Bergkarabach: Eine Jugend im Schützengraben 

Artikel veröffentlicht am 21. März 2018
Artikel veröffentlicht am 21. März 2018

Kara… was? Seit 25 Jahren kämpft die selbsternannte Republik Bergkarabach um ihre Unabhängigkeit von Aserbaidschan - doch kein Staat erkennt sie als solchen an, die Atmosphäre vor Ort ist kriegsähnlich. Der spanische Fotojournalist Pablo Garrigós hat die Region besucht und dort junge Menschen getroffen, die die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht verloren haben.

Bis heute befindet sich das „Land“ Bergkarabach in einer Sackgasse. Der  sechsjährige Territorialkrieg um das Gebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan wurde 1994 offiziell mit einem Waffenstillstand beendet, doch zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags kam es nie. Auch die Friedensvereinbarungen wurden nicht immer ernst genommen. Somit kommt es immer wieder zu offenen, oft auch bewaffneten Konflikten. Es herrscht weder Krieg noch Frieden. Ein bisschen wie Schrödingers Katze, die tot ist, aber gleichzeitig auch lebendig.

Pattsituation

Der Konflikt in Bergkarabach begann 1988, nur wenig später zerfiel die Sowjetunion. Die Region galt als autonome Provinz (oblast) innerhalb der Sowjetrepublik Aserbaidschan, obwohl ein Großteil der Bevölkerung armenischer Herkunft war. Der Krieg brach aus, als diese ethnische Mehrheit ein Referendum gewann, mit dem eingewilligt wurde, eine kühne Forderung an die Sowjetunion zu stellen: Karabach müsse von der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik regiert werden.

Die Volksgruppen der Aseris und Armenier bekämpften sich sechs Jahre lang, bis im Jahr 1994 ein Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Doch die kriegsähnliche Atmosphäre bleibt, bis zum heutigen Tage werden Friedensverhandlungen geführt. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Armeen, die ihren Höhepunkt im Viertagekrieg 2016 fanden. Bis zu 30.000 Menschen sind bislang in diesem Krieg gestorben, berichtet die BBC.

Bis heute befindet sich die Republik Arzach - diesen neuen Namen nahm sie 2017 an - in einem Schwebezustand: Sie ist ein Staat, und zugleich ist sie keiner. Die Regierung kontrolliert de facto ihr kleines Territorium, aber kein Mitglied der Vereinten Nationen erkennt dieses offiziell als Land an. Weltweit akzeptiert kein Land arzachische Pässe. Die meisten Menschen haben einen armenischen Pass - Armenien ist ein Land, dem die Arzachis kulturell stark verbunden sind. Ohne diesen Pass wäre es ihnen gar nicht möglich, ihr Land - das gerade einmal so groß ist wie ein Drittel Belgiens - zu verlassen.

Arzachs Nichtanerkennung wirkt sich auch unmittelbar auf den Alltag der Bürger aus, der Konflikt liegt in der Luft: Sendungen über das Militär dominieren das Fernsehprogramm zur besten Sendezeit, Patriotismus ist ein beliebtes Thema für Filme, Musik und Theaterstücke. Aktuell leben rund 150.000 Menschen in der Region, 'gefangen' in einem Gebiet aus kleinen Dörfern hinter hohen Bergen, die bis zu 3000 Meter über den Meeresspiegel hinausragen. 

Bilder einer vergessenen Region

Pablo Garrigós, einen spanischer Fotojournalist, war in der Region unterwegs, um herauszufinden, wie der Alltag junger Menschen in einem umstrittenen Territorium aussieht. Garrigós war 2015 zum ersten Mal als Wahlbeobachter in Bergkarabach. Er nahm einen Flug in die armenische Hauptstadt Jerewan und reiste von dort aus mit dem Bus sechs Stunden durch die gebirgige Gegend. Stepanakert, die Hauptstadt der Region Arzach, hat zwar einen Flughafen, aber Aserbaidschan untersagt es internationalen Fluglinien aus Sicherheitsgründen dort zu landen.

