Berlin Festival 2012: Zwischen Enya und Riot Grrrls

Artikel veröffentlicht am 11. September 2012
Artikel veröffentlicht am 11. September 2012
„Ich will nicht nach Berlin“ singen Kraftklub bekanntermaßen im gleichnamigen Lied – beim Berlin Festival am 7. und 8. September waren die Jungs aus Chemnitz dann aber doch dabei. So unbeliebt scheint die Hauptstadt also nicht zu sein.

50 Bands spielten auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof auf vier Bühnen. Wer nach den diversen Auftritten immer noch nicht genug hatte, konnte sich zum Weiterfeiern in den Club XBerg begeben. Dort warteten Szene-Größen wie Metronomy und Simian Mobile Disco.

Erste Station am Freitagnachmittag: Die Isländer von Of Monsters and Men. Sänger und Gitarrist Ragnar Þórhallsson ähnelt von weitem einem kleinen Michelin-Männchen in Jeanshemd. Ähnlich gemütlich ist der Auftritt: Bis zum Charterfolg „Little Talks“ tut sich nicht viel auf der Bühne oder im Publikum. Es ist ja auch erst früher Nachmittag. An der Live-Umsetzung der Songs gibt es nichts zu meckern, da ist alles stimmig und schön. Of Monsters and Men sind eben keine Partyknaller.

©Thore Barfuss

Gleiches gilt für Daughter, das musikalische Projekt von Elena Tonra – allerdings im negativen Sinne. Paul Lester vom englischen Guardian erkennt in Daughter den Sprössling von Enya und Brian Eno. Nach einem kurzen Live-Eindruck bleibt die Erkenntnis: Vielleicht ein bisschen zu viel Enya. Tonra schafft es tatsächlich, einen Song wie „Run“, der generell schon langsam und beschaulich ist, live noch langsamer und beschaulicher zu spielen. Gähn.

Samantha Urbanis "crazy sexy party“

Lieber ab zu Friends, den viel gehypten Newcomern aus Brooklyn, New York. Denen gefällt es in Deutschland so gut, dass Sängerin Samantha Urbani gleich erklärt, nach Berlin ziehen zu wollen. Der Großteil der Herren im Publikum hätte sicher nichts dagegen, weiß Miss Urbani doch mit kokettem Hüftschwung, ausgefallenem Outfit und großem Wunsch nach Publikumsnähe zu begeistern. Als Gegenpart zum exaltierten Auftreten der Leadsängerin zupft Lesley Henn unbeeindruckt ihren Bass – die coolste Frau des Festivals. Der Sound ist allerdings alles andere als beeindruckend: Kann Urbani überhaupt singen? Von den ersten drei Songs versteht man nahezu nichts. Wie sich im Laufe des Tages jedoch herausstellt, ist das mitnichten die Schuld der Band – der Sound im Hangar 4 und 5 ist einfach schlecht. Egal, mit der Aussicht auf „a crazy sexy party“ wie Urbani quietschfidel verspricht und tollen Songs wie „I’m his girl“ oder „Friend crush“ lässt sich das ertragen.

A propros „friend“: „My best friend is you” hieß Kate Nashs zweites Album – von dem spielt die Sängerin auf dem Berlin Festival aber nur genau einen Song („Kiss that grrrl”), und den auch noch in einer gitarrenlastigen Punk-Version. Vom niedlichen Mädchen mit Pony-Frisur und schwingenden Kleidchen hat Nash sich mittlerweile zum Riot Grrrl gewandelt und für ihre Live-Auftritte eine komplette Frauen-Band am Start. Die Entwicklung hin zum Punk und zu hartem Gitarrenrock war in Ansätzen schon auf dem zweiten Album erkennbar und Nash führt sie live konsequent fort. Ein weiterer Hinweis darauf, dass Nash neue Töne ausprobiert: Der Song „Underestimate the girl“, den die Sängerin im Juni in weniger als 24 Stunden schrieb und aufnahm.

Der Großteil des Festival-Publikums in Berlin hat davon offensichtlich nichts mitbekommen oder die leisen Andeutungen des Richtungswechsels auf „My best friend is you“ nicht verstanden – eine Gruppe von Teenagern fotografiert lieber sich selbst, anstatt der Band zu lauschen („Das klingt irgendwie komisch“), andere flippen zwar nahezu aus, als Nash ins Publikum kommt („Kaaaaaate!“), finden die Musik aber trotzdem eher bescheiden („Zu Hause höre ich ihre Musik gerne, aber was die hier macht…“). Wiederum andere sind nur noch schlecht gelaunt („Das ist echt scheiße.“). Kate Nash selbst muss das nicht stören. Sie legt eine tolle Show hin und treibt die Techniker in den Wahnsinn, die während des gesamten Auftritts das Mikro mal hier, mal dorthin stellen müssen. „You’re too far away from me“, findet Kate nämlich, klettert von der Bühne und stellt sich samt Gitarre direkt vors Publikum.Wie heißt es in „Underestimate the girl“ so schön: „Everybody play, play it so safeNo one wanna mess, mess with the rules”. Miss Nash hat offensichtlich beschlossen, die sichere Schiene des Indie-Pop-Rock hinter sich zu lassen.

