Berlinale 2013: Mund halten, durchhalten: Frauen, die nicht aus der Reihe tanzen.

Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2013
Artikel veröffentlicht am 15. Februar 2013
In „Frauen, die aus der Reihe tanzen“, portraitiert Christiane Lötsch starke weibliche Charaktere der Panorama-Sektion. Doch neben den selbstbewussten Frauen, die zu dem stehen, was sie sind und wissen was sie wollen, gibt es bei der diesjährigen Berlinale nicht wenige weibliche Rollen, die nicht rauskönnen aus ihrer Haut.
Dabei ist es egal, ob die Geschichte in Istanbul, Salta (Argentinien) oder Ludwigsburg spielt: die unerträgliche Schwere des Seins kennt keine geografischen Grenzen.

In Vierteln wie Nisantasi eröffneten damals gelangweilte Societydamen nicht Kunstgalerien, sondern Boutiquen, in denen sie aus Elle, Vogue oder Burda abgekupferte oder aber kofferweise aus Paris oder Mailand eingeflogene Kleider und nachgemachten Modekram zu aberwitzigen Preisen an andere gelangweilte, aber solvente Hausfrauen zu verhökern suchten. So beschreibt Hauptfigur aus Orhan Pamuks „Das Museum der Unschuld“ Nisantasi, das schicke Viertel in dem die fatale Liebesbeziehung zu einem jüngeren Mädchen seinen Anfang findet. Can und Ela, ein nicht mehr ganz so junges Ehepaar in „Hayatboju (Lebenslang)“ (Asli Özge, Türkei) haben sich dort in einem schicken kleinen Häuschen niedergelassen. Die Einrichtung ist geschmackvoll-modern: Kunst an den Wänden, Designbüchern in den Regalen, und eine zwar nicht gerade praktische, dafür aber stylische Wendeltreppe. Viel weiß, wenig Farbe - genauso blass wie das Interieur ist die Beziehung geworden. Ela scheint sich damit abgefunden zu haben, dass die Leidenschaft einer gleichgültigen Koexistenz gewichen ist. Während sie sich als Künstlerin gegen die jüngere Konkurrenz durchzusetzen weiß und selbstbewusst ihre Forderungen stellt, erträgt sie die Unzufriedenheiten in ihrem Privatleben schweigend. Keine liebevollen Gesten, beim ehelichen Beschlaf eher Statistin als ebenbürtige Partnerin, kein gemeinsames Lachen, dafür kleine Lügen und Spitzfindigkeiten. Als sie Can beim Telefonsex erwischt, scheint es, dass ich das Blatt wendet. Und tatsächlich, Ela begibt sich auf Wohnungssuche. Doch genau hier zeigen sich die Grenzen einer möglichen Unabhängigkeit. Der Rock mag zwar aus Japan sein, die Leisten mit einer Tätowierung verziert und das berufliche Standing hoch – doch als allein stehende Frau einen Mietvertrag zu bekommen, das ist auch im bourgeoisen, modernen Nistanasi ein schwieriges Unterfangen. So bleibt der eventuell geplante Ausbruch ein unfertiger: nur mit Hilfe ihres Ehemanns kommt sie zu einer neuen Wohnung – und diese liegt, wie man in der letzten Einstellung des Films erfährt, genau gegenüber der alten.

