Berlinale Generation: Jung, weiblich, südamerikanisch

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2012
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Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2012
Christiane Lötsch Der moralische Zeigefinger wird in der Sektion GENERATION aus Prinzip nicht erhoben. Marianne Redpath, Leiterin der Sektion, setzt auf Kommunikation in Augenhöhe und traut jungen Kinobesuchern anspruchsvolle Filme aus allen Ländern zu.
Die Spiel- und Dokumentarfilme mit außergewöhnlichen Protagonisten erzählen Geschichten von der ersten Liebe, dem ersehnten Beruf, dem Bedürfnis nach Heimat, aber auch die Konflikte mit Traditionen - immer aus der Perspektive der Jugendlichen.

In der diesjährigen Auswahl fällt die große Anzahl von Filmen mit Protagonistinnen aus Südamerika auf. Die Zuschauer treffen Maria in „Un mundo secreto“ (Gabriel Mariño, Mexiko), Yolanda in „Nosilatiaj. La Belleza“ (Daniela Seggario, Argentinien) und Daniela in „Joven&Alocada“ (Marialy Rivers, Chile).

Generation_2 Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Die jungen Frauen kämpfen um nichts weniger als um ein selbstbestimmtes Leben: Maria begibt sich nach ihrem letzten Schultag auf die Reise quer durch Mexiko. Ihr Ziel sind die Wale, denn ihr Traum, im Bauch eines Wales durch den endloses Ozean zu schwimmen und das Meer zu beobachten, hat sie oft vor den Vorwürfen ihrer Mutter gerettet. Ähnlich geht es Daniela, die dem sektenartigen Glauben und der evangelikalen Erziehung ihrer Mutter ihren Blog „joven&alocada“ entgegensetzt. Hier kann sie endlich sie selbst sein, über Selbstbefriedigung schreiben und mit der Community über Sex mit Frauen und Männern diskutieren. Und darüber, was passiert, wenn man sich in beide gleichzeitig verliebt! Die eigene Kultur ist der Halt des Wichi-Mädchens Yolanda, das in einer argentinischen Familie als Hausmädchen arbeitet. Ihre langen, dunklen Haare sind wie die „Äste eines Baumes“ und werden zum Neidobjekt der gleichaltrigen Tochter Antonella.

Generation_3 Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Alle Mädchen verfügen über ein Kommunikationsmittel, mit dem sie sich ungezwungen ausdrücken können. Maria schreibt sich selbst Briefe und Texte, die ihr versichern, wie außergewöhnlich und liebenswert sie ist. Yolanda erzählt mit ihren eigenen Worten und in ihrer Wichi-Sprache aus dem Off von ihrer Familiengeschichte. Die geschriebenen Worte sieht der Zuschauer vor verfremdeten Naturmaterialien, die bei genauem Hinsehen als Wasser, Baumrinde oder Erde zu erkennen sind und auf ihren Kultur- und Lebensraum verweisen. Daniela aktualisiert ihren (übrigens wirklich existierenden) Blog täglich mit neuen Einträgen zu ihrem Sex- und Liebesleben, so dass der Zuschauer detailliert erfährt, wie sie die Dinge sieht.

Generation_1 Filmstill, Internationale Filmfestspiele Berlin

Die einfallsreiche Bildsprache gibt den Filmen eine besondere Ästhetik. „Un mundo secreto“ erzählt Marias Reise in ausgewogen komponierten, ruhigen Einstellungen, durch die sie sich traumwandlerisch bewegt. Geräusche und Stimmen erscheinen oft weit weg, so dass Maria ganz versunken in ihrer eigenen Welt dargestellt wird. Das Spiel mit Schärfen und Unschärfen dirigiert den Blick der Zuschauer und gibt unauffällige Hinweise auf weitere Ebenen der Geschichte. Auch „Joven&Alocada“ spielt mit Nahaufnahmen von Daniela, ihr Blick schwankt zwischen neugierig und verschlossen. Vor allem die geschriebenen Blogeinträge, die auf der Leinwand mitgelesen werden können, die am Evangelium orientierten Blogeinträge, alte Filmszenen, die Danielas Gedankensprünge und Assoziationen bebildern, geben dem Film in manchen Momenten einen erfrischenden Popvideo-Look.

„Un mundo secreto“, „Joven&Alocada“ und „Nosilatiaj. La Belleza“ erlauben einen ganz besonderen Einblick in die Welten junger Frauen in Südamerika, deren Sorgen, Sehnsüchte, Probleme und Ängste letztendlich universell für alle Mädchen dieser Welt stehen.