Baskenland: Alltag nach Jahrzehnten des Terrorismus

Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2015

Nach Jahrzehnten sollte der Terrorismus im Baskenland im Jahr 2011 endlich zu Ende gehen. Für eine Region voller Spaltungen und Streitigkeiten, von denen die meisten von der ETA angeheizt wurden, ist diese langsam einkehrende Normalität eine ziemlich seltsame, aber willkommene Neuigkeit.

Am 20. Oktober 2011 verkündete die Terrororganisation ETA (Euskadi Ta Askatasuna, baskisch für Baskenland und Freiheit) das Ende ihres bewaffneten Kampfes. In mehr als 52 Jahren hat die ETA 829 Menschen getötet und das Baskenland und den Rest Spaniens in Angst und Schrecken versetzt. Heute fühlen sich die Bürger sicherer. Aber es ist nicht leicht, nach so vielen Jahrzehnten Terror zu einem normalen Alltag zurückzukehren.

„Immer auf der Hut sein, damit sie dich nicht kriegen.“ So erinnert sich Francisco Zaragoza, Vorsitzender eines Opferverbandes, an diese Zeiten. Zaragoza, ein ehemaliger Polizist, überlebte 1988 in Eibar (Provinz Gipuzkoa) einen Autobombenanschlag der ETA, bei dem einer seiner Kollegen getötet wurde.

Er wendet immer noch die gleichen Vorsichtsmaßnahmen an wie zu seinen Zeiten als Polizist. „Hast du dir erst einmal bestimmte Gewohnheiten antrainiert, ist es sehr schwierig, sie wieder loszuwerden; vor allem was deinen Selbstschutz anbelangt.“ Er überprüft die Straße, bevor er das Haus verlässt, checkt sein Auto vor dem Losfahren, sitzt in geschlossenen Räumen nicht mit dem Rücken zur Tür und achtet auf Fahrzeuge in der Nähe, wenn er fährt.

Eine neue Ära

Früher war es normal, eine bedrohte Person in Begleitung von Leibwächtern zu sehen. Allerdings beschloss die baskische Regierung im Sommer 2014, die meisten von ihnen in den Ruhestand zu versetzen. Nach Angaben der spanischen Vereinigung der Leibwächter ASES (Asociación Española de Escoltas) arbeiteten zu Hochzeiten der ETA-Aktivitäten mehr als 5.500 Bodyguards im Baskenland und in Navarra. Sondereinsatzkräfte der Polizei wurden speziell geschult, um Terrorismus zu bekämpfen – die Kosten beliefen sich jährlich auf etwa 100 Millionen Euro. 

Weniger Bodyguards - für Paul Ríos, Kopf der friedlichen sozialen Bewegung Lokarri, ist dies das deutlichste Anzeichen für den Anbruch einer neuen Ära. „Es ist vollkommen anders, Leute zu treffen, die geschützt werden oder nicht", bekräftigt er. Viele Menschen fühlten sich unwohl, wenn sie andere mit Leibwächtern sahen, weil sie dachten, ihr Leben könnte genauso in Gefahr sein. „Das Ende der Revolutionssteuer beweist die Robustheit des Prozesses“, betont Ríos. Zur Finanzierung ihrer Aktivitäten forderte die ETA Geld von Unternehmen - im Tausch gegen Sicherheit. Heute werden derartige Machenschaften den Behörden signalisiert.

Ríos, dessen Bewegung eine Hauptrolle im Ausebben der Gewalt spielte, ist überzeugt, dass der Friedensprozess „unumkehrbar“ sei. Dank der internationalen Beobachter des Friedensprozesses und aufgrund der verlorenen politischen Unterstützung ihres Anliegens, glaubt er, werde die ETA nicht noch einmal angreifen. Im Allgemeinen, so Ríos, sei die Angst aus dem Baskenland verschwunden, aber in einigen kleineren Städten fühlten sich manche Menschen aufgrund persönlichen Grolls immer noch unsicher.

Francisco Zaragoza findet, es gäbe nun mehr Obdachlose auf der Straße als in den ‚bleiernen Jahren‘ [eine Ära sozialer und politischer Unruhen; A.d.R.] – „damals gab es keine“. Außerdem sieht man heute mehr teure Autos; früher hatten die Menschen Angst, dadurch gezwungen zu werden, die Revolutionssteuer zu zahlen. Banken und Geldautomaten, früher beliebte Ziele für terroristische Anschläge, haben keine metallenen Rollläden mehr.

Auch die Touristen kommen wieder ins Baskenland. Im Jahr 2011, in den 6 Monaten nach der Erklärung der ETA, dass ihr bewaffneter Kampf zu Ende sei, stieg ihre Zahl um 47 %. Auch die neuen Mülleimer rund um den Flughafen von San Sebastian beweisen, dass das Baskenland ein sicherer Ort ist. Sie wurden vor Jahren entfernt, da sie als mögliche Bombenbehälter gesehen wurden. Doch trotz dieser Sicherheitsfortschritte ist der Hass nicht verschwunden.

Friedliches Nebeneinander vs. andauernder Hass

Consuelo Ordóñez ist Vorsitzende des Opfervereins COVITE. Sie ist der Ansicht, dass „die Kultur des Hasses intakt geblieben sei“. Den Opfern werde mit Gemälden an Mauern gedacht, aber nicht jeder verurteile ETA öffentlich. Vor einigen Tagen weigerte sich die Familie eines Opfers, auf einer Gedenktafel an die Opfer von Barakaldo (Provinz Bizkaia) zu erscheinen: „Sie leben noch in der Stadt, und sie haben Angst.“ 

„Die meisten Opfer verstecken die Vergangenheit. Diejenigen, die offen gesprochen haben, haben einen hohen Preis gezahlt“, erklärt Ordóñez, die das Baskenland vor zehn Jahren, aufgrund der Drohungen der ETA verlassen hatte. „Wir haben viel Aufwand damit, Veranstaltungen mit anonymen Opfern zu organisieren, weil sie immer noch Angst haben“, fügt sie hinzu. Francisco Zaragoza stimmt ihr zu: „Dieser Hass hat sich seit 20 oder 30 Jahren nicht verändert.“

Friedliche Koexistenz zwischen Opfern und Tätern - das ist nur eine der offenen Fragen des Friedensprozesses. Hinzu kommt Ríos zufolge „alles, was mit der Anerkennung der Opfer und Erinnerung zu tun hat, die Abrüstung der ETA, Strafvollzugspolitik und Menschenrechte von Gefängnisinsassen“. Auch die zukünftige Be- nennung der Partei sei ein Thema, weil ‚ETA‘ für viele für die durchlebten Bedrohungen und für Angst steht. 

„Die ETA muss konkrete Anstrengungen unternehmen, den begangenen Schaden auch anzuerkennen. Aber wir können sie nicht zwingen, sich zu entschuldigen, weil es sie demütigen würde“, so Ríos. Er ist optimistisch, was die unternommenen Schritte anbelangt, da es „mehr Treffen zwischen Opfern und Tätern“ gebe und auch Politiker der Sortu [der ETA nahe stehende, radikal nationalistische Linkspartei; A.d.R.] an Gedenkfeiern für die Opfer der ETA teilnähmen.

Der baskische Friedensprozess ist noch nicht abgeschlossen. Selbst wenn die Gewalt verschwunden sein mag, haben viele Jahre des Terrorismus eine tiefe Wunde in der Gesellschaft hinterlassen. Die Genesung wird nicht einfach sein.