Mit den Jahren ist Garrigós immer wieder hierher zurückgekehrt, um die Lebensabschnitte der hier 'eingeklemmten' Jugend mit seiner Kamera zu porträtieren. „Ein Bericht über einen Konflikt ist dann sinnvoll, wenn wir sehen können, wie sich das Leben der Menschen entwickelt. Manche haben geheiratet, Geschäfte aufgemacht.“ Der junge Spanier wollte dem eingefrorenen Konflikt ein menschliches Gesicht geben. Denn die junge Generation des Landes wird irgendwann zu den Entscheidungsträgern in der Region und zu den potenziellen Friedensstiftern gehören. Und trotzdem: die Unterbrechungen des Waffenstillstandes nehmen ihr Leben oft in Geiselhaft.

Garrigós hat seine Bilder in den letzten drei Monaten in Brüssel ausgestellt. Arzach ist nicht das einzige europäische Land, das sich in einer solchen Situation befindet. Deshalb hat Geopolis, ein Zentrum für Fotojournalismus in Brüssel, Ende 2017 die Arbeiten von sechs Reportern über die „Grauzonen“ Europas zusammengetragen, darunter auch die von Garrigós.

Porträts

Die 26-jährige Nana ist eine der jungen Frauen, die Garrigós porträtiert hat. Sie studierte Politikwissenschaften in Jerewan. Ihr Leben wurde auf den Kopf gestellt, als der Kultusminister Bergkarabachs sie bat, nach Hause zurückzukehren, um die zweite Frau zu werden, die im „Land“ ihren Doktor in Politikwissenschaften macht. Garrigós gegenüber sagte Nana: „Ich glaube, dass ich hier viel mehr für mein Land tun und effektiver sein kann als in Jerewan. Außerdem gibt es für mich nichts Wichtigeres, als meinem Land zu helfen, und es gibt nichts Besseres, als es von hier aus zu tun.“

Auch Grigor ist ein junger Mensch, der inmitten dieses vergessenen Konflikts lebt. Er ist Dozent für Bauwesen, seine Ausbildung erhielt er in Frankreich, dank der Unterstützung einer franko-armenischen Stiftung. Nachdem er in die Heimat zurückgekehrt war, beschloss er, ein Haus zu kaufen und daraus eine Jugendherberge zu machen. Im April 2016 wurde er gezwungen, alles zurückzulassen und ein Gewehr in die Hand zu nehmen, um im Viertageskrieg zu kämpfen, der zwischen Armenien und Ascherbaidschan um die Region Karabach ausbrach. „Wenn du an die Front gehst, hast du nicht die Zeit, zu überlegen, was du zurücklässt. Am ersten Tag fragst du dich, ob du überleben wirst. Am zweiten realisiert du, dass du am Vortag hättest sterben können. Am dritten ändert sich deine Geisteshaltung: Du fängst an, für dein Land zu leben, nicht mehr für dich selbst“, sagt er.

Garrigós porträtierte auch den Leiter des „National”-Theaters von Karabach. „Theaterstücke sind gut dazu geeignet, die Zivilgesellschaft und das Militär zu unterhalten. Außerdem sind sie ein nützliches Medium zur Verbreitung von Patriotismus“, erklärt er. Aufgrund des kurzen Gewaltausbruchs im Jahr 2016 hat das Theater all seine männlichen Schauspieler über Nacht verloren. Doch der Theaterleiter bleibt hoffnungsvoll: „Ich realisiere die Tragweite des Kriegs, und wir sehen, dass dieser Konflikt für uns noch nicht zu Ende ist. Trotz der Schwierigkeiten sollte uns das nicht davon abhalten, in Karabach zu leben. Ehrlich, ich habe eine große Familie, und wir gehen davon aus, hier noch lange Zeit zu bleiben. Wir haben große Häuser gebaut. Wir werden unsere Arbeit nicht einfach einstellen, trotz des anhaltenden Krieges.“

