Benzinfressern geht die Luft aus

Artikel veröffentlicht am 15. April 2008
Artikel veröffentlicht am 15. April 2008
Um einen Lebensstil anzuprangern, den sie als skandalös empfinden, lassen "Öko-Guerillas" bei Einbruch der Dunkelheit in verschiedenen europäischen Städten die Luft aus den Reifen diverser Luxuswagen. Wie zum Beispiel in Lyon.

Der Städter hat nun genug vom tristen Dreigespann des, wie der Franzose sagt métro-boulot-dodo (U-Bahn, Arbeit, Schlafengehen), von dem sein Leben in den letzten Jahrzehnten geprägt war. Von nun an stellt er sich den Gefahren des "Großstadtdschungels" und gibt sich am Steuer seines blitzblanken Benzinfressers als echter Abenteurer. Besondere Kennzeichnen dieses Kraftfahrzeugtyps sind sein antriebsstarker Motor und sein Vierradantrieb, der eine bessere Bodenhaftung gewährleistet, vor allem auf schadhaftem Untergrund. Einziger Nachteil ist allerdings, dass diese Fahrzeuge einen höheren Abgasausstoß haben.

Laut Ademe, der französischen Umwelt- und Energieagentur, verbraucht ein solches Sportnutzfahrzeug (SUV) 33 Prozent mehr als ein herkömmliches Auto. Doch Frankreich besitzt eines der besten Straßennetze der Welt. Machen ein paar Schlaglöcher die städtischen Straßen bereits zu «schadhaftem Untergrund»? Sind sie Legitimation genug für den übermäßigen Verbrauch der SUVs? Angesichts solcher Paradoxe regt sich seit Beginn des neuen Jahrtausends in Europa Widerstand. So sind entsprechende Aktionsgruppen entstanden, deren Waffe das ökologische Gewissen ist.

Europa geht die Luft aus

Les Dégonflés in Frankreich (chris_lori/flickr)

Sie nennen sich Les dégonflés ('Die Luftablasser') in Frankreich, Les Flagadas ('Die Schlappis') in Belgien und The Indians of the Concrete Jungle ('Die Indianer der Betonwüste') in Schweden. Alle vereint das gleiche Ziel: den Menschen die ökologische Unsinnigkeit von SUVs im städtischen Verkehr bewusst zu machen. Dazu warten sie in den schönen Vierteln bis zum Anbruch der Dunkelheit. Seltsamerweise findet man hier mehr SUVs, und die Straßen sind hier ruhiger. Dann schreiten sie zur Tat. Der Cherokee entgeht den maskierten Vollstreckern nicht. Ebenso wenig der Land Rover und seinesgleichen. Das sind die Autos, an die sie Hand anlegen. Dem Wagenhalter hinterlassen sie eine bissige Nachricht: Er findet am nächsten Morgen sein Auto mit platten Reifen vor.

Jérémie hat die Lyoner Aktivisten kennen gelernt. Er erklärt den gedanklichen Unterbau ihrer Handlungen: "Sie sagen, ein SUV sei nur ein Penis-Ersatz! Ein Auto, das viel verbrauche, aber nur ein Luxusartikel sei, ein Accessoire, ein Privileg der wohlhabenden Gesellschaft, das der Stadt keinen weiteren Nutzen bringe. Man könne sich mit einem kleineren und ökologischeren Auto zufriedengeben", erklärt Jérémie. "Für die Aktivisten symbolisiert das SUV vor allem einen verachtungswürdigen Lebensstils."

Wie sind diese Untergrundgruppen organisiert? "Alles geschieht durch Mundpropaganda. Man trifft sich, so als würde man ins Kino gehen. Danach muss man sich eine lange Straße suchen, wo nicht viele vorbeikommen und einige stehen Schmiere, während die anderen die Ventile aufdrehen." Ziel ist es letztlich, eine Diskussion darüber loszutreten, welche Berechtigung diese Autos in der Stadt haben. "Dank dieser markanten Aktionen wird jetzt verstärkt in den Familien über den Umweltschutz geredet. Es hat gereicht, bei etwa zehn SUVs in Lyon die Luft rauszulassen - schon wurde in den Medien darüber geredet!", fährt Jérémie fort.

Urbane und ökologische Legende

Nacht- und Nebelaktion der Dégonflés in den Straßen von Paris (chris_lori/flickr)

Übrigens hat der Medien-Hype dazu geführt, dass die 'Öko-Guerillas' zum Mythos geworden sind. Unter den SUV-Besitzern entstand eine wahre Paranoia. Und auf der Seite der Öko-Aktivisten gab es aus Sympathie zur Idee hier und da Trittbrettfahrer. Auch wenn die Bewegung in Lyon nicht mehr aktiv ist, überlebt der Geist der Bewegung doch in einer Art 'urbaner Legende' und einem immer noch genauso wachen ökologischen Problembewusstsein.

Wenn das Luftrauslassen zu Beginn laut Gesetz auch nicht unter Strafe stand (es wurden ja keine Autos in Brand gesteckt), führte die öffentliche, durch die Aktionen hervorgerufene Erhitzung dazu, dass die Justiz nun ihre Verfahrensweise geändert hat und Geldstrafen verhängt. Dies hat die Bewegung in Lyon gebremst. Jérémie sieht das differenzierter: "Die Bewegung hätte ihre Aktivitäten sowieso von allein eingestellt. Diese Art der Bewegung hört nie wirklich auf, sondern geht dann häufig zu anderen Aktionen über." Der junge Umwelt-Aktivist unterstreicht damit die Gemeinsamkeit aller Aktivitäten des zivilen Ungehorsams: So gibt es die Déboulonneurs ('Abschrauber'), die gegen großflächige Werbung in den Städten angehen, die Eteigneurs de néon ('Neonlicht-Ausschalter') oder auch solche, die Fahrradwege aufmalen. 10 Prozent der Lyoner Fahrradwege hat man heute ihnen zu verdanken! Unterschiedliche Ziele, eine gemeinsame Botschaft: Man will das Verhalten der Überflussgesellschaft anprangern, die die Umwelt verschmutzt, ohne sich darüber Gedanken zu machen.

Die Besitzer von SUVs behaupten, sie würden die Umwelt nicht mehr verschmutzen als ein altes Auto und bestreiten somit die gesamte Verschmutzung, die schon allein bei der Produktion ihres Autos entsteht. Der Kampf gegen ihren Irrglauben ist noch nicht zu Ende! Aber das Prinzip des abnehmenden Wachstums ist in unserer Gesellschaft schwer zu akzeptieren: die Konsequenzen unserer Anschaffungen abzuwägen - eines SUVs oder eines anderen Produkts - und unseren Bedarf zurückzuschrauben. Eine neue Vorstellung vom Fortschritt, über die es sich nachzudenken lohnt.

Die Autorin ist Mitglied der Lyoner Cafebabel-Redaktion.