Der Hanger kocht, die Leute tanzen

Um 20 Uhr wird mit der Kanadierin Claire Boucher alias Grimes ein weiterer Act Opfer des schlechten Sounds in den Hangars. Während ihr Auftritt in einem kleinen Club wahrscheinlich wunderbar funktioniert hätte, ist die Festival-Bühne dann doch zu groß für die Senkrechtstarterin. Trotz honigsüßer Stimme, eingebettet in mystisch-elektronische Klänge – irgendwas fehlt. Also lieber zum Hangar 5, wo Frittenbude die Bühne übernommen haben. Nach wenigen Minuten ist klar: Die Jungs hätten sich auch als Sub-Headliner vor den Killers super gemacht. Der Hangar kocht, die Leute tanzen. So muss das sein.

©Thore Barfuss

Das erste Highlight am Samstag ist Kimbra: Die Neuseeländerin wurde als Gotyes Duettpartnerin in „Somebody that I used to know“ bekannt und zeigt live, dass sie auch alleine eine großartige Künstlerin ist. Angetan mit einem kurzen, wippendem Kleid entfaltet Kimbra ihr ganzes Stimmvolumen (und das ist beachtlich). Die Band hat offensichtlich viel Spaß am Spiel und kleidet Songs wie „Settle down“ in ein ganz neues Klang-Gewand. „I hope I’ll see you again soon“, sagt Kimbra am Ende atemlos ins Mikro. Dieser Wunsch könnte sich erfüllen, hat die Sängerin doch gezeigt, dass sie über einen eigenständigen Stil und Songs mit Ohrwurm-Potential verfügt.

Auf der Main Stage lassen derweil Bonaparte auf sich warten, erst mit über zehn Minuten Verspätung schafft es das bunte Kollektiv auf die Bühne. Zur Entschädigung gibt es dafür gleich den Hit „Anti Anti“, gefolgt von einigen neuen Stücken und „My horse likes you“ vom gleichnamigen zweiten Album. Wo Bonaparte spielen, da muss man sich um die Stimmung keine Sorgen machen. Auf der Bühne tanzen Menschen in den seltsamsten Verkleidungen, im Publikum ebenfalls.

©Thore Barfuss

Das Kontrast-Programm bieten die schwedischen Schwestern von First Aid Kit. Einfach hinsetzen und zuhören, wie Klara und Johanna Söderberg mit ihren Stimmen und Gitarren aus Alltagsgeschichten hinreißende Songs machen. Authentisch und unaufgeregt ist das - und eine Stunde Spielzeit viel zu wenig.

Franz Ferdinand: Exzessives Schlagzeug-Solo

Als Sub-Headliner stehen an diesem Abend die Lads von Franz Ferdinand auf der Bühne. Die Band begnügt sich damit, ein, zwei neue Stücke zu spielen (elektronischer, weniger eingängig) und gibt dem Publikum ansonsten, was es will: „Take me out“, „Do you want to“ oder „This fire“. Der Auftritt endet mit einem exzessiven Schlagzeug-Solo, an dem sich sämtliche Band-Mitglieder beteiligen.

Was bleibt nach zwei Tagen Berlin Festival? Tolle Musik, ein relativ angenehmes (und internationales) Publikum und ein übersichtliches Gelände. Punktabzug gibt es für den teilweise wirklich miesen Sound, der so manches gute Lied zerstörte. Die Frage ist außerdem, wie viel Sinn es macht, eine doch eher ruhige Band wie Sigur Rós vor dem Headliner The Killers spielen zu lassen, während Bands wie Bonaparte oder Frittenbude diesen Part viel besser erfüllen könnten. Sei’s drum. Wenn die Veranstalter es hinkriegen, weiterhin eine so große Dichte an hörenswerten Musikern und Musikerinnen zusammen zu bekommen, kann man sich vielleicht bald auf ein dreitägiges Berlin Festival freuen.

Mehr aus der deutschen Hauptstadt auf unserem cafebabel.com Berlin Cityblog.

Illustrationen: Teaserbild ©Christian Faustus/Berlin Festival; Im Text ©Thore Barfuss; Videos (cc)BerlinFestival2012/YouTube