Berlinale : Schlafkrankheit - Zwischen den Welten

Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2011
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Artikel veröffentlicht am 16. Februar 2011
von Michale Kienzl Sobald Schlafkrankheit vorüber ist, der Abspann über die Leinwand läuft und die sphärische 80er-Nummer „Moments in Love“ von Art of Noise erklingt, sind neben verhaltenem Applaus auch einige Buhs im Berlinale-Palast zu hören. Den Unmut mancher Kritiker muss man aber nicht zwangsläufig auf Ulrich Köhlers neuen Film zurückführen.
Vielmehr zeigen sich gerade im Wettbewerb immer wieder Teile der internationalen Presse ignorant gegenüber einem Kino, das keinem Hollywood’schen Ideal folgt. Sobald ein Film keine lineare, sich langsam steigernde und auf einem Höhepunkt endende Geschichte erzählt, ist er misslungen. Bei einem Desaster wie Shahada – der sich immerhin an dramaturgische Regeln hält – im letzten Jahr hat übrigens niemand gebuht. Da traute man sich vielleicht nicht, weil der Film im Namen der Volkerverständigung zumindest ehrenhafte Absichten hatte.

Doch zurück zu Schlafkrankheit, mit dem Ulrich Köhler einen schwerelos schönen Film über Menschen zwischen den Kulturen gedreht hat – die Geschichte ist inspiriert von Köhlers Kindheit in Zaire, wo seine Eltern als Entwicklungshelfer gearbeitet haben. Der deutsche Arzt Ebbo (Pierre Bokma) leistet seit fünf Jahren in Kamerun Entwicklungshilfe und betreut ein Projekt zur Erforschung der Schlafkrankheit. Die Beziehung zur in Deutschland lebenden Tochter ist gestört, und die Frau möchte auch wieder zurück nach Hause. Doch Ebbo bleibt noch in Kamerun und schafft es nicht, sich von seinem neuen Leben zu trennen. Nach einem guten Drittel des Films folgt eine lange Schwarzblende und ein dreijähriger Zeitsprung. Der junge französisch-kongolesische Arzt Alex (Jean-Christophe Folly) macht sich auf die Reise nach Kamerun, um Ebbos Projekt zu evaluieren, und findet einen gebrochenen Mann vor.

Ein vom Westen auf Afrika gerichteter Blick ist immer mit Vorsicht zu genießen. Ulrich Köhler umgeht das Problem einer kolonialistischen Sichtweise auf die dortige Kultur aber weitgehend, indem er von Europäern in Afrika erzählt. Von elitären Ärzten, die sich in einem reichen, weißen Ghetto bewegen und selbst nach Jahren keineswegs in die Gesellschaft integriert sind. Die Figur des Alex bereichert den Film um einen weiteren Aspekt: In Frankreich wird er als Afrikaner gesehen, in Kamerun fühlt er sich dafür umso mehr als Westler. Wenn er Angst hat, dass man ihn beim Zigarettenkaufen übers Ohr haut oder er sich weigert, in ein abgewracktes Taxi zu steigen, schwingt derselbe Chauvinismus mit wie bei seinen weißen Landsleuten.

Das klingt alles nach einem bleischweren Thema, das Köhler aber auf betont schwerelose Weise in Szene setzt. Wer seine Filme Bungalow (2002) und Montag kommen die Fenster (2006) gesehen hat, ahnt schon, dass es sich hier eher um eine Zustandsbeschreibung als eine konventionelle Erzählung handelt. Ohne sich von dramaturgischen Regeln oder Küchenpsychologie einengen zu lassen, öffnet Köhler seinen Film nach allen Seiten, erzählt ein Familiendrama, reflektiert über die Bedeutung von Entwicklungshilfe und zeigt die Unmöglichkeit, als Europäer in einem afrikanischen Land jemals seine Außenseiterrolle zu überwinden. Besonders einnehmend ist Schlafkrankheit durch seine traumwandlerische Stimmung, die sich mit dem Motiv des Schlafes, dem Schwebezustand zwischen den Kulturen und der Einbeziehung mythischer Elemente – etwa einer wiederkehrenden Geschichte über einen Menschen, der sich in ein Nilpferd verwandelt – bis in alle Bereiche des Films erstreckt.

''In Zusammenarbeit mit Berlinale im Dialog, dem deutschen-französischen Blog des DFJW.''