Berlinale 2013: "Lose Your Head" -- eine Warnung an Partytouristen

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
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Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2013
von Daniel Tkatch Man hört ja gerade überall davon: in Großbritannien ist angeblich eine Negativkampagne geplant, die Bulgaren und Rumänen davon abhalten soll, im Vereinigten Königreich Arbeit zu suchen. Das soll mit der Message erreicht werden, dass die Straßen nicht mit Gold gepflastert, das Wetter deprimierend und die wenigen freien Stellen extrem schlecht bezahlt sind.

Den Panorama-Beitrag Lose Your Head (D: Stefan Westerwelle, Patrick Schuckmann, Germany 2013) könnte man als eine Art künstlerische Petition mit ähnlicher Intention betrachten – dieses Mal allerdings gerichtet an potentielle Partytouristen und Hipster-Immigranten, die sich von Berlins alternativem Charme anlocken lassen.

Lose Your Head 1 Der junge Luis landet voller Aufregung, undefinierter Hoffnungen und Erwartungen in Berlin-Schönefeld, nachdem er seinen ach-so-beschäftigen Freund in Madrid zurückgelassen hat. Wie klischeemäßig fast schon zu erwarten wäre, findet er sich nur kurze Zeit später in der Schlange eines Clubs wieder, wo ihm ein Szene-erfahrenes Partygirl zum Einlass verhilft, da sie, die schon alles kennt, sich von seiner offensichtlichen Unschuld angezogen fühlt.

Im Techno-Mikrokosmos steht der nächste Schritt nicht lange aus und das Allheilmittel gegen das Außenseitergefühl und die Einsamkeit ist einfach und billig zu bekommen. Die prophetischen Worte „You're gonna lose your head“ des Drogendealers öffnen die Tür zu einem neuen Plot und von da an wird der Film zum Psychothriller. Luis trifft auf Viktor, einen etwas älteren Osteuropäer von beeindruckender Statur. Mit seiner lotterigen, mysteriösen und zeitweise sogar bedrohlichen Erscheinung funktioniert Viktors Figur wie eine Personifizierung Berlins. Es dauert nicht lange, bis Luis seiner starken Anziehungskraft verfallen ist.

Lose Your Head 2 Der Film scheint sich nicht vor gewissen Stereotypen zu fürchten. Vielleicht sollen sie als Verbindungsglieder in einem komplexen Plot dienen, das sich zwischen unterschiedlichen möglichen Wirklichkeiten hin und her bewegt. Auf der anderen Seite wird so die Story universell greifbarer und verfolgt damit den Zweck eines wirksameren, moralistischen Statements.

Gleichzeitig liefert Lose Your Head einige wirklich authentische Momente. Natürlich kommt der Film nicht einmal annäherungsweise an den berühmt-berüchtigten Bechdel test heran, aber Feministinnen könnten dennoch Gefallen daran finden, wie sich der männliche Blick, schaulustig gerichtet auf einen jungen schwulen Mann als Objekt der Begierde, im Laufe des Films entwickelt. Die Sexszenen sind zwar deutlich, aber aufrichtig und die Darstellung von Leidenschaft und Intimität überzeugt. Man könnte sagen, dass hier eine homosexuelle Beziehung aufgezeigt wird, die dadurch emanzipatorisch wird, dass man auf jegliche metrosexuelle, visuelle Plattitüden verzichtet.

Text: Daniel Tkatch

Übersetzung: Sandra Wickert

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