Berlin Jukebox: Marco Wellisch (Teil 1)

Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Januar 2015

Elektro? Ja! Aber Tekkkno? Techno? Oder Tekkno? Während die Berliner Partyszene zu elektronischen Klängen in Ekstase gerät, sind die meisten von uns zu jung, um die Anfänge dieser Musik überhaupt noch zu kennen. Der DJ und Producer Marco Wellisch ist mit Techno aufgewachsen und betreibt mittlerweile ein Label für elektronische Musik in Berlin. 

„Mein erstes Gig hatte ich 1992 in einem Club in Mainz, der eigentlich gar kein Technolub war.” Marco Wellisch lächelt, wenn er an seine ersten Schritte in die elektronische Musikszene denkt. Wir sitzen im Crack Bellmer, einem der Clubs auf dem RAW-Gelände an der Warschauer Straße, wo sich jede Nacht viele hundert Menschen in einem beglückenden Taumel aus Drogen, Schweiß und Techno verlieren. Im Hintergrund läuft – wie könnte es auch anders sein – elektronische Musik. Mal klingt das hell und transparent, mal dunkel, hart und metallisch. „Damals war Techno natürlich alles noch ganz anders. Eine richtige Szene gab es noch nicht und alles orientierte sich an Acid House.” Mit 16 Jahren hört Marco das erste Mal einen Techno-Track von Sven Väth. Den Namen kennen auch Jüngere, schließlich gehört er zu der ersten, weltberühmten DJ-Generation aus Frankfurt. Ein Bekannter arbeitet als Veranstalter, holt die Technopartys von Frankfurt nach Mainz und schleust Marco durch die Hintertür in Clubs ein: „Das war der Anfang vom elektronischen Feierspaß.“ 

Human Resource, Dominator (1991)

Die Szene ist damals noch übersichtlich, es gibt kaum Gigs und kaum Läden für Platten und Equipment. Jeder kennt jeden und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Marco mal hinter dem DJ-Pult landet: „Heutzutage kann man sich das schwer vorstellen: kein Internet, keine mp3s, MTV noch in den Kinderschuhen.” Clubs im heutigen Wortsinn gibt es nicht, Institutionen wie das Berghain oder Watergate sind undenkbar. Mit den Techno-Nächten 1993 im Dorian Gray Club am Frankfurter Flughafen ändert sich das. Der elektronische Urknall der Szene in Deutschland ist vollzogen: „Damals kam dann auch Trance auf. Nur wusste das noch keiner, denn damals wurde ja noch alles Techno genannt“, erklärt Marco. Am Anfang schreibt man Tekkkno noch mit 3 K‘s, 1993 ist es dann schon Techno. Dazwischen wird auch mal abgekürzt zu Tekkno. „Die einzelnen Gruppen haben das wirklich ernst genommen. Manche Leute hörten nur Techno mit zwei K‘s!”

In den folgenden Jahren explodiert die Frankfurter Szene für elektronische Musik. Auch Marco legt immer häufiger auf, arbeitet mit DJs wie Michael Kohlbecker oder Ramin Naghachian und bedient sich bei allen möglichen Genres: Trance, House, Deep House, Drum ’n’ Bass, Breakbeat... Regeln gibt es kaum welche und wenn, dann sind sie zu brechen. 1999 geht geht es dann zum ersten Mal ins Studio, um endlich eigene Musik zu produzieren. Marcos erste Platte kommt bei Apart Records unter dem Künstlernamen Low Mid heraus. Die niedrigen, mittleren Frequenzen sind ihm damals wie heute wichtig. Dazu kommt der Bass: „Das ist einer der wichtigsten Faktoren. Es muss bassig sein, Substanz haben und Wärme! Die wird meiner Meinung nach immer über den Bass gesteuert.“

Ramin Naghachian, Brainticket (1992)

Irgendwann geht es dann auch wirklich in wärmere Gefilde, zumindest metaphorisch gesehen. Auf der bunten Psychedelic-Welle surft alles in die Tropen, an die von Palmen gesäumten Strände von Goa. Die ersten Full Moon Parties in Anjuna und Vagator werden schon Ende der 1980er gefeiert, aber erst in den 1990ern schwappt der dort entstandene, neue Techno mit orientalischen Einflüssen zurück in den Westen. Auch dank Sven Väth, der einige Zeit in Indien verbringt und den Goa Trance in Frankfurt populär macht. „Ich nenne das lieber Psychedelic Trance, oder Psytrance, denn Goa Trance ist mir zu klischeebehaftet“, meint Marco. Mit seinem Projekt Klangbilderzeuger, das er ab 2000 zusammen mit Hans M. Mantell über das Label Plusquam Records laufen lässt, ist er dann auch sehr erfolgreich: „Über das Label sind wir irgendwie in die Psytrance-Szene hinein gerutscht, aber eigentlich waren wir dafür viel zu technoid. Für die Technoszene aber waren wir zu trancig.”

Parasystem, Digital Dust (2008) 

Geklappt hat es trotzdem, mit Marco und dem Psychedelic Trance. Ab 2006 ist er mit Ramin Naghachian als Parasystem unterwegs, 2008 bringt er sogar einen seiner Tracks auf einer Goa Compilation von Raja Ram unter. Hinter Raja, dem König, und Ram, einer indischen Gottheit, versteckt sich der Australier Ronald Rothfield, der das englische Psytrance-Label TIP Records betreibt und einer der wichtigsten Vertreter der Szene zwischen Mumbai und Detroit ist. Marco hat trotzdem erst einmal genug vom Trance und hebt mit Klangwild ein neues Musikprojekt aus der Taufe: „Da wollte ich einfach das Beste fusionieren – Techno, Psychedelic und Progressive Trance.” Marco nennt sich fortan Elektro Assi oder einfach nur Marco Wellisch und kehrt zum ursprünglichen Techno zurück: „Klangwild: Das klingt und ist wild. Da ist der Ton, und feiern ist ja Ton, und wild ist ja eigentlich feiern.“ Und dann? Ja, dann kommt Marco endlich nach Berlin. 

Mehr von Marco Wellisch gibt es auf seiner Website, auf Reverbnation und Facebook. Und morgen folgt der zweite Teil dieser Geschichte vom „elektronischen Feierspaß.“ 

Cafébabel Berlin schmeißt die Jukebox an

Keine Lust mehr auf die immer gleichen Tophits, Radioschleifen oder Spotify-Playlists? Ab April 2014 stellen wir euch in der Rubrik Jukebox junge Musiker, DJs und Live Acts aus Berlin vor, die noch Unerhörtes zu bieten haben. Mehr Tracks und Playlists gibt es auf Facebook und Twitter.