Berlinale Tag 1: Gestatten, die Jury

Artikel veröffentlicht am 5. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 5. Februar 2014

Der Be­ginn der Ber­li­na­le wird von zwei dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­sen in der Film­sze­ne überr­schat­tet: Die von Woody Al­lens Stief­toch­ter vor­ge­brach­ten Miss­brauchs­vor­wür­fe und der Tod von Phi­lip Sey­mour Hoff­man waren bei der Pres­se­kon­fe­renz der Ber­li­na­le-Ju­ry un­wei­ger­lich gro­ße Themen. Aber wer ver­gibt denn jetzt ei­gent­lich den gol­de­nen Bären?

James Scha­mus, der Prä­si­dent der acht­köp­fi­gen Jury, ist ein aus­ge­spro­chen um­trie­bi­ger Pro­du­cer, Dreh­buch­schrei­ber und Ge­lehr­ter. Die Ber­li­na­le-Or­ga­ni­sa­to­ren wer­den bei sei­ner No­mi­nie­rung si­cher­lich auch an den Nut­zen für ihr Film­fes­ti­val ge­dacht haben, da Scha­mus vor allem der Ba­lan­ce­akt zwi­schen kom­mer­zi­el­lem Kino (Stich­wort "Hol­ly­wood") und Ar­thouse-Fil­men über­ra­schend gut ge­lingt. Eben die­ser Ba­lan­ce­akt be­stimmt auch das Pro­gramm der Ber­li­na­le seit vie­len Jah­ren. Neben sei­ner Mit­ar­beit an vie­len ein­fluss­rei­chen Fil­men (Far from Hea­ven, Eter­nal Sun­shine of the Spot­less Mind, Lost in Trans­la­tion, Milk, Dal­las Buy­ers Club, The Kids Are All Right), pro­du­zier­te Scha­mus au­ßer­dem meh­re­re Ang Lee Filme und schrieb auch am Dreh­buch von Lees Crou­ch­ing Tiger, Hi­d­den Dra­gon mit. Mit sei­nem In­ter­es­se für China macht sich Scha­mus einen Trend zu Nut­zen.

In den letz­ten Jah­ren macht China dem US-ame­ri­ka­ni­schen Kino die Vor­macht­stel­lung mit vie­len Schlqg­zei­len strei­tig. „Chi­ne­si­sches Kino wird glo­bal", glaubt der chi­ne­si­sche Schau­spie­ler und Re­gis­seur Tony Leung. „Immer mehr chi­ne­si­sche Filme wer­den auch bei in­ter­na­tio­na­len Film­fes­ti­vals ge­zeigt wer­den." Viel­leicht kön­nen ja chi­ne­si­sche Fil­me­ma­cher den ge­fühl­ten Ab­wärts­trend der Bran­che auf­fan­gen.

Man­che Jour­na­lis­ten sor­gen sich um die Rolle der Ber­li­na­le in einer Welt, in der Ki­no­be­su­che als Ge­mein­schafts­er­leb­nis auf dem ab­stei­gen­den Ast sind. „Der Ki­no­be­such als Er­leb­nis ist nicht am aus­ster­ben", meint Scha­mus. „Schau­en Sie nur mal nach China: Dort wer­den jeden Tag sie­ben neue Kinos ge­baut. Und die sind für immer jün­ge­re Be­su­cher da." 

