Berlinale: Marokkanisches Geschichtenpuzzle - "Death for Sale"

Artikel veröffentlicht am 12. Februar 2012
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Artikel veröffentlicht am 12. Februar 2012
von Christiane Lötsch Ornamentverzierte Moscheen, mit Gemüse und Gewürzen überbordende Märkte, prunkvolle Moscheen, deren Minarette in den blauen Himmel ragen – viele bunte Bilder könnte man sich in einem marokkanischen Film vorstellen. „Death for Sale“ („La Mort à vendre“) bedient keines dieser visuellen Klischees, sondern zeigt modernes Autorenkino von Regisseur Faouzi Bensaïdi.

Death for Sale_2 Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Malik, Allal und Soufiane, junge Männer aus Tétouan, wie sie seit dem Frühjahr 2010 weltweit in den Nachrichten zu sehen sind, sind wütend, enttäuscht und wanken orientierungslos ihrer Zukunft entgegen. Sie haben „nicht genug zum Leben und zu viel zum Sterben“, wie Allal nach einem gelungenen Handtaschenraub über die Stadt schreit. Ambitionen, Hoffnungen und Wünsche der jungen Männer bleiben in verkrusteten Familienstrukturen, politischer Korruption und beruflicher Perspektivlosigkeit stecken. „So kann es nicht weiter gehen.“

Ein Hoffnungsschimmer leuchtet auf, als Malik die schöne Dounia trifft. Verführerisch steht sie an einem Geländer, ihre langen dunklen Haare wehen im Wind, sie schaut auf die Berge, die die Stadt umgeben. Ohne Worte, mit sporadischen Bassgitarrenklängen unterlegt, entsteht ein Moment der Unschuld, der Reinheit der ersten Begegnung, wie es sie nur einmal im Leben gibt. Während Malik seiner Dounia seine Cola anbietet und sich die Körper der Verliebten langsam annähern, fliegen im Hintergrund Kassettenbänder wie Papierschlangen durch die Luft. Die Kamera erweitert ihren Blickwinkel nach unten, wo wir Kinder auf einer Müllkippe sehen, die mit dem analogen Müll spielen. Die Poesie des Augenblicks ist aufgelöst. Allal stellt sich zwischen die beiden Verliebten und Soufiane teilt Malik mit, dass Dounia als Prostituierte im Nachtclub arbeitet. Der Hoffnungsschimmer erlischt.

Death_for_Sale_pic5__Entre-Chien-et-Loup_Agora-Films_Liaison-Cinematographique_2011_klein.png Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Es gibt viele dieser Momente in Faouzi Bensaidis Film, die erzählerisch wie in einem Puzzle angeordnet sind. Momente der Hoffnung, die ihr Scheitern jedoch schon beinhalten. Soufiane, der nach einem Handtaschenraub von Jugendlichen malträtiert wird und von aus dem Nichts auftauchende Männer gerettet wird – es sind radikale Islamisten, die Soufiane und viele andere junge Männer in den Bergen für ihre Zwecke ausbilden. Allal, der einen großen Coup plant, der von Anfang an nicht gelingen kann. Malik, der sich dem scheinbar hilfsbereiten Inspektor Dabbaz anvertraut, viel Geld verdient, und der ihn doch nur als Spion für seine Zwecke einsetzen will. Die Poesie des Scheiterns ist eine ganz besondere.

Death for Sale_1 Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Nichts ist so, wie es scheint, jeder ist auf sich allein gestellt, selbst Liebe und Freundschaft sind verkäuflich – das der Film nicht pessimistisch, sondern klug-nachdenklich gelungen ist, liegt daran, dass es immer eine zweite und dritte Ebene gibt, die durch filmische Mittel erzählt werden. Puzzlestück für Puzzlestück entfaltet sich die Geschichte. Kameraschwenks zeigen die andere Seite einer Szene, Übergänge von Nahaufnahmen zu Totalen erweitern den Raum und Bedeutungsebenen, am Ende steht das Bild sogar auf dem Kopf, so wie Maliks Leben sich am Ende wohl anfühlen muss. Für diese Originalität in Form und Geschichte hätte der Film den Panorama-Publikumspreis verdient!

Interview mit Faouzi Bensaïdi

Faouzi Bensaïdi, 1967 in Meknes (Marokko) geboren, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Filmregisseure Nordafrikas. Nach Engagements am Theater als Schauspieler und Regisseur, wurde er 2003 mit seinem ersten Langspielfilm "Mille Mois" auf dem Festival in Cannes bekannt. Nach seinem zweiten Langspielfilm "WWW - What a Wonderful World" folgt 2011 "La Mort à vendre", beide Filme bestechen durch ihre visuelle Bildkraft. Bensaïdi tritt in seinen Filmen auch als Schauspieler auf. In "La Mort à vendre" spielt er den zwielichtigen Kommissar Dabbaz.