Deshora Das Setting könnte nicht unterschiedlicher sein, doch im Inneren von Helena sieht es ähnlich aus wie bei Ela. In „Deshora“ (Barbara Sarasola-Day, Argentinien) herrscht statt großstädtischer Moderne ländliche Idylle. Mit ihrem Ehemann bewohnt Helena eine Tabakfarm in der Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens. Während Ernesto mit der Tabakernte, Hahnenkämpfen oder Ausflügen ins nahegelegene Bordell beschäftigt ist, hat Helena nicht allzuviel zu tun. Sie reitet gern und interessiert sich für Musik und Literatur, doch die sozialen Kontakte beschränken sich auf den gelegentlichen Besuch bei Isidora, einer alten Frau, die ihr neben Tees und Kräutern vor allem eins gibt: das Gefühl von Geborgenheit. Wie auch bei Ela und Can ist auch hier der Sex allenfalls für den Mann ein Vergnügen. Die Befriedigung der Frau – allenfalls Nebensache. Eine zusätzliche Last ist der unerfüllte Kinderwunsch von Helena und so wandelt sie durch den Tag mit stets trauriger Miene, jedoch ohne sich ein einziges Mal zu beklagen. Als Zuschauer möchte man sie geradezu schütteln und sagen: Schrei' ih an, deinen versoffenen, alten, rücksichtslosen Typen, setz dich auf dein Pferd und reite davon! Brisanz kommt in die ganze Geschichte mit dem Auftauchen Joaquins, Helenas jungem Cousin. Von da an entwickelt sich eine unheilvolle Dreiecksgeschichte, bei der beide Ehepartner ein starkes Verlangen nach dem gutgebauten Jüngling verspüren. Sexuelle Andeutungen, voyeuristische Spiele, ein bisschen Gefummel: Die Anwesenheit des Cousins bringt zunächst etwas Feuer in die erlahmte Paarbeziehung – doch zu viel mehr als einem Kuss kommt es nicht. Am Ende muss Joaquin dran glauben, denn Ernesto kommt nicht zurecht mit seinem Begehren nach einem Mann und greift zur Flinte. Man ahnt es: Helena wird auch hierzu schweigen, ihrem Mann weiterhin eine fürsorgliche Ehefrau sein die ihm den schmerzenden Rücken mit Salbe einschmiert und auf einige wenige Momente gestohlenen Glücks hofft.

Feier Fall_Bettina Im deutschen Film „Freier Fall“ (Stephan Lacant) ist Katharina Schüttler in ihrer Rolle als Bettina ebenfalls passiv-abwartend. Hochschwanger ist nicht mehr alles so rosig, wie das zu Anfang der Beziehung gewesen sein mag. Zwar ist sie immer noch sehr verliebt in ihren Marc (brillant gespielt von Hanno Koffler), doch sie nimmt es ihm schon übel, dass er sie dazu überredet hat, in sein Elternhaus zu ziehen. „Wenn du den Kleinen dann mal öfter bei Oma und Opa abgeben kannst, wirst du noch froh drüber sein“ - was soll sie da auch erwidern, vielleicht ärgert sie sich ja noch mehr über sich selber, dass sie einfach so nachgegeben hat. Als Marc auf einer beruflichen Fortbildung seinen neuen Kollegen Kay kennen lernt und Gefühle für ihn entwickelt, ist auf einmal nichts mehr, wie es war. Zumindest in Marcs Leben. Denn während er zum ersten Mal gleichgeschlechtlichen Sex hat, sich Pillen auf Electroparties einschmeisst und seine Gefühle Achterbahn fahren, bleibt Bettina passiv. Marcs Handy klingelt zu den unmöglichsten Zeiten: Bettina spitzt die Ohren, aber selbst falls sie das geflüsterte „Ich kann jetzt nicht reden“ gehört haben sollte, gibt sie sich mit einer lapidaren Erklärung zufrieden. Er, einst Sportmuffel, geht von nun an auch im strömenden Regen joggen (in Wahrheit: Sex im Wald mit Kay), antwortet ausweichend, kommt frühmorgens mit Alkoholatem nach Hause – und was tut Bettina? Sie ist misstrauisch und heult, aber meist leise und allein. Erst als ein Augenschließen nicht mehr möglich ist, haut sie auf den Tisch. „Ich will, dass du heute Abend raus aus der Wohnung bist.“ So stark bleibt sie nicht lange und auch Marc, mittlerweile Vater geworden, scheint seine aus den Fugen geratene Welt wieder in die kleinbürgerliche Ordnung bringen zu wollen. So sitzt Bettina eines Abends wieder zu Hause, als wäre nichts gewesen – und so wäre die Geschichte auch weiter gegangen, wäre am Ende nicht Marc derjenige gewesen, der seinem Herzen folgt und zu seiner Homosexualität steht.

Ela, Helena und Bettina: drei Frauen, drei Schicksale, dreimal apathisches Gefangensein in der Unfähigkeit, die eigenen Wünsche in den Vordergrund zu stellen. Ein deutliches Gegenprogramm zu den starken Frauen in Christiane Lötsch's Portrait „Frauen, die aus der Reihe tanzen“.

Fotos: Berlinale Filmstills