Hoff­man, Allen und die Un­tie­fen des Film­ge­wer­bes

In Bezug auf den Tod von Phil­ipp Sey­mour Hoff­man fragt ein Reu­ters-Jour­na­list, ob das Schau­spiel­ge­wer­be neu­er­dings immer ge­fähr­li­cher werde. Da kann Scha­mus nur la­chen: „Viel­leicht. Aber si­cher nicht so ge­fähr­lich wie man­che Spiel­ar­ten des Jour­na­lis­mus, zu denen auch die Ihre zählt." Mehr als zu­frie­den mit sei­ner Rolle als Ju­ry­vor­sit­zen­der be­ant­wor­tet Scha­mus fast alle Fra­gen der Jour­na­lis­ten, die nicht aus­drück­lich an an­de­re Mit­glie­der der Jury ge­rich­tet waren. Dabei wäre es si­cher nicht un­in­ter­es­sant, auch die Mei­nung der an­we­sen­den Schau­spie­ler zu hören. Unter Ver­weis auf den ge­gen­wär­ti­gen Skan­dal um Woody Allen und seine Stief­toch­ter fragt ein Jour­na­list die Jury, in­wie­weit „ethi­sche und mo­ra­li­sche Über­le­gun­gen" in die Ent­schei­dungs­fin­dung ein­flös­sen. „Ich nehme an, dass diese ethi­schen und mo­ra­li­schen Ent­schei­dun­gen schon von dem Aus­wahl­kom­mi­tee ge­trof­fen wor­den sind", ent­geg­net Scha­mus ganz di­plo­ma­tisch.

Der fran­zö­si­sche Re­gis­seur Mi­chel Gon­dry ist bei der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le gleich in zwei Funk­tio­nen ver­tre­ten: Er ist so­wohl Mit­glied der Jury als auch mit sei­ner Noam Chomsky-Doku Is the Man Who is Tall Happy? im Pan­ora­ma dabei. Der Re­gis­seur des er­folg­rei­chen Films Eter­nal Sunshi­ne of the Spot­less Mind (2004), der auch mit einem Oscar aus­ge­zeich­net wurde, macht trotz allem einen eher de­mü­ti­gen und etwas ver­wirr­ten Ein­druck. „Chris­toph [Waltz] hier hat aber sogar zwei Os­cars ge­won­nen", mur­melt Gon­dry. „Das ist wirk­lich sehr sel­ten." 

Chris­toph, der Char­meur, und die stil­len Damen

Chris­toph Waltz, der un­an­ge­foch­te­ne Star unter den Ju­ry­mit­glie­dern, ver­hält sich auch ent­spre­chend: elo­quent, scharf­sin­nig, aus­wei­chend und fast ein biss­chen ar­ro­gant, aber trotz­dem immer char­mant. Als er ge­fragt wird, wie er die fil­mi­sche Leis­tung an­de­rer zu be­ur­tei­len ge­denkt, ant­wor­tet er kurz und knapp: „Es gibt keine grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en, nach denen man Filme be­ur­tei­len könn­te." Nach den Un­ter­schie­den zwi­schen Can­nes und der Ber­li­na­le ge­fragt, meint er: „Ein gro­ßes Manko ist das Feh­len eines Stran­des in Ber­lin. Die Ber­li­na­le ver­sucht ganz ein­deu­tig, mu­ti­ge­re Stan­dards zu set­zen als Can­nes, aber das Essen ist im Süden immer noch bes­ser." 

Fes­ti­val­lei­ter Die­ter Kosslick er­klärt das Pro­gramm der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­pie­le Ber­lin. 

Seit 2011 ist es auch zur Ber­li­na­le-Tra­di­ti­on ge­wor­den, ira­ni­sche Film­schaf­fen­de als Ju­ry­mit­glie­der zu laden. Was ur­sprüng­lich eine Re­ak­ti­on auf die er­folg­lo­sen Pro­tes­te 2009-2010 im Iran war, ist seit­dem zu einem all­jähr­li­chen po­li­ti­schen State­ment gegen ein Re­gime ge­wor­den, das die Frei­hei­ten fil­mi­schen Aus­drucks schmerz­haft be­schnei­det. Die etwas schüch­ter­ne Mitra Far­ha­ni (Jahr­gang 1975) kann sich aber be­haup­ten, als sie sich vom Ein­druck eines Jour­na­lis­ten dis­tan­ziert, dass ihre Auf­nah­me in der Jury nur ihrer Kar­rie­re diene: „Ich bin alt genug, um die Filme an­de­rer zu be­ur­tei­len." Greta Ger­wig, Trine Dyr­holm und Bar­ba­ra Broc­co­li, drei wei­te­re Ju­ry­mit­glie­der, sind an die­sem Don­ners­tag nicht un­be­dingt ge­sprä­chig. Des­we­gen werde auch ich mich hier ver­ab­schie­den. 

CA­FE­BA­BEL BER­LIN BEI DER 64. BER­LI­NA­LE

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