Baustelle Vergangenheit

Artikel veröffentlicht am 9. November 2006
Artikel veröffentlicht am 9. November 2006

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Wie erinnert man an ein so unvorstellbares Verbrechen wie den Holocaust? Deutschland beschäftigt diese Frage noch immer.

Nur wenige Städte können es mit der Skyline von Berlin aufnehmen. Es mag dort vielleicht keine Wolkenkratzer geben. Wirft man aber einen Blick von der Kuppel des Reichstages aus auf die Stadt, sieht man zahlreiche Gebäude, die im 20. Jahrhundert Geschichte geschrieben haben: Die Überreste der Berliner Mauer, die die Stadt und Europa teilte. Der Fernsehturm und andere architektonische Relikte der DDR.

Bei genauerem Hinsehen kann man ein neues Monument der deutschen Vergangenheit entdecken. Südlich vom Brandenburger Tor, zwischen dem Rohbau für die neue US-Botschaft und den großen Neubauten des Potsdamer Platzes liegt die Holocaust-Gedenkstätte Deutschlands. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas sieht aus wie ein riesiger Betonfriedhof mitten im Herzen der Hauptstadt. Die Idee geht auf den amerikanischen Architekten Peter Eisenmann zurück. Die 2004 fertig gestellte Gedenkstätte kostete über 20 Millionen Euro. Das erste staatliche Monument Deutschlands für die Opfer des Holocausts besteht aus insgesamt 2771 Stehlen aus Beton, die auf einer etwa 19.000 Quadratmeter groe Fläche aufgerichtet sind.

Das Unaussprechliche sichtbar machen

Es gibt keine endgültige Antwort darauf, wie ein Verbrechen solchen Ausmaßes und solcher Brutalität wie der Holocaust architektonisch dargestellt werden kann und soll. „Nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, bemerkte Theodor W. Adorno einmal.

Für viele ist jeder architektonische Versuch, an die Ermordung von so vielen Millionen Menschen zu erinnern, ein schlimmstenfalls aussichtsloses und bestenfalls komplexes Vorhaben. Ist ein Mahnmal das Zeichen für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit oder will es von ihr erlösen? Wären die ehemaligen Konzentrationslager wie Dachau und Sachsenhausen nicht bessere Orte des Gedenkens?

Befürworter der Holocaust-Gedenkstätte halten den Bau eines dauerhaften Mahnmales für den besten Weg, um die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im Gegensatz zu den baulichen Überresten eines Konzentrationslagers lasse ein künstlerisch-architektonischer Entwurf eine subjektive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen zu. Der Prozess des Gedenkens, nicht sein Ergebnis solle im Vordergrund stehen.

Ein Mahnmal für die Deutschen

Es gibt viele Holocaust-Mahnmale. Israels Yad Vashem ist sicher das Berühmteste. Und doch ist der Neubau in Berlin einzigartig. Angeblich steckt kein Symbolismus hinter Eisenmanns Design. Doch sowohl der Stil als auch die Farbe lassen einen Einblick in das Schuldbewusstsein der Nation zu. Es ist ein Denkmal, das an die dunkelsten Stunden des Landes erinnert.

Genau diese Erinnerung wollte Lea Rosh wecken. Die Journalistin, die die Debatte um ein Holocaust-Mahnmal in den achtziger Jahren auf die politische Agenda gebracht hatte, wollte ein Bauwerk keineswegs für die Juden, sondern für die Deutschen selbst. Wahrscheinlich mussten deshalb so viele Jahre vergehen, bis die endgültige Form des Mahnmals beschlossen werden konnte.

Verleugnet, vergessen – überbewertet ?

Unmittelbar nach dem Krieg neigten Deutschlands Regierende dazu, einen Strich unter die Gräueltaten der Nationalsozialisten zu ziehen. Sie sorgten sich mehr um den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes als um die Geister der Vergangenheit. Erst 1968 protestierten die Studenten gegen den Unwillen – oder die völlige Weigerung – einer ganzen Generation von Deutschen „ihre dreckige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen“. Nicht als einziger hatte der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer die Hoffnung gehabt, mit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen die Arbeit an der Vergangenheit abzuschlieen. Und selbst Altkanzler Helmut Kohl äuerte öffentlich lieber sein Mitgefühl mit allen Kriegsopfern als speziell mit denen des Holocaust.

Was hat sich in den letzten Jahren geändert? Nichts, würden viele sagen. Debatten wie die um den Chemiekonzern Degussa zeigen, wie sehr die deutsche Gegenwart immer noch von der Vergangenheit beeinflusst ist. Degussa war beauftragt worden, den Graffiti-Schutz für die Stelen des neuen Holocaust-Mahnmal herzustellen. Da ein Subunternehmen von Degussa einst das Giftgas für Auschwitz produzierte, hatte der Auftrag zu kontroversen Diskussionen geführt.

Dennoch haben die Wiedervereinigung von 1990 und der Generationswechsel in der deutschen Politik und Gesellschaft dazu geführt, dass das Land sich öffentlich mit den Gräueln der Vergangenheit auseinandersetzt. Die Geschichte wird seither weder verleugnet noch vergessen oder überbewertet.

Eine besondere Verantwortung

Eisenmanns Gedenkstätte symbolisiert diesen Wechsel. Ihre Ausmaße stehen im klaren Kontrast zu früheren Mahnmalen wie zum Beispiel unscheinbare kleine Bronzeplatten an den Häusern deportierter Juden in Hamburg. Allein die Diskussion um das Pro und Contra des Holocaust-Mahnmals hat bereits einen Prozess des Umdenkens ausgelöst. Die Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner Vergangenheit ist zugleich eine Debatte um seine Zukunft. Angesichts der fortwährenden, kollektiven Amnesie, die in vielen Teilen Europas angesichts des Holocausts herrscht, kann dies nur begrüßt werden.

Das Mahnmal ist nur eines von vielen neuen Projekten, in denen sich Deutschland öffentlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt und aus ihr lernt. In einem anderen Berliner Stadtteil, im ehemaligen Westen der Stadt, wurde 2001 das Jüdische Museum eröffnet. Der Bau des Architekten Daniel Libeskind ist ein beeindruckendes architektonisches Monument und löst bei den meisten Besuchern groes Erstaunen aus. Das Museum erinnert an die vertriebenen und ermordeten Juden und an die kulturelle Lücke, die diese im Nachkriegsdeutschland hinterlassen haben.

Die neue Münchener Hauptsynagoge versucht dagegen eine positive Auseinandersetzung mit dieser Leere. Sie wird am 9. November eingeweiht. Das Gotteshaus soll unter anderem ein jüdisches Jugend- und Kulturzentrum sowie ein Restaurant beherbergen.

Alle drei Projekte geben Antwort auf dieselbe Frage. Zwar unterscheiden sich diese Antworten grundlegend voneinander. Doch sie sind sichtbare Bekenntnisse einer besonderen Verantwortung Deutschlands gegenüber seiner jüdischen Gemeinde. Die öffentliche Debatte wird zeigen, welches von ihnen sich am besten dafür eignet, die Lehren Vergangenheit in eine positive Vision zu verwandeln. Schon die gelungene Glaskuppel auf dem Reichstag hat bewiesen: Es ist besser, auf die Vergangenheit zu bauen, als sie zu verstecken.