Bäumchen wechsel dich im Budapester Bezirk Józsefváros

Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 9. Januar 2010

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Wo die massive Sanierung trotz Rezession weitergeht, sind es kleine Initiativen, welche die Integrität des berühmt-berüchtigten Budapester Stadtbezirks Józsefváros erhalten.

Die Corvin-Promenade, Herzstück des 405 Millionen Euro teuren städtebaulichen Corvin-Szigony-Projekts in der ungarischen Hauptstadt, ist fast fertig. Mitteleuropas größte urbane Verwandlung ist ein Trumpf für den Stadtrat von Józsefváros, der das Budapester Viertel neu erfinden beziehungsweise Geschäfte und Tourismus anziehen will. „Eine neue Stadt wurde geplant, mit Wohnungen, Geschäften, Büros und einer Tiefgarage“, erklärt Zentai Oszkár, der lokale Tourismusbeauftragte. „Wir arbeiten daran, den guten Ruf von Józsefváros wiederherzustellen.“

Józsefváros war lange Zeit ein Synonym für Kriminelle, Prostituierte, Drogen und Zigeuner

Bekannt als einfach nur "der Achte", war der Bezirk Józsefváros lange Zeit ein Synonym für Kriminelle, Prostituierte, Drogen und Zigeuner. Diese wohnten nicht selten in herunter gekommenen Häusern, auch schon vor dem ungarischen Volksaufstand von 1956. „Diese Vorurteile stimmen für die 1980er und 90er Jahre“, sagt Zentai. „Heute ist Józsefváros jedoch eines der sichersten Viertel von Budapest. Ein großer Erfolg war das System der Sicherheitskameras. Auch die Prostituierten verschwanden von der Straße.“

Prostitution in Józsefváros nur verdrängt

 „Józsefváros ist nicht mehr so urig wie früher“, stimmt András Szabo von der Schutzvereinigung ungarischer Prostituierter (HPIPA) zu. Aber er hebt auch hervor: „Prostitution passiert heute meistens in Wohnungen.“ Nur weil ein Problem nicht mehr sichtbar ist, heißt das nicht, dass es verschwindet. Und die Rezession hat noch immer einen Einfluss auf die Prostitution. „Sie haben weniger Kunden, die Preise sind nach unten gegangen oder die Kunden verlangen mehr für den gleichen Preis“, so András. „Sie sind fast die billigsten [in Europa]. Das liegt zum Teil an Wettbewerb aus den ärmeren Nachbarländern (Ukraine, Rumänien). Sie sind sogar noch billiger als die Ungarinnen.“ Eine 2009 von Tampep durchgeführte und von der EU geförderte Studie fand heraus, dass 25 Prozent der Sexarbeiter in Ungarn Migranten aus Mittel- und Osteuropa sind. Heute sieht man sie aber nur noch selten im ehemaligen Rotlichtbezirk Józsefváros.

Verborgene Schätze in Józsefváros

Auch Gyuri Baglyas, ein ehemaliger Bewohner des Bezirks und Uni-Absolvent der Sozialpolitik, verfolgt die Veränderungen in seiner Heimatstadt. Der 28-Jährige gründete Beyond Budapest Sightseeing. Diese Firma organisiert Führungen durch den Stadtbezirk, welche auch die bröckelnden Innenhöfe mit einschließen. Von geschichtlich bedeutenden Gebäuden wie dem Festics Palast zu bescheideneren Pfeilern, welche die ethnische Vielfalt von Józsefváros bewahren. „Wenn du in Józsefváros einen Eingang siehst, muss du ihn erkunden“, schwärmt Gyuri. „Alle Schätze des Achten sind verborgen.“

Das Corvin-Szigony-Projekt hat auch einige Kontroversen ausgelöst, wie zum Beispiel die Verlagerung des Großmarktes und die Renovierung von 2500 Wohnungen, von denen einige im Besitz der Stadt, andere Privatbesitz sind. Es kursiert das Gerücht, dass Bewohner mit niedrigerem Sozialstatus, wie die viel diskriminierten Roma, zum Verlassen der Gegend gezwungen wurden. „Keineswegs“, beharrt Zentai Oszkar. „Die meisten, die in der Corvin-Promenade gewohnt haben, haben bessere Wohnungen im Inneren des Bezirks bekommen. Die steigenden Immobilienpreise sind gut für all diejenigen, die eine Wohnung besitzen.“ Gyuri bleibt aber pragmatisch: „Mir tut es um all die schönen alten Plätze und Häuser leid, aber die Stadt muss sich auf lange Sicht verändern. Es ist eine notwendige Operation.“

©Alex JacksonHeute ist Gyuri zu Besuch bei Kis Kálman und Kis Kálmanné Éva, einem älteren Roma-Ehepaar, das noch immer im achten Bezirk wohnt. Kis Kálmanné Éva serviert süßen Tee, während ihr Mann, früher Geiger in einer Gypsy-Band, die Seiten mit einer Geschicklichkeit und Schönheit zum Klingen bringt, die man seinen tätowierten Händen nicht zutrauen würde. „Wir sind stolz auf unsere Kultur und wollen anderen Leuten davon erzählen, so wie wir unseren Enkeln davon erzählen müssen. Aber wir wollen auch von Anderen lernen.“ Das Corvin-Szigony-Projekt wird Józsefváros sicherlich ökonomischen Wohlstand bringen. Und noch können die urigen Bewohner des Viertels zum Wohlfühlen in diesem Budapester Viertel beitragen.