Rückgrat in Bergkarabach

Eine Schlichtung wird nicht einfach sein, aber die jungen Bewohner der Region arbeiten weiterhin energisch darauf zu. „Sie sagen Dinge wie: Wir müssen weiter leben“, erklärt Garrigós. „Es ist bewundernswert, wie man hier trotzdem an eine Zukunft glaubt, wenn es keine einfachen Lösungen gibt“, sagt er weiter. Die Jugend in Bergkarabach weiß, dass der Frieden nicht übermorgen da sein wird. Und auch wenn die Friedensgespräche Früchte tragen sollten, weiß sie, dass es wohl 50 Jahre und mehr dauern könnte, um in Harmonie mit dem Nachbarn Aserbaidschan zu leben.

Sowohl die armenische als auch die aserbaidschanische Regierung wollen in Friedensgespräche eintreten, ihre Forderungen bleiben jedoch weiterhin unvereinbar. Armenien unterstützt die Unabhängigkeitsforderungen des umstrittenen Territorialstreifens, in dem eine ethnische Mehrheit von Armeniern ansässig ist. Aserbaidschan auf der anderen Seite will eine Art 'autonome Region' auf aserbaidschanischem Boden gründen. Bisher scheint diese Situation festgefahren. Auch die Minsker Gruppe der OSZE, ein internationales Gremium, das zwischen beiden Seiten vermitteln soll, und dem Gesandte aus Russland, Frankreich und den USA vorsitzen, konnte daran bisher nichts ändern.

Diogo Pinto, Direktor des Zentrums European Friends of Armenia (EuFoA), gibt die Hoffnung jedoch nicht auf und ist sich sicher: „Eine Lösung zu finden ist möglich.” Aber um dahin zu gelangen, sagt er, müsse Aserbaidschan seine militärischen Bedrohungen unterlassen. „Und was für Verhandlungen sind denn in solch einem Fall möglich? Armenier haben Angst davor, als Volk auszusterben.“ Pinto, der pro-armenisch eingestellt ist, hält nichts von der Idee, eine autonome Region in Aserbaidschan zu gründen. „Genau dafür haben die Menschen gekämpft - eben nicht unter aserbaidschanischer Obhut zu sein. Jetzt, nach 25 Jahren, sind sie sogar noch entschlossener dagegen. Die jüngere Generation ist in einer Art unabhängigem Staat geboren, sie sind mit dieser Idee groß geworden.“

Hikmat Hajiyev, Sprecher des aserbaidschanischen Außenministeriums, sagt, seine Regierung wolle Frieden. „Das wäre wirklich eine Kehrtwende im Kaukasus. Armenien würde auch vom Friedensprozess und der Kooperation in der Gegend profitieren. Junge Menschen verbringen ihre Zeit in Schützengräben…“ Hajiyev plädiert für mehr Vertrauen zwischen beiden Parteien, die irgendwann zu besserer Kooperation in der Region führen kann - zu „geteiltem Wohlstand“.

Aber wie es steht, ist der Frieden in Bergkarabach weiterhin ein flickerndes Licht am Ende eines langen Tunnels. Und damit junge Menschen den Tunnel durchqueren können, müssen sie vorsichtig sein. Pablo Garrigós sagt, es sei der Durchhaltewille der Menschen, der ihn hier in Bergkarabach am meisten beeindruckt hätte: „Sie blicken mit Zuversicht in eine unsichere Zukunft, wobei das alles längst nicht zu Ende ist“. Dass eine Lösung so schwierig zu erreichen ist, könnte ein Grund dafür sein, dass sich die Massenmedien aus der Region heraushalten: „Dieser Konflikt lässt sich nur schwer an die Medien verkaufen, weil er ziemlich festgefahren ist“, erklärt Garrigós. Er ist immer noch entschlossen, 2019 in die „vergessene Republik“ zurückzukehren, um zu sehen, wie sich das Leben der Personen aus seinen Geschichten verändert hat. 

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