Begraben, aber nicht vergessen

Artikel veröffentlicht am 7. März 2005
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Artikel veröffentlicht am 7. März 2005

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Das Leben in Madrid geht weiter. Natürlich wird das Fernsehen am ersten Jahrestag über die Attentate berichten und es wird Gedenkfeiern geben. Doch es scheint, als würde die Opfer lieber in Ruhe gelassen werden.

Es ist wohl keine Übertreibung zu sagen, dass sich Madrid verändert hat, verglichen mit noch vor einem Jahr. Die Terroranschläge und die Sturheit der konservativen Regierung, die ETA verantwortlich zu machen, führte dazu, dass Regierungspräsident Aznar drei Tage nach den Anschlägen die eigentlich sicheren Wahlen verlor.

Die Zeit heilt alle Wunden?

Die Trauer nach den Bombenattentaten dauerte an. Im Herzen von Madrid, gegenüber des Regierungsgebäudes an der Puerta de Sol wurde spontan eine Gedenkstätte errichtet. Nach einer „Danke, Madrid“- Gedenkfeier einen Monat später, bei der Königspaar Auszeichnungen an Feuerwehrmänner und andere tapfere Helfer verlieh, wurde sie geräumt. Die Gedenkstätte am Bahnhof Atocha blieb länger erhalten. Im Mai jedoch baten Bahnarbeiter darum, diese zu entfernen, weil sie die tägliche Erinnerung an das Geschehene nicht ertragen konnten.

Je mehr Zeit vergeht, desto weniger sprechen die Leute über die Terroranschläge. Jeder kennt jemanden, der betroffen ist, doch die Menschen ziehen es vor zu schweigen. „Ich habe noch mit niemanden über die Anschläge gesprochen und ich glaube nicht, dass ich dies je tun werde“, meint Ana Garcia, eine Medizinstudentin, die zu den Leichtverletzten der Anschläge gehört. Zum Glück gibt es nicht viel in den Straßen, das die Erinnerung aufwühlen könnte. „Am längsten erinnerte die U-Bahn selbst an die Anschläge, indem sie die Menschen aufforderte, auf ihr Gepäck zu achten. Doch nun ist auch diese Erinnerung durch den Hinweis ersetzt, dass Rauchen in der U-Bahn nicht gestattet ist“, erklärt Borja Rodriguez.

Eine Stadt in Gefahr

Diejenigen, die nicht direkt von dem Terroranschlag betroffen sind, können objektiver über das Geschehen urteilen. Dennoch möchten auch sie die Vergangenheit hinter sich lassen. „Nichts hat sich verändert. Gut, wir unterstützen den Irak-Krieg nicht mehr, aber davon abgesehen hat sich Madrid nicht gewandelt. Wir sind immer noch in Gefahr, wir waren es immer und wir werden es immer sein“, unterstreicht Jorge Ramirez. Sicherlich hat er Recht damit. Zweimal jeden Monat gelingt es baskischen Untergrundkämpfern, Anschläge zu verüben – trotz erhöhter Sicherheitsvorkehrungen.

Abgesehen vom populistischen Rückzug aus dem Irakkrieg, hat die Regierung Zapatero genug getan, um eine erneute Gräueltat zu verhindern? „Ich weiß nicht, was haben sie unternommen?“, fragt sich Alicia Naranjo. „Die Wahrheit ist, wenn sich eine kleine Terrorzelle dafür entscheidet, ein Attentat zu verüben, kann so gut wie nichts dies verhindern. Ganz gleich, welche Maßnahmen die Regierung ergreift, ihr Handeln wird kritisiert werden. Heutzutage behauptet jeder, wir müssten die Ursache des Konflikts bekämpfen, aber wie? Sicherlich wäre dies ein richtiger Weg, um zu verhindern, dass Terrorismus entsteht, doch was ist zu tun wenn Terrorismus bereits existiert?“

Madrid hat das Geschehene hinter sich gelassen. Die Trauer ist privat, während die Öffentlichkeit den Vorfall realistisch und distanziert betrachtet. Die Wahrheit ist, dass Madrid eine große Stadt ist und die Zahl der Opfer trotz allem lediglich einen winzigen Prozentsatz ausmacht. Madrid ist weder vergleichbar mit Omagh und Beslan, deren Attentate die ganze Stadt betrafen, noch erreichten die Anschläge das Ausmaß des Angriffs auf New York. Doch vergessen kann Madrid nicht. „Die Spanier sind belastbar“, unterstreicht Pablo Perez. „Die Terroristen mögen uns töten, doch sie werden uns niemals brechen“.