschützer? Schießen sie wild mit Blumensamen umher? Kommen sie maskiert und verstreuen heimlich Samen in der Weltgeschichte? Cafebabel.com besuchte Plätze und Straßen in Berlin, um dem Prinzip „Guerrilla gardening“ auf den Grund zu gehen.

"Guerilla Gardening" klingt irgendwie nach einer verbotenen Nacht- und Nebelaktion oder einem Kampf verrückter Gärtner für eine bessere Welt. In Wahrheit hat das urbane Phänomen damit aber eher weniger zu tun. Manch einer würde vielleicht von Forderungen nach einer grüneren Stadt sprechen, andere betrachten das Guerilla Gardening als eine gesündere Art, sich mit unserer Ernährung auseinanderzusetzen. Nachbarschaftliche Gartenprojekte sind nicht illegal, aber auch nicht immer wirklich legal. Das Guerilla Gardening liegt somit irgendwo in einer Grauzone, im Niemandsland. Im Großen und Ganzen handelt es sich aber schlicht und einfach darum, dass jemand etwas auf einem Stück Land pflanzt, das nicht ihm gehört.

„Eine andere Welt ist pflanzbar“

Auf einer Seite des Berliner Bethaniendamms wächst mitten auf der Straße Gemüse. Auf einer Holzbarriere steht in grüner Farbe geschrieben: „Eine andere Welt ist pflanzbar!“. Hanns Heim erzählt, dass das alte Krankenhaus, zu dem dieses Grundstück gehört, das erste besetzte Haus in Deutschland war. Heute pflanzen und pflegen die Nachbarn hier alle möglichen Nutzpflanzen. Aber es war nicht einfach, dieses kleine Stück Land zu erobern. „Als die Bezirksverwaltung beschloss, diesen Bereich zu restaurieren, wollten wir, dass auch die Menschen davon profitieren. Wir schlossen uns dem Projekt an und schlugen vor, dass auf dem Boden etwas angepflanzt werden sollte“, erklärt Hanns, einer der Pioniere der Berliner Aktion Ton, Steine Gärten. Die Antwort der Stadt fiel zunächst negativ aus, es sollte dort eine Grünfläche entstehen, aber keine Gärten.

Im Hintergrund: "Eine andere Welt ist pflanzbar"

“Wir protestierten gegen diese Idee, denn dieser Plan war nur auf die Reichen ausgerichtet. Aber den Boden zu nutzen, um etwas anzupflanzen, lag im Interesse der Öffentlichkeit.“ Deshalb beschloss die Gruppe um Hanns Heim, da die legale Variante nunmehr aussichtslos schien, die Fläche zu besetzen. Zu Beginn wurde die Truppe von der Polizei vertrieben, aber, so erzählt es Hanns, „sie dachten wohl es wäre gefährlich.“ Darum verhandelte der regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, mit ihnen und versprach ihnen schlussendlich 2000 Quadratmeter Fläche. Letztendlich traf man sich also irgendwo in der Mitte. Ton, Steine Gärten bezahlen nichts für die Miete oder für Wasser, haben einen Boden mit guter Qualität und ein kleines Lager für ihre Werkzeuge. Sie dürfen aber keine Zäune aufstellen oder Mauern ziehen - und auch nicht mehr Land besetzen.

Hanns, ein ehemaliger Taxifahrer, der inzwischen in Rente ist, beschloss, sich der Sache anzunehmen, um dem „Kapitalismus den Rücken zu kehren“ und ist zufrieden. Inzwischen bauen hier im Mariannengarten um die sechzig Anwohner alle möglichen Pflanzenarten an. „Und viele weitere haben Interesse gezeigt, bei Ton, Steine Gärten mitzumachen.“, versichert ein anderer Mitstreiter, Malte Zacharias. „Wir streuen nicht heimlich Saatbomben, wie es manche denken“, betont er. Prinzipiell ginge es darum, ein Stück Land, das allen gehört, im Allgemeininteresse zu nutzen.

Wachsen Pilze nicht im Supermarkt?

Ortswechsel: Die Geschichte des Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg beginnt zunächst in Kuba. Robert Shaw bereiste die Insel und brachte in seinem Koffer ein Bild mit zurück nach Berlin: Menschen, die ihr eigenes Essen mitten in der Stadt anbauen und darüber hinaus gemeinsame Erfahrungen an einem Ort austauschen, an dem Jung und Alt voneinander lernen können.

Warum sollte man so etwas nicht auch in Berlin machen? Robert Shaw und sein Freund Marco Clausen gründeten daraufhin einen gemeinnützigen Verein. Nun fehlte nur noch der passende Ort für den Nachbarschaftsgarten. Im Sommer 2009 wurden die Freunde fündig. Mit Hilfe von Kumpels, Nachbarn und Mitstreitern entfernten sie den Müll am Berliner Moritzplatz, legten ihren Bio-Stadtgarten an und ernteten die ersten Früchte ihrer Arbeit.

Die Menschen beteiligen sich freiwillig an der Pflege des Gartens. „Sie geben uns ihre Zeit und im Gegenzug lernen sie etwas“, erklärt Marco. „Die Hauptarbeit besteht nicht darin, irgendwas anzupflanzen, sondern darin, die Menschen zusammenzubringen und ihnen die Verantwortung für den ganzen Prozess zu übertragen. Wenn du etwas isst, was du selbst angepflanzt und wachsen gesehen hast, ist das eine völlig andere Erfahrung.“ Die Biodiversität ist ein weiteres Argument: Tatsächlich werden am Moritzplatz auch Sorten angebaut, die man nicht in Supermärkten finden kann. Es gibt auch gemeinsame Projekte mit Schulen, in deren Rahmen Kindern beispielsweise vermittelt wird, dass Pilze nicht im Supermarkt wachsen. Außerdem haben die Betreiber des Prinzesinnengarten ein Café mit Produkten aus dem hauseigenen Garten eröffnet. „Essen ist etwas, das mit Vergnügen verbunden sein sollte und was viele Menschen zusammenbringen kann“, so Marco.

Was eine Handvoll Blumen ausdrücken kann

Auch Frank Daubner wollte seine Stadt abwechslungsreicher gestalten. „Und wenn es in diesen typischen Pflanzparzellen vor den Häusern nicht einfach nur Erde, sondern stattdessen Kräuter und Blumen geben würde?“, fragte sich der Designstudent eines Tages. Mit dieser simplen Idee, die mehr grün in graue Städte bringen sollte, ward das Universitätsprojekt Grün Mint geboren.

Frank machte sich daran, Samenkörner auf der Straße zu verteilen, die Idee zu erklären sowie den Menschen Ratschläge zu geben, damit jeder seinen Beitrag leisten könne. Und die Erfahrung war positiv. In der Tat ist das Projekt, mehr als fünf Jahre später, immer noch im Gange. Arvid Hagedorn übernahm die Leitung, als der Ideengeber in eine andere Stadt zog: „Einige Sponsoren haben uns unterstützt, um weiterzumachen und es entstand sogar ein Wettbewerb um den schönsten Garten.“

“Es ist eine Schande, dass die Menschen sich nicht um ihre Stadt kümmern. Es ist doch immerhin der Ort, an dem wir leben“, klagt Arvid. Die Stadt gehört allen und nicht jeder will, dass es nur noch „Häuser für die Reichen“ gibt. Die Blumen an den Bürgersteigen sind nicht bloß Dekoration, sie tragen auch eine Botschaft: Wir haben eine Vorstellung davon, wie wir die Stadt gestalten wollen.“

Foto: Homepage (cc) chelscore/flickr; Malte Zacharias: ©Ester Arauzo; Video Guerilla Gardening: (cc)YouTube.com