Death_for_Sale_Portrait_Faouzi-Bensaidi_Dir_klein.jpgWie schaffen Sie es, die verschiedenen Teile der Geschichte miteinander zu verbinden? Ein Film besteht aus mehreren Schichten, die sich übereinanderlegen, die sich aber letztendlich aufheben, um in einem kohärenten Ganzen zu funktionieren. Wenn man sich die einzelnen Teile anschaut, die die Geschichte oder Form eines Films ausmachen, dann verhalten sie sich fast gegensätzlich zueinander. Darin besteht die Kunst des Inszenierens.

Welche Empfindungen werden durch den Film beim Zuschauer angesprochen? Wenn ich mir die Reaktionen des Publikums anschaue, dann erkenne ich die Kraft und die Energie der Schauspieler und ihrer Figuren, die den Film durchdringen. Hinzu kommen Gefühle der Melancholie, des Verlusts, der Schwierigkeit des Seins.

Sie arbeiten mit vielen filmischen Mitteln, um die Geschichte zu erzählen. Wie wichtig ist Ihnen die Ästhetik eines Films? Eigentlich erzähle ich immer die gleiche Geschichte…es interessiert mich vielmehr, WIE man sie erzählt. Es geht mir aber nicht um die Form als Selbstzweck, aber ich glaube fest daran, dass das Tiefe, das Wahre, das Interessante einer Geschichte in der Form liegt. Sie holt die Geschichte aus der Tiefe an die Oberfläche. Ich bin Filmregisseur, weil ich mich mit den eigenen Mitteln des Films ausdrücken möchte. Kameraeinstellungen und Schwenks, eine bestimmte Art der Montage oder des Schauspielens – daraus entsteht eine unglaubliche Kraft…! __ Allal, Malik und Soufiane werden von den außergewöhnlichen Jungschauspielern Fehd Benchemsi, Fouad Labiad und Mouhcine Malzi gespielt. Wie haben Sie zusammen gearbeitet?__ Das Casting war eine ganz entscheidende Phase. Es reichte nicht, einen guten Schauspieler für jede Rolle zu finden, wir mussten ein Trio finden, das miteinander harmonieren würde. Wir haben sehr viel Zeit damit verbracht, verschiedene Trios zusammenzusetzen und wieder aufzulösen, bis wir endlich Fehd, Mohcine und Fouad gefunden hatten. Danach haben wir lange daran gearbeitet, dass sich die Schauspieler so nah wie ihre Figuren im Film kommen. Die zusätzliche Arbeit bestand darin, gemeinsame Erlebnisse für die drei auch außerhalb der Dreharbeiten zu ermöglichen. Da entstand eine Wahrhaftigkeit im Spielen; man glaubt wirklich, dass die drei seit langer Zeit befreundet wären.

Der Film wurde vor dem arabischen Frühling gedreht. Wie beschreiben Sie die junge Generation in Marokko, ihre Hoffnungen und Erwartungen? Es ist eine Jugend, die zwar nicht mit der ständigen Angst aufgewachsen ist, die jedoch nicht viel Glück gehabt hat. Sie ist in eine Welt der Krise hineingeboren worden, der wirtschaftlichen, politischen und vor allem ideellen Krise. Ihre Rebellion ist nötig, damit die Gesellschaft vorankommt. Es stimmt, dass der Film eine gewisse Verunsicherung, ein Gefühl der Verlassenheit und des Verlorenseins, gleichzeitig aber auch ein Gefühl der jugendlichen Wut und Lebenslust einfängt. Von dieser Jugend, ihrem Engagement und Einsatz, hängt die Zukunft der arabischen Welt ab.

Wie ist die Situation für einen Filmemacher in Marokko heute? Wie hat sich das marokkanische Kino in den letzten Jahren entwickelt? Wir sind in einer glücklichen Situation, wenn man Marokko mit der arabischen Welt oder mit Afrika insgesamt vergleicht, wir erhalten Unterstützung und produzieren etwa zwanzig Langfilme und sechzig Kurzfilme pro Jahr. Ich kann mich ganz auf die Arbeit des Regisseurs, auf meine künstlerischen und moralischen Ansprüche und auf die Arbeit mit den Schauspielern konzentrieren. Ich kann endlich von meinem Beruf leben!