Belgien - Tschechoslowakei des 21. Jahrhunderts?

Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2008
Artikel veröffentlicht am 29. Juli 2008
Sind Flamen und Wallonen - ähnlich wie Tschechen und Slowaken 1992 - gegen die Teilung ihres Landes? Wirtschaftliche Auswirkungen, Sprachgrenzen und Leistungssport: eine slowakische Perspektive.

Es mangelt an Informationen über die aktuelle Situation und die geschichtliche Entwicklung Belgiens in der Slowakei. Die Berichterstattung in den Medien ist ziemlich dürftig. Aber auch das tangiert den Slowaken nur peripher: Denn Belgien wird als ein kleines, weit entferntes Land angesehen. Die Auswirkungen der belgischen Krise betreffen uns nahezu gar nicht. Das perfekte Beispiel dafür ist die gerade mal 15-zeilige Kurzmeldung über das Rücktrittsgesuch des belgischen Premiers Yves Leterme am 14. Juli.

Brüssel wird hier in der Slowakei eher als die Hauptstadt der EU betrachtet. Dadurch wird ein Unterschied zwischen Belgien und der ehemaligen Tschechoslowakei deutlich: Die Flamen und die französisch sprechenden Wallonen teilen sich Brüssel: In der Tschechoslowakei gab es hingegen keine Zweifel daran, dass Prag eine zu 100 Prozent tschechische Stadt ist.

Sportsgeist?

Solange die Tschechoslowakei ein Staatenbund aus der Tschechischen Sozialistischen und der Slowakischen Sozialistischen Republik (von 1989 bis 1992 fiel 'sozialistisch' weg) war, befand sich in Prag nicht nur der Sitz der föderalen Regierung und Volksvertretung, sondern auch der Sitz der tschechischen Nationalregierung und des Parlaments. Der slowakische Regierungssitz befand sich hingegen in Bratislava, der slowakischen Hauptstadt. Somit gab es während des Teilungsprozess keinerlei Kontroversen darüber, wer die Hauptstadt übernimmt.

Strittige Angelegenheiten ergaben sich erst nach der friedlichen Teilung im Januar 1993.

Das blaue Dreieck auf dem weiß-roten Hintergrund der tschechoslowakischen Flagge wurde zur tschechischen Flagge, die Slowakei musste sich hingegen eine neue eigene Nationalflagge kreieren.

Neben der Hauptstadt behielten die Tschechen ebenfalls die tschechische Währung, die so genannten Kronen, sowie die Aufstellung des Eishockey-Teams in der Weltrangliste der Internationalen Eishockey-Förderation (IIHF) bei. Zwei Jahre brauchte die slowakische Eishockey-Nationalmannschaft, um sich zurück zur Weltmeisterschaft in die A-Klasse zu kämpfen, nachdem sie als neu gegründetes Land zurück in die C-Klasse herabgestuft worden war.

Die Politik entscheidet

Trotz dieser Details scheinen die Menschen beider Länder mit der Teilung des ehemaligen Staatenbundes zufrieden zu sein und teilen die Meinung, dass sie davon profitieren. Die Tschechen hatten nicht mehr das Gefühl, dass sie stets ihrem "kleinen Bruder", der traditionellen, industriell weniger entwickelten Slowakei, helfen müssten. Und die Slowaken hatten nicht mehr das Gefühl unter Prager Kontrolle zu stehen.

'Die Mehrheit der Slowaken und Tschechen war zunächst gegen die Teilung.'

Die Mehrheit der Slowaken und Tschechen war allerdings zunächst gegen die parlamentarische Abstimmung, das Land in zwei Hälften zu teilen. Die Beziehung zwischen diesen beiden Nationen war immerhin sehr stark. Die Slowakische Nationalpartei (SNS), die sich für die Teilung aussprach, erhielt bei den Parlamentswahlen 1992 weniger als 8 Prozent der Stimmen. Eine in Anlehnung an die Parlamentswahlen durchgeführte Umfrage im März 1993 zeigte, dass nur 29 Prozent der Slowaken eine Spaltung unterstützten, während 49 Prozent deutlich dagegen waren.

Die Slowaken wollten lediglich mehr politische Unabhängigkeit innerhalb des existierenden Staatenbundes. Die letztendliche Teilung der Tschechoslowakei erfolgte, nachdem die tschechischen Abgeordneten (unter Vaclav Klaus, gegenwärtiger Präsident der tschechischen Republik) und die slowakischen Abgeordneten (geführt von Vladimir Meciar, autoritärer Politiker und derzeitiger Vorsitzender der regierenden Koalitionspartei ĽS-HZDS der Slowakei) keinerlei Übereinstimmung innerhalb des bundesstaatlichen politischen Systems finden konnten.

1992 - "Eine Scheidung in Samt"

Die friedliche Spaltung in zwei Länder legte den Grundbaustein für eine noch immer bestehende außergewöhnlich gute Beziehung zwischen der slowakischen und tschechischen Nation. 15 Jahre später blickt die Mehrheit der Bürger noch immer zufrieden auf die Teilung zurück: Mehr als 65 000 slowakische Staatsbürger arbeiten legal in der tschechischen Republik, während 1500 Tschechen in der Slowakei leben. Binationale Hochzeiten sind Standard geworden. Nachdem beide Nationen im Dezember 2007 dem Schengener Abkommen zustimmten, existieren keine sichtbaren Grenzen mehr, obwohl Reisepässe bisher nie eine Notwendigkeit darstellten.

'Nach der Teilung setzte sich das Tschechische durch.'

Allerdings gleichen sich die Sprachen weniger als man denkt: Ein bundesstaatlicher Sender strahlte zwar grenzübergreifend in beiden Sprachen aus, so dass beide Nationen Kontakt mit der Sprache der anderen hatten. Doch nach der Teilung setzte sich das Tschechische durch. Zahlreiche Bücher und Filme aus dem Ausland wurden nur ins Tschechische übersetzt. Von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen war es nicht rentabel, diese ebenfalls ins Slowakische zu übersetzen. Es konnten ja alle Tschechisch. Infolgedessen verstehen fünf Millionen Slowaken die Sprache der 10 Millionen Tschechen besser. Heutzutage ist es so, dass junge Menschen, die nach der Teilung in der Tschechischen Republik geboren sind, kaum Slowakisch verstehen.

Das führt zu absurden Situationen. Im September 2007 begann ein zehnjähriger Junge im Süden der Slowakei plötzlich auf Englisch zu sprechen, da er mich nicht verstand als ich ihn etwas auf Slowakisch fragte. Ich musste die Frage auf Tschechisch wiederholen.