Berlinale 2016: Europas Hoffnung- Lieben und Leben

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2016

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Der Eröffnungsfilm der Berlinale-Sektion 'Panorama Dokumente' hätte passender für Cafébabel kaum sein können. ,Europe, she loves' begleitet 4 Paare in ihrem Alltag quer durch Europa. Tallin, Sevilla, Dublin und Thessaloniki sind die Hauptschauplätze der halbdokumentarischen Annäherung an das Lebens-und Liebesgefühl der europäischen Generation zwischen 20 und 30...

Der Schweizer Regisseur Jan Gassmann, sein Filmteam und fast alle der Protagonisten sind gestern bei der Berlinale Premiere am Potsdamer Platz anwesend. Am Ende der Vorführung kann man so erfahren wie es nach den Aufnahmen weiter ging mit den Paaren, die bereit waren einen Einblick in ihr Leben und Lieben zu geben. In einen eher düsteren Himmel aufbrechende Vogelschwärme leiten in eindrucksvollen Bildern 'Europe, she loves' ein. Es folgt ein Kamerazusammenschnitt aus Drive-by-Shots vorbei an eher tristen Landschaften Europas, gepaart mit Fernsehausstrahlungen einer politischen Rede. 'Europe is the world's most democratic and prosperous place' oder so ähnlich lauten die Worte eines Politikers in einer sehr pathetisch anmutenden Lobeshymne auf den Kontinent. Die vorbeirauschenden Landschaftsbilder in Schlechtwetterlage, untermalt von leicht dramatischen Klängen, stellen den Lobgesang unmittelbar ähnlich in Frage wie die folgenden Alltagsszenen aus Tallin, in denen nicht alles so wohlhabend und glänzend erscheint und dennoch mischen sich auch hier durchweg gegensätzliche Welten. Veronika tanzt in einem Club als Go-Go Girl, dennoch wirkt sie hier ein wenig glamourös. Nach Feierabend hofft sie darauf, daß sich ihr Freund und der Sohn aus einer vorherigen Beziehung besser verstehen werden. Die junge Frau scheint trotz aller Anstrengungen meist gut gelaunt, ihr Freund Harri hingegen mutet- zumindest in den ersten Sequenzen- oft sehr schroff und überstresst an. Der Alltag der jungen Patchwork-Familie schwankt entsprechend zwischen eher unentspannten Launen und dann doch lustigen Momenten, all das im winterlich kühlen Tallin. Jeweils 10 Tage haben Jan Gassmann und sein Filmteam die Paare begleitet, die daraus entstandenen Geschichten aus ihren Leben entfalten somit ihre ganz eigene Dynamik und sind trotz des kurzen Zeitraums in dem sie spielen recht inhaltsgeladen. In Sevilla hofft Caro auf einen Master-Studienplatz, obgleich die Dame im Sekretariat sie bei der Bewerbung direkt nach ihrem Alternativplan fragt, falls es nicht klappe und sie dann ohnehin am Ende keine Arbeit fände, aber das Geld ihrer Mutter ausgegeben habe. Nein, einen Plan B hat Caro allen Widrigkeiten zum Trotz nicht. Bis sie die Mitteilung über eine Zusage erhält, begleitet die Kamera sie und ihren Freund Juan durch Sevilla. Er sucht einen Job als Securitybeamter, sie arbeitet als Aushilfe bei Pferderennen reicher Sevillaner.  Beide leben noch zuhause, gehen auf Parties, haben Sex und rauchen im Bett. Die Kamera ist hier ganz nah dran, zeigt die intimsten Momente der jungen Liebenden...

An manchen Stellen fühle ich mich irgendwie an Larry Clark Filme erinnert und nicht immer funktioniert das ganz ohne ein leicht bedrückendes Gefühl, zum Beispiel wenn Siobhan und Terry aus Dublin wieder dem Heroin verfallen und er nur in seiner Heim-und Computerwelt zu leben scheint, seiner Freundin viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkend. Sie steuert dem Ganzen Gitarre spielend und singend entgegen und genau diese stetig schwankende Stimmung macht wohl den gesamten Film und das dargestellte Lebensgefühl der jungen Europäer aus. Oft habe ich Identifikationsmomente, fühle mich erinnert an meine letzten Jahre zwischen Barcelona, Paris und Berlin. Das nicht nur wenn Caro in Sevilla versucht durch Jobben doch noch ihrem Traum näher zu kommen, sondern auch wenn Penny und Niko in Thessaloniki ob der enger werdenden wirtschaftlichen Lage im Land auf die Straße gehen und die Stimmung kippt. Wenn sie nicht protestieren erlebt man auch bei ihnen ein Hin und Her- mal lieben sie sich, dann streiten sie sich wieder. Beide wollen etwas anderes vom Leben. Die jüngere Penny träumt nicht vom Familienglück in der Heimat, sondern lernt Italienisch um in Italien einen Neustart zu wagen. Somit stehen die Zeichen für die Beziehung zwischen ihr und Nikos, der in Thessaloniki Pizza ausfährt und schon von den gemeinsamen Kindern träumt, nicht gut. Am Ende probiert sich Penny aus, die Zwei streifen noch durch eine letzte wilde Nacht in Griechenland. Caro verlässt Sevilla Richtung Barcelona und Paris, während Juan doch noch eine Stelle als Sicherheitsbeamter bekommt. Terry versinkt weiter in seiner eigenen Welt und Siobhan lässt sich noch eine Weile mit hineinziehen. In Tallin nähern sich Veronikas Sohn Artur und Freund Harri mehr und mehr an... auch am Ende des Films sind diese Alltagsbilder wieder von stimmungsvollen Kamerafahrten durch Europas Landschaften durchzogen, wieder gibt es ein Voice Over.

'Europe is such a fragile concept by now... one day we might say that we had a united Europe but not not enough Europeans' lauten in etwa die Worte und zum Abspann hin singt  Kate Tempest 'Europe is lost'. Wieder streifen Vogelschwärme durch's Bild. Ob diese herbeischwärmen oder davon fliegen bleibt offen. Auch Regisseur Jan Gassmann scheint sich hier beim anschliessenden Publikumsgespräch nicht ganz sicher. Auf die Frage hin, wo er Europas Zukunft sähe, meint er er glaube an Europa, habe Hoffnung und wolle das Europa eher enger zusammenwachse als weiter auseinanderzudriften. Kates Lied habe er dennoch passend gefunden, es gehöre irgendwie auch zu dem was der Film vermitteln wolle. Einen gewissen Kontrast eben. Caro jedenfalls lebt heute in Barcelona und hat dort doch noch ihren Master-Studienplatz bekommen, Harri und Veronika scheinen immer noch ein Paar zu sein, Penny ist zurück in Thessaloniki, man erfährt daß Nikos vor dem Pizzaausfahren sein Jura-Studium abbrechen musste und Siobhan ist ohne Terry gekommen, weil der zweimal seinen Flug verpasst hat. Sie ist nicht mehr mit ihm zusammen und teilt dem Publikum mit, dass sie ihn heute hasse, es aber umso schöner wäre zu sehen was für ein Werk aus den vergangenen Lebensmomenten entstanden sei.

Auch an dieser Stelle findet man ihn nun also wieder- den Gegensatz zwischen Hoffnung und Sorge, der dieser Tage Europas Leben bestimmt. Während des Films schwanke auch ich zwischen beidem, finde mich an vielen Stellen wieder und bin dann zeitweise wieder abgeschreckt...

Europa liebt und lebt, aber nicht ohne einen zeitweise bedeckten Himmel und seine kommenden und fliehenden Vogelschwärme...

http://www.europesheloves.com