Belgrad alternativ: Künstler zwischen Engagement und Ernüchterung

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2012
Foto ©Alpin Charbaut für Orient Express Reporter II in Belgrad In der „weißen Stadt“ boomen Kunst und Kultur. Engagierte Künstler setzen sich für alternative Lebensstile ein, verwandeln brachliegende Flächen in nutzbares Terrain und verleihen ihrer Stadt mit gemeinnützigen Organisationen, Kulturzentren und Häuserbesetzungen ein modernes Gesicht.

REPORTAGE von alpin charbaut

Der Academia Club, weltbekannt durch Matthew Collins Film This is Serbia calling, galt lange als Epizentrum des Belgrader Undergrounds. Heute organisieren engagierte Künstler und Studenten in der ganzen Stadt kulturelle Events, Ausstellungen, Debatten und Konzerte. Während ich mit Dobrica von einer ausgefallenen Location zur nächsten pilgere, um mir ein Bild vom beeindruckenden Ausmaß der serbischen Alternativkultur zu machen, stellt mir der einnehmende Mittdreißiger mehrere der jungen Aktivisten vor; und auch beim Schlendern durch die Innenstadt schüttelt er ununterbrochen die Hände vorbeikommender Bekannter.

Dass Dobrica so beliebt ist, hat einen guten Grund: Er kämpft dafür, dass brachliegende Flächen in ganz Serbien für die allgemeine Nutzung freigegeben werden. Bereits 2009 hatte er unter dem Slogan „Gebt den öffentlichen Raum frei!“ eine Kampagne ins Leben gerufen, um zusammen mit städtischen Institutionen und Jugendgruppen Lösungen für die Nutzbarmachung dieser urbanen Flächen zu finden. Nun wollen die Jugendlichen die Bevölkerung von ihrer Sache überzeugen und so mit zivilem Engagement das erreichen, was die Politik gekonnt ignoriert.

Dobrica telefoniert mal eben mit der "Street Galery"
Belgrad.Dobrica telefoniert mal eben mit der “Street Galery” Belgrad.

„Aktivismus: eine optimistische Form des Pessimismus“ 

Im
Jugendzentrum Vega in Belgrad Im Jugendzentrum Vega in Belgrad Bulevar Kralja Alexander 93. In einem ehemaligen Filmgeschäft haben Dubrawka und Jovana das Jugendzentrum Vega eingerichtet, wo sie Debatten und Podiumsdiskussionen organisieren. Die vorabendliche Versammlung drehte sich allerdings um die Zukunft des Zentrums selbst: „In Serbien werden selbst kleine Organisationen sehr hoch besteuert“, erklärt Jovana. Der Verein hat nicht mehr genug Eigenkapital, um den Ort weiter bestehen zu lassen. Heute drängen sich in dem Lokal auch rund dreißig junge Journalisten des freien Internetradios No radio, das sich als Stimme der alternativen Szene begreift. Mit ihren Beiträgen rund um Gesellschaft und Kultur wollen sie serbischen Jugendlichen dabei helfen, ihre kulturelle Umgebung besser zu verstehen. Jovana spricht auf die Frage nach der Zukunft der Belgrader Kulturszene lieber von Begeisterung als von Optimismus. Im Mikrokosmos ihres Jugendzentrums sind alle neuen Ideen willkommen, doch nur ein kleiner Kern ständiger Mitarbeiter hilft kontinuierlich bei der Organisation der verschiedenen Events.

Denn immer mehr junge Künstler kehren Belgrad den Rücken, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Und sie sind nicht die einzigen: Schätzungen zufolge verließen zwischen 2001 und 2011 rund 30 000 junge Serben ihr Land aus Mangel an Arbeitsplätzen und beruflichen Perspektiven. Zwischen dem Fluss Save und der Altstadt zeigt das Kulturzentrum KC Grad gerade eine zehntägige Ausstellung mit Skulpturen zeitgenössischer Künstler. Und auch wenn einige von ihnen gerne zugeben, dass „alles zunächst über den Underground läuft“, beklagen viele, aufgrund fehlender Mittel „keine ehrgeizigeren Projekte schmieden zu können“. Und träumen von fernen Ländern: Asien, Westeuropa und Skandinavien klingen für sie wie die Aussicht auf eine bessere Welt. 

