Band La Femme, lasziv französisch

Artikel veröffentlicht am 12. September 2013
Artikel veröffentlicht am 12. September 2013

Nur schreckhafte Jungfrauen haben jemals geglaubt, dass die französische Band La Femme ihre Zuhörer nicht verführen wolle. Deswegen überrascht es auch wenig, dass die Gruppe mit ihrer lüstern vorgetragenen Vorstellung vom bizarr Schönen mittlerweile fast alle Debatten der französischen Musikszene beherrscht. Ein Gespräch am Rande des Festivals Rock en Seine.

„Es geht nicht um den Mann, sondern um die Frau“, antwortet Sacha Got, der Gitarrist von La Femme, recht emotionslos auf die Frage eines jungen Journalisten. Sacha beherrscht die Kunst der Pressekonferenz wie ein Star des Beichtstuhls. Zusammengesunken auf einem zu kleinen Sofa und erdrückt von seinem zu großen Ledermantel lächelt der Schönling müde bei jeder dummen Frage, stürzt sich begeistert auf gute Formulierungen und hält seine Antworten so kurz wie die Durchsagefetzen in der Metrolinie 4. Neben ihm sieht Clémence Quélennec, die austauschbare Sängerin der Gruppe, in Regenmantel, orangefarbenen Stöckelschuhen und getönten Ray-Bans vor allem dekorativ aus.  

Französische Superhits in C Lasziv

Man sollte sich aber davor hüten zu glauben, dass La Femme unnahbar seien. Bei dem Treffen mit der Band, kurz bevor sich diese in der medialen Masse auflöst, können die Musiker auch ganz umgänglich sein. Es bräuchte nicht viel und Bandmitglied Nunez von Ritter hätte uns auf die Wange geküsst, als wir sein Torerokostüm neugierig beäugen. Herausgeputzt wie ein kubanischer Diktator in einer neuen Uniform („hab ich für nur 4 Euro im Périgord gekauft!“) schiebt der blond-gefärbte Drummer nach, dass er „super heiß“ auf das Debüt der Gruppe bei Rock en Seine sei. Die anderen Musiker, in Muscleshirt und kurzen Jeans, schließen sich der Meinung des Chefs an. Das hat auch seinen Grund, denn die Organisatoren des Festivals haben ihnen die zweitgrößte Bühne überlassen, um der Menge richtig einzuheizen.  

Wie könnte es auch anders sein, schließlich räumen La Femme unter allen Musikacts „made in France“ derzeit den ersten Preis in der Kategorie „Wir singen auf Französisch“ ab. Seinen Musterschülern muss man bei Rock en Seine natürlich einen Spitzenplatz verschaffen – einem alljährlichen Musikevent, das nicht nur zufällig wie ein musikalischer Schulanfang wirkt. Wahr ist aber auch, dass La Femme ihre Zuhörer zwar auf Französisch verführen – natürlich mit Zunge – das aber vor allem mit einem Song, der nun schon auf drei CDs immer wieder neu recycelt wurde.

Als Retter der Surf Music wurde Sur la Planche schnell zu einem Hit, der so rasant über die Wellen ritt, dass er die Band aus den Kellerbars des Pariser Ostens direkt in die beste Sendezeit spülte. Der Stil zog sich auch durch die folgenden Songs (Télégraphe und Anti-Taxi) und es dauerte nicht lange, bis La Femme immer mehr Zuhörer heiß machten. „Das war nicht leicht, vor allem als wir nicht mehr in den uns bekannten Milieus unterwegs waren“, meint Sacha, der jetzt die Füße auf den Tisch gelegt hat. „Alle möglichen Leute haben angefangen, mit uns zu reden, und wir haben nichts kapiert. Deswegen haben wir uns eine Auszeit genommen, weil die Situation einfach zu seltsam wurde.“

Mittlerweile macht La Femme das Ganze aber Spaß. Nach ihrer selbst organisierten Tournee durch die USA vor drei Jahren gefiel sich die erweiterbare Besetzung (manchmal sechs, manchmal 10 und mehr Mitglieder) darin, ihre ungezählten ersten EPs selbst herauszubringen. Dabei waren sie so gut, dass sich die jungen Schönen gerne als Botschafter des „do it yourself“ gebärdeten. Zumindest eine Triole lang, bevor sie einen Vertrag mit Barclay unterschrieben, den Chefs der Allerbesten. „Wir wollten das Marketing einfach jemandem überlassen, der das auch kann“, verteidigt sich Sacha. „Mit Barclay geht es uns gut, denn die lassen uns komplette künstlerische Freiheit.“ Als Beweis führt er die Verzögerungen bei ihrem neuen Album Psycho Tropical Berlin an. Obwohl den Fans schon für 2012 versprochen kam das Album erst am 8. April 2013 heraus. Sie hätten „die richtige Form, den richtigen Sound“ finden müssen, damit La Femme sich über 14 stilsichere Titel hinweg elegant ausziehen könne. Zumindest mit vorzeitigem musikalischen Samenerguss scheinen La Femme also nicht zu kämpfen. Das Album ist auf jeden Fall ein Erfolg und die Bandmitglieder, deren Altersdurchschnitt um die 22 liegt, feilen schon an ihrer weiteren Karriere. 

Schön Bizarres und Beatmaschinen

In der Entertainment-Arena vergisst die Gruppe aber auch nicht, ihre Aura des Besonderen zu wahren. Wenn die ganze Welt mal