Berlin: Stadtrundgang durch die Augen eines Flüchtlings

Artikel veröffentlicht am 14. November 2017
Artikel veröffentlicht am 14. November 2017

Obwohl das Wort 'Flüchtlingskrise' so in Mode ist, begegnen viele von uns im Alltag nur selten geflüchteten Menschen. In Berlin ändert sich das vielleicht gerade. Refugee Voices Tours ist eine Initiative, bei der Flüchtlinge ihre Geschichte während eines Stadtrundgangs erzählen. So habe ich Mohamad getroffen, einen syrischen Flüchtling, der mir die deutsche Hauptstadt aus seiner Sicht zeigte.

Es ist Samstag und ich befinde mich am Ausgang der U-Bahn-Station Mohrenstraße. Es ist kurz vor drei, nachmittags, und ich bin eine der ersten, die sich zu dem Stadtrundgang mit dem Titel: „Warum wir hier sind“ meldet. Ein großer, junger Mann mit Vollbart und einem bescheidenen Blick wartet auf uns. Es ist Mohamad, unser Stadtführer, der aus einer kleinen Stadt in Nähe von Damaskus kommt. Er bittet uns freundlich, keine Bilder von ihm zu machen, denn er habe Verwandte in Syrien und wolle nicht, dass seine Aktivitäten öffentlicht gezeigt werden.

Wir starten unseren Rundgang am Platz des Volksaufstandes, einem kleinen Platz zwischen einem Einkaufszentrum und dem Gebäude des Finanzministeriums. 1953 wurde hier der Menschenaufstand in der DDR gewaltätig von sowjetischen Panzern niedergeschlagen. Nach diesem kurzen Ausflug in die deutsche Geschichte ändert Mohamad das Thema und erzählt uns von den 1970er und 80er Jahren in seinem Heimatland Syrien. Wir folgen ihm aufmerksam in seine Geschichte. Wir schreiben das Jahr 1973: Nach einem Militärputsch setzt Hafez al-Assad eine neue Verfassung durch. In Folge dessen erhebt sich die Muslimbruderschaft gegen die Regierung, und bei einem Aufstand 1982 in Hama werden zehntausende Zivilisten getötet. 

Zwischen Syrien und Deutschland

Parallelen zwischen der deutschen und der syrischen Geschichte zu finden, ist nicht einfach. Denn die beiden Länder verbindet nicht viel, sie haben eine sehr unterschiedliche Geschichte erlebt. Das ist eine Betrachtungsweise. Doch es gibt ein Thema, das beide Länder vereint. Die Geschichten ganz gewöhnlicher Menschen, die in Freiheit und Frieden leben wollen; sie sind sich in Berlin und Syrien überraschend ähnlich. In Mohamads Erzählungen geht es genau darum. Indem er seine persönliche Geschichte erzählt, zeigt Mohamad den Menschen, was in seinem Heimatland passiert und erklärt, warum er den weiten Weg nach Deutschland auf sich genommen hat. „Ich möchte gerne die Frage beantworten: 'Warum sind wir hier?' Es ist die Frage, die man mir gerne stellen möchte, aber sich nicht traut oder nicht den richtigen Zeitpunkt findet“, sagt er. 

Zusammen mit der britischen Stadtführerin Lorna gründeten sie Refugee Voices Tours im Jahre 2015. Lorna war von 2012 bis 2014 in der Flüchtlingscommunity aktiv, bis sie merkte, dass die Flüchtlinge ihre Geschichten selbst beeinflussen und erzählen können. So entstand die Idee, einen Stadtrundgang aus dem Blickwinkel eines Flüchtlings zu entwerfen. Durch Berlins historische Vergangenheit war die Stadt genau der richtige Ort, um das Projekt zu starten.