Das neue Umweltbewusstsein

Tatjana und Dragan vor ihrem Hobbit-Haus und Sitz des Vereins
"KultUrban".Tatjana und Dragan vor ihrem Hobbit-Haus und Sitz des Vereins “KultUrban”.Diejenigen, die bleiben, machen aus dem gesellschaftlichen Engagement eine heilige Pflicht. Dabei wird auch Umweltbewusstsein ganz groß geschrieben. Wer in dem Viertel Ada Huja mit Familien und Spaziergängern das Donauufer entlang schlendert, merkt gleich, dass der grüne, von Brachland umgebene Park gerade erst angelegt wurde. Ins Auge fällt auch eine skurrile, kreisrunde Hütte mit grasbewachsenem Holzdach und Wänden aus Stroh: Sie ist das Werk von Tatjana und Dragan, zwei jungen Architekten des gemeinnützigen Vereins KultUrban. Das junge Paar ist stolz auf sein Öko-Häuschen, das mithilfe erneuerbarer Energien beheizt wird und Dragan zufolge für ihre Hoffnung steht, mit wenig Geld innovative, umweltfreundliche Orte zu schaffen. Für die Finanzierung des Hobbit-Hauses, des bisher größten Projektes von KultUrban, organisierten die beiden ökologische Modeschauen, Künstlerwerkstätten und pädagogische Projekte in Zusammenarbeit mit städtischen Bildungseinrichtungen.

Zurück in der Stadt glaube ich fast, in einen spanischen Botellón geraten zu sein. Doch nein: Seit April gehört die Passage zwischen Nikola Pasic Square und Nusiceva-Straße den Straßenkünstlern. „Die Jugend muss sich ausdrücken dürfen“, erklärt eine Passantin. Die Meinungen der Anwohner sind geteilt, einige werden sich jedoch trotz Klagen daran gewöhnen müssen, ihr Auto woanders zu parken. Eineinhalb Jahre hatte es gedauert, bis die Stadtverwaltung dem Künstlerkollektiv Mikroart endlich grünes Licht gab. Danilo Vukovic lässt seiner Begeisterung bei der Eröffnung der Ausstellung Kunstleri Pariz-beograd mit Künstlern aus Frankreich und Serbien freien Lauf: „Paris und Belgrad sind einander sehr nah“, vertraut er mir an. Für seine Kunstwerke überklebt er Fotografien mit bunten Stickern und erinnert so an die unbeschwerte Zeit, als Freundschaft, Kindheit, Liebe und Angst noch zusammen gehörten – und noch keiner an die Sorgen von heute dachte. 

Squats else?

Für die jungen Belgrader ist die Kunst heute eines der wichtigsten Ausdrucksmittel überhaupt – trotz sozialer Wechselfälle und wirtschaftlicher Not. Das Kulturzentrum Bigz, das in einem ehemaligen Druckereigebäude untergebracht ist, dient als Treffpunkt für serbische Künstler aller Richtungen. Zu den Musikern, die hier einen Proberaum gemietet haben, gehört auch der 22-jährigen Srdjan, der gerade das abendliche Konzert vorbereitet und die Häute seiner Schlagzeugtrommeln wechselt. Srdjan lebt zwischen Studium, Minijobs und seinem Traum von einer Karriere als Musiker. Für den Proberaum bezahlt seine Band rund 300 Euro im Monat – doch wenn es um Musik geht, ist Srdjan jeder Preis recht.

Als ich in den sechsten Stock hinuntersteige, werden die Punkrhythmen zu Elektroklängen, und statt Proberäume liegen hier öffentliche Bars, in denen der Rakija in Strömen fließt. Das ist Hausbesetzung nach allen Regeln der Kunst, und mit klarem Ziel: Indem sie alte Industriegebäude neu beleben, wollen die jungen Künstler den Horizont ihrer Mitbürger erweitern und beweisen, dass Belgrad eine moderne, dynamische Stadt ist – solange, bis die serbische Hauptstadt eines Tages zu den großen europäischen Kulturmetropolen zählt.

"Drummer in the dark" “Drummer in the dark” | Srdjan, 22 ans, batteur engagé. Au centre culturel Bigz.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Vielen Dank an das cafebabel.com Localteam in Belgrad.

Text und Fotos ©Alpin Charbaut für Orient Express Reporter II in Belgrad; Übersetzung ins Deutsche: Saskia