Berliner Autorin Linda Sabiers: Den Alltag in Prosa verwandeln

Artikel veröffentlicht am 6. April 2016
Artikel veröffentlicht am 6. April 2016

Sie macht aus Berliner Alltagsmomenten fein beobachtete Erzählungen: Linda Sabiers will Literatur den Leuten zugänglich machen – und nebenbei einen der ersten modernen jüdischen Berlin-Romane schreiben, in dem es mal nicht um den Holocaust geht.

Linda Rachel Sabiers lauscht, und das mit Leidenschaft: „Meine Inspiration ist der Alltag“, sagt sie. „Ich höre andauernd Leuten zu“. Und nicht nur das, Linda starrt auch: „Meine Familie und Freunde sagen immer: Starr doch nicht so!“ Im Moment kann Linda allerdings nicht hören, was am Nebentisch passiert – sie muss sich auf das Interview konzentrieren. Dabei gäbe es im Brut, einer deutsch-französischen Vesper-Bar auf der Torstraße, sicher genug zu hören, zu lauschen, zu erfahren.

Aus dem, was Linda erlauscht hat, macht sie – nicht immer, aber immer öfter – Geschichten. Die handeln von Berlin, von Touristen, Politessen und von der Mutter mit Kind. Im Café, auf der Straße, auf dem eigenen Sofa. Mal anzüglich, mal poetisch, mal kurzweilig. 030 nennt Linda diese Berliner Geschichten, nach der örtlichen Telefonvorwahl, und schickt sie regelmäßig per Facebook hinaus in die Welt. „030, das ist Berlin auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht“, sagt die 31-Jährige und dass sie Facebook ganz bewusst als Literatur-Medium nutze: „Ich will Literatur den Leuten zugänglich machen, die oftmals arrogante Aura von Literatur durchbrechen.“ Lindas unprätentiöse Art verstehen einige Leser allerdings auch falsch. Sie denken, die Linda in den Texten, die zum Beispiel für Mit Vergnügen so offen über Sex oder intime Gedanken schreibt, sei die reale Linda. Dabei hat man doch schon in der Schule gelernt, dass das Lyrische Ich ungleich Verfasser ist. Linda seufzt. „Es ist immer wieder ernüchternd. Ich will die Leute mitnehmen auf eine prosaische Reise – und manche denken nur daran, ob das denn auch alles so stimmt, was ich schreibe.“

Jüdischer Berlin-Roman ohne Holocaust

Wenn Linda nicht gerade tagsüber in einem Startup arbeitet und für die Jüdische Allgemeine schreibt, nutzt sie jede freie Minute, ihr Herzblut in verschiedene literarische Projekte zu pumpen. Das größte davon: der erste eigene Roman. Worum geht’s da? Linda trinkt ihren Tee und überlegt. „Ehrlich gesagt ist das auch für mich schwer zu sagen.“ Noch ein Schluck Tee, dann versucht sie es aber doch: „Man könnte sagen, es ist ein Familienroman. Erzählt aus der Perspektive einer modernen jüdischen Frau, die sich in einem Identitätskonflikt befindet. Während sie all das hinterfragt, was sie ausmacht und prägt, entdeckt sie ein Familiengeheimnis – und das wühlt sie, alles, ganz schön auf.“

Wichtig ist Linda, dass es in ihrem Roman um das Hier und Jetzt geht. Es soll ein jüdischer Berlin-Roman werden, aber ohne Holocaust. Er soll vielmehr an die Weimarer Zeit anknüpfen, damals, als noch Sex, Drugs and Nightclubbing Charlottenburg regierten – das Berliner Epizentrum jüdischer Kultur. Da wohnt Linda und möchte eigentlich nie wieder weg: „Hier haben vor dem Krieg jene gelebt, die die deutsche Literatur entscheidend mitgeprägt haben. Die meisten von ihnen haben den Krieg nicht überlebt oder sind geflüchtet.“ Und seitdem gilt in Deutschland von jeher die praktische Formel, dass jüdische Kultur gleich Kriegsthemen ist, und der Jude daher immer Opfer. Das nervt Linda und sie zitiert die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: „Es ist wichtig, dass wir uns nicht nur über den Holocaust definieren“.

„Salontauglicher Alltagsrassismus“ an jeder Ecke

Sie selbst sei nicht religiös, aber gläubig, sagt Linda. Sie glaube an „Familie, Werte, Kultur“. Ihre jüdische Mama ist in Tel Aviv geboren, ihr nicht-jüdischer Papa in Deutschland. Linda geht zweimal im Monat in die Synagoge – vor allem wegen der Gemeinschaft. Teilweise findet sie es schwer, sich von den Erwartungen der konservativen Teile der jüdischen Community loszumachen: „Da ist es eben so, dass man sehr früh heiratet. Viele meiner jüdischen Freunde sind in Beziehungen und haben Kinder. Und ich? Ich bin Single in Berlin.“ Ein Grinsen.

Und in diesem Berlin, weltoffen, multikulturell, arm aber sexy, fällt Linda immer wieder auf: „salontauglichen Alltagsrassismus“ gibt’s an jeder Ecke, inklusive Sprüche wie: „Ihr Juden habt’s ja mit den Finanzen“ – gewisse Stereotype halten sich hartnäckig. Das ist insbesondere durch den Israel-Gaza-Konflikt 2014 wieder ganz deutlich geworden. Plötzlich hatte jeder in Deutschland eine Meinung zur israelischen Politik, viele nutzten unter dem Deckmantel der Israel-Kritik die Gelegenheit, antisemitische Sprüche loszuwerden. Linda hat selbst mal zehn Monate in Tel Aviv gelebt – dann aber doch recht schnell gemerkt, dass sie „zu europäisch“ ist: „Ich schreibe auf Deutsch und allein durch die Sprache fühle ich mich dem Land sehr verbunden.“ Der Aufstieg rechter Parteien wie der AfD macht ihr allerdings Angst, den lässigen Umgang junger Deutscher ihrer Generation damit findet sie „naiv“.

Die Leser verzaubern, immer wieder

Tel Aviv wird immer Lindas zweite Heimat bleiben, aber ihre „preußische Seele“ fühlt sich in Berlin einfach wohler. Seit fast sieben Jahren lebt sie hier und empfindet der Stadt gegenüber vor allem: Dankbarkeit. „Hier bin ich die geworden, die ich bin“, sagt Linda. Berlin hat sie verzaubert – und das versucht sie eben auch mit ihren Berliner Geschichten: die Leser zu verzaubern. Linda verzieht das Gesicht: „Das klingt sicher superkitschig, aber das ist es, was ich will. Heute erleben wir alle doch eine totale Reizüberflutung. Da erscheint der Alltag plötzlich langweilig. Aber das ist er nicht!“ Zumindest nicht in Lindas kleinen Geschichten aus diesem mal liebenswürdigen, mal in den Wahnsinn treibenden Chaos, das sich Berlin nennt.

Berlin-Schnellcheck mit Linda Sabiers

Lieblingsort: Der Savigny-Platz – hier prallen Vor- und Nachkriegsberlin aufeinander

Was unbedingt machen: Kaffeetrinken im Ora am Kreuzberger Oranienplatz

Was unbedingt sein lassen: Alexanderplatz und da besonders Primark und Weihnachtsmarkt – der Inbegriff der Abartigkeit

Berlin in einem Wort: Zuhause

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Dieses Porträt ist Teil der Serie BERLINERS, in der wir Berliner Köpfe vorstellen.