Warum wir hier sind

Der nächste Halt ist das ehemalige Gestapo-Hauptquartier. 1945 haben Bomben die Gebäude der Gestapo und der SS zerstört. Heute erinnert eine Austellung mit dem Namen „Topographie des Terrors“ an die Schrecken dieses Ortes. Mohamad erzählt die Geschichte vom Bashar al-Assad Regime und der Unterwanderung des Alltags der Syrer durch die Spezialkräfte. Mit jedem Halt reden wir weniger über Deutschland und mehr über Syrien. Genau deshalb ist Mohamad hier - und genau deshalb sind auch wir hier. Die Leute, die sich für die Stadtrundgänge entscheiden, möchten mehr über das Leben der Flüchtlinge erfahren. „Es ist schwierig, Flüchtlingen gegenüber skeptische Menschen dazu zu bringen (an diesen Rundgängen teilzunehmen)“, erklärt Mohamad. 

Ich schaue mich um. In der Gruppe mit 20 Teilnehmern sind keine Berliner, nur Touristen und Austauschstudenten. Ein Mädchen macht detaillierte Notizen. Sie arbeitet an einer vergleichenden Hausarbeit über die Flüchtlingspolitik in verschiedenen Ländern. Wir folgen Mohamad bis zum Checkpoint Charlie, einem symbolischen Platz für alle, denen es gelungen ist, vor einem Unterdrückerregime zu fliehen. Langsam beginnt Mohamad, seine persönliche Geschichte zu enthüllen. Er erzählt von seinem Mathematikstudium in Syrien, wie sein Bruder und er 2014 nach Libyen flohen und in einem Laden für Grafikdesign arbeiteten. Wie sich die Situation in Libyen verschlechterte und sie einen Fischer überredeten, sie beide nach Europa zu schmuggeln. Er erzählt von einer gefährlichen 48-Stunden Bootsüberfahrt im Mittelmeer und wie viel Glück sie hatten, sicher anzulegen. Und schließlich erklärt er, wie er über Italien nach Deutschland gekommen ist, um sich hier niederzulassen. 

Mitteilen hilft

Nach dem Stadtrundgang gehe ich auf Mohamad zu und frage ihn, ob es einfach sei, seine Geschichte zu erzählen. „Zu Beginn war es das nicht. Und auch heute noch fühle ich manchmal... Ich habe meine Geschichte sehr oft erzählt und manchmal trifft es mich noch immer“, antwortet er. Er erzählt mir von Freunden, die Ähnliches durchgemacht haben und lieber nicht über ihre Vergangenheit sprechen, um das Erlebte nicht immer und immer wieder zu erleben. 

Laut Mohamad hilft ihm das Erzählen. Er ist für Fragen und Gespräche sehr offen. Die meisten Fragen kommen im Anschluss an seine persönliche Geschichte. Wie ist das Leben in einem Flüchtlingslager? Wie ergeht es ihm in Deutschland? Was könnten die Behörden besser machen? Fragen über internationale Politik und die Beteiligung von Russland, den USA und der EU werden ebenfalls gestellt. „Ich lebe von der Unterstützung, die ich vom deutschen Staat bekomme“, sagt Mohamad ohne zu zögern, „aber das heißt nicht, dass ich nicht kritisch sein kann.“

Der Rundgang endet am Gendarmenmarkt. Mohamad spricht über das 17. Jahrhundert, als die Hugenotten als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Die französisch-protestantische Hugenottenkirche steht in der Mitte des Platzes, direkt vor der fast identischen deutschen Kirche. Ein „wunderschönes Symbol willkommen zu sein“.

Für Mohamad ist es wichtig, seine Geschichte zu verbreiten und so die Verbindung zu seiner Heimat in seinen Alltag einzubauen. „Ich hoffe, dieser Rundgang sorgt dafür, dass Menschen verstehen, wie verzweifelt wir waren, dass wir diese Reise auf uns nahmen“, sagt er. „Es ist nicht so, als hätten wir uns das ausgesucht. Wir hatten keine andere Wahl.“

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