Berlinale-Wettbewerb: ASGHAR FARHADI begibt sich erneut auf Bärenjagd

Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2011
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2011
von Sandra Wickert Schon 2009 gewann der iranische Regisseur Asghar Farhadi mit „Alles über Elly“ einen silbernen Bären. Mit seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag „Nader and Simin. A separation“ ist er erneut einer der heißesten Anwärter auf diesen Preis.

nader4.jpg Simin ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs. Endlich, nach ewigem Hickhack hat ihre Familie ein Ausreisevisum erhalten, doch ihr Mann Nader fühlt sich seinem pflegebedürftigen Vater verpflichtet und möchte lieber im Iran bleiben. Um Simin zu halten weigert er sich, in die von ihr eingereichte Scheidung einzuschlagen und somit die gemeinsame Tochter als menschliches Pfand an sich zu binden. Nader ist ein guter Ehemann, seine Tochter liebt ihn, er ist liberal eingestellt und packt auch im Haushalt mit an – keinerlei Gründe, die eine Scheidung für den zuständigen Beamten rechtfertigen würden. Als Simin für zwei Wochen zu ihren Eltern zieht, um ihren Standpunkt klarzumachen, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

20116885_1.jpg „Nader and Simin…“ ist ein vielschichtiger Film: Es geht um Altenpflege, Überforderung der Angehörigen, Verantwortungsgefühl versus persönliche Freiheit, Lügen und Verstrickungen und, fast nebenbei aber ständig präsent, die aktuelle politische und religiöse Situation im Iran. Während Nader und Simin für den fortschrittlich denken, neuen Iran stehen, verkörpert die zur Pflege des dementen Vaters bestellte Haushaltshilfe Razieh den stark religiös geprägten Teil der Bevölkerung. Auf der einen Seite stehen Nader, der die jugendliche Tochter zu selbständigem Denken und Verantwortungsbewusstsein erzieht sowie Simin, die ihrem Mann gegenüber völlig gleichberechtigt ist und sich von nichts und niemandem etwas sagen lässt. Auf der anderen Seite steht die fromme Razieh, die erst eine religiöse Instanz um Erlaubnis befragen muss, bevor sie den Naders Vater, der in seine Hose genässt hat, entkleiden darf.

20116885_6.jpg Geschickt verstrickt Asghar Farhadi diese Gegenpole zu einer Geschichte, in der plötzlich nicht mehr alles schwarz oder weiß ist, wo nicht mehr klar ist, wer lügt und wer die Wahrheit sagt – und ob es die Wahrheit als solche überhaupt gibt. Was für die moderne Familie Naders als richtig erscheinen mag, kann für Razieh und ihren Mann eine Katastrophe bedeuten. Trotz sozialer Unterschiede sind es, Tochter Termeh eingeschlossen, die drei Frauen, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, ihre Familien zu retten, während die Männer eher an ihren eigenen Stolz als an das allgemeine Wohl denken. „Nader and Simin. A separation“ ist anstrengend, weil vieles auf einmal geschieht, weil alle ständig durcheinander reden, weil man oft das Verhalten der Beteiligten nicht nachvollziehen kann, weil man sie rütteln möchte, um sie zur Vernunft zu bringen, weil man ja schon ahnt, dass sich am Ende leider nichts in Wohlgefallen auflösen wird. Realistisch, packend und wichtig: das könnte einen Bären geben.

Filmstills@Internationale Festspiele Berlin