Berlinale: "Unter Kontrolle" - Die Vision einer besseren Welt

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2011
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2011
von Michael Kienzl Unter Kontrolle, Volker Sattel Als in den 1960er Jahren in Deutschland die ersten Kernkraftwerke gebaut wurden, war die Bevölkerung noch voller Idealismus. Die zur Stromerzeugung genutzte Nuklearenergie sollte strikt getrennt werden von den verheerenden Folgen der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki.
Immer wieder wurde betont, dass es sich hier um eine friedliche Nutzung der Nuklearenergie handelt. Noch bis in die 1980er Jahre wurden im deutschsprachigen Raum Kernkraftwerke gebaut und die neue Technologie propagiert. Seitdem hat sich einiges geändert. Ende der 1970er Jahre firmierte sich die Anti-Atomkraft-Bewegung, spätestens mit der Katastrophe in Tschernobyl 1986 ging es mit dem Image der Nuklearenergie dann zunehmend bergab, und immer mehr Kraftwerke wurden geschlossen.

Mit seinem Dokumentarfilm Unter Kontrolle über die Sicherheitsvorkehrungen in Atomkraftwerken hat Volker Sattel perfektes Timing bewiesen. Gerade jetzt, wo sich der Volkszorn wieder zunehmend auf der Straße entlädt, liegt so ein Film ganz am Puls der Zeit. Das Beachtliche dabei ist, dass Sattel auf den Protestzug nicht aufspringt und alles andere als einen agitatorischen Film gegen die Atomkraft gemacht hat. Vielmehr versammelt er verschiedene Gesprächspartner – deutlich mehr Befürworter als Gegner –, gewährt ungewohnte Einblicke in das Innere von Atomkraftwerken und überlässt das Urteil, wie sicher diese nun sind, bis auf die etwas tendenziöse Schlussszene dem Zuschauer.

Die besondere Faszination von Unter Kontrolle erklärt sich daraus, dass die Gefahr der Atomkraft durchaus präsent ist – nicht zuletzt auf sehr unheimliche Weise, wenn sich die Kamera tief unter die Erde begibt, um ein Endlager für radioaktiven Müll zu präsentieren –, gleichzeitig aber auch die Begeisterung, mit der die neue Technologie in der Frühzeit verklärt wurde, noch in den Bildern steckt. Bei Sattel ist diese Begeisterung allerdings eine rein ästhetische, die sich vor allem dann zeigt, wenn er der Anziehungskraft der bombastischen Industriearchitektur erliegt.

Im Inneren der Kraftwerke wird der Zuschauer dann Zeuge von Mitarbeitersitzungen – dem Film nach zu urteilen, scheint das eine reine Männerdomäne zu sein –dem Wechseln von Brennstäben oder wie die Arbeiter jeden Tag nach Beendigung ihrer Schicht in einer futuristisch anmutenden Glaszelle auf Verstrahlung getestet werden. So spannend diese Beobachtungen mitunter sind, dramaturgisch könnte Unter Kontrolle etwas dichter sein. Es ist zweifellos ebenso interessant, was mit vor Jahren geschlossenen Kraftwerken passiert ist – das Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ in Sachsen etwa dient als Austragungsort für Volksfeste –, oder mit den Menschen, die darin gearbeitet haben, mitunter wirkt der Film aber durch die Vielzahl der angesprochenen Aspekte ein wenig unfokussiert. Immer mehr Kraftwerke versucht Sattel unterzubringen und dehnt die Spielzeit dabei mehr als nötig gewesen wäre. Ein beeindruckender Film ist ihm trotzdem gelungen.

Banner 150 x 50.fh10In Zusammenarbeit mit Berlinale im Dialog, dem deutschen-französischen Blog des DFJW.

Filmstills @ Internationale Festspiele Berlin