Béla Tarr: „Ungarns Filmemacher verhalten sich wie Prostituierte“

Artikel veröffentlicht am 1. Juni 2007
Artikel veröffentlicht am 1. Juni 2007

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Der ungarische Regisseur Béla Tarr ging als einer der Favoriten in das Filmfestival von Cannes. Doch dann musste sein Film „The Man from London” einem rumänischen Beitrag den Vortritt lassen.

Béla Tarr wird von ausländischen Kritikern als einer der zur Zeit weltbesten Regisseure gefeiert. Der Mann mit grünen Augen, weißem Bart und schneidendem Blick wählt seine Worte wohl überlegt. Der 51jährige erinnert sich daran, wie ihm sein Fotografielehrer in der Zeit des Kommunismus klarmachte, dass er vom Filmgeschäft „nicht die geringste Ahnung“ habe.

Tarrs Arbeit rückt erst jetzt allmählich in das Bewusstsein der europäischen Öffentlichkeit. So sind drei seiner Filme erst jetzt in seiner Wahlheimat Frankreich auf DVD veröffentlicht worden: Almanac of Fall (1983), Damnation (1987) und Werckmeister Harmonies (2000). Für den ehemaligen Hausmeister gibt es keine Unterschiede bei seinem europäischen Publikum, wobei er sich aber über ihre kulturellen Kontraste im Klaren ist. „Wenn man es als Regisseur schaft, die wirklichen Probleme der Menschen ins Bewusstsein zu rücken, dann kann der Film den Einzelnen berühren. Das ist nicht von einem bestimmten Land abhängig.”

Sein aktueller Film The Man from London (2007), zelebriert diese Herangehensweise. Die ungarisch-französisch-deutsche Koproduktion wurde in Frankreich mit einem internationalen Team gedreht; die Hauptrollen gingen an tschechische und britische Schauspieler. Dazu gehört auch die Britin Tilda Swinton, deren Stimme auf Ungarisch synchronisiert wurde. Der Kameramann kommt aus Deutschland, während das Drehbuch auf einem belgischen Kriminalroman von Georges Simenon beruht.

Nicht zuletzt wegen des tragischen Selbstmordes von Produzent Humbert Balsan im Februar 2005 und wegen der Finanzierungsprobleme dauerte es fünf lange Jahre, bis der Film endlich in die Kinos kam. Auch die Wände von Tarrs Büro sind voll von philosophischen Betrachtungen über das Thema „Zeit”. Und das bringt uns zu unserer ersten Frage.

Ihr Epos Satan’s Tango (1994) aus dem nachkommunistischen Ungarn ist ein 7 Stunden und 15 Minuten langes Mattscheibenfest. Auch ihre Filme London und Tango entwickeln sich in einem sehr langsamen Rhythmus. Warum?

Es gibt keine Überraschungen, während die Story sich entwickelt. Ich möchte, dass die Zuschauer die Vielschichtigkeit der Dinge erkennen. Die Länge einer Szene entspricht der Bedeutung, die ich herausstellen möchte. Ich versuche, eine Art Zustand zu beschreiben, in dem wir uns befinden; in London tue ich das dadurch, dass der Dialog auf Ungarisch geführt wird.

Wird es ein Wiedersehen mit den immer wiederkehrenden Symbolen geben, die wir aus ihrem Film Damnation kennen, der durch Regen, Tanz und quadratische Bildelemente charakterisiert wurde?

Auf jeden Fall. Es gibt Wiederholungen, wie man sie auch in der Struktur einer Fuge findet. So etwas Ähnliches kommt jetzt wieder, wenn auch mit komplett geänderter Substanz, die Aussage ist eine ganz andere. Diese Art Monotonie ist mir sehr vertraut – ich benutze gerne solche Kunstgriffe, die eigentlich anti-cineastisch sind.

Immer mehr ungarische Regisseure scheinen der Versuchung zu erliegen, Filme als Koproduktionen zu drehen. Warum ist das so?

Echte Koproduktionen gibt es in Ungarn nicht sehr oft. Das ist immer dann der Fall, wenn sich mehrere Länder nicht nur finanziell, sondern auch bei der Produktion selbst beteiligen – sei es, indem sie mit Personal, Drehorte oder Schauspieler zur Verfügung stellen.

Es ist einfach, sich auf einen kleinen, ungarischen Horizont zu beschränken, wo die Welt an den Karpaten endet. Ich übernehme aber lieber die Perspektive von Ady [einem ungarischen Avantgarde-Dichter aus dem frühen 20. Jahrhundert, Anm. d. Red.]. Er schrieb auf Ungarisch, dachte aber immer universal. Deshalb habe ich schon mindestens viermal mit dem Autor László Krasznahorkai zusammengearbeitet – seine Denkweise ist ähnlich universal. Man braucht allerdings eine nationale Identität, um in Gedanken ein Weltbürger bleiben zu können.

Bewegen wir uns denn langsam weg von einem ungarischen Nationalkino?

In ganz Europa werden die nationalen Filmindustrien in zunehmendem Maß protegiert. In Ungarn reden wir hauptsächlich über Co-Finanzierungen, bei denen ein ungarischer Regisseur mit der finanziellen Hilfe ausländischer Investoren einen ungarischen Film dreht. Für mich ist das eine „Pseudo-Co-Produktion“ – dabei geht es einfach um einen Geldtransfer im Austausch für irgendwelche Merchandising-Rechte. Das Problem mit dem ungarischen System ist, dass die Filmemacher sich wie Prostituierte aufführen. Sie wollen nur bestimmte kulturelle Bedürfnisse befriedigen oder Drehbücher einer nationalen Mainstream-Tradition anpassen.

Was interessiert Sie an armen, sozial benachteiligten Charakteren wie Maloin, dem Weichensteller aus dem Film London oder der Wanderzirkustruppe in Werckmeister?

Dieses soziale Einfühlungsvermögen hatte ich schon immer. Menschen, die moralisch und existentiell am Rand leben, interessieren mich mehr als alles andere. Ihre Konflikte sind viel realer. Diesen Zuständen kann man in diesem Teil der Gesellschaft besser Ausdruck verleihen als in der bürgerlichen, gut situierten Welt, in der solche Themen üblicherweise unter den Teppich gekehrt werden. Das ist auch ein interessantes Universum, mich berührt es aber nicht.

Was mich betrifft – ich habe mich nie als Filmregisseur gesehen. Ich dachte immer, ich müsste die Welt verändern. Heute würde es mir schon reichen, wenn ich nur die Filmsprache ändern könnte. Filmen ist natürlich auch ein Teil des Lebens, und ich habe Erfolg mit dem, was ich tue. Trotzdem wäre es vermessen zu sagen, dass sich deshalb die Welt geändert hätte. Auf die Empfindungskraft der Menschen kann man sich aber immer verlassen. Sie sind nicht von Natur aus versifft, und sie versündigen sich nur, wenn die Umstände sie dazu treiben.

Das diesjährige Filmfestival von Cannes ist vorbei – wie fühlen Sie sich jetzt?

Sich entspannen, sich zurücklegen und das Leben genießen – das sind unbekannte Gefühle für mich. Sich in einem permanenten Konflikt zu befinden und sich ununterbrochen Fragen zu stellen, das ist eine conditio sine qua non meines Berufes. So war die Arbeit an dem Schwarz-Weiß-Film Werckmeister nach drei langen Jahren mit Finanzierungsproblemen ein ziemlich quälender Prozess. Sich diesen Film jetzt anzusehen, ist die beste Motivation. Dabei geht es nicht einfach um Zufriedenheit, für mich hat es fast die gleiche Bedeutung wie Frieden.

Foto Homepage: Die Britin Tilda Swinton in der ungarisch synchronisierten weiblichen Hauptrolle (eugene/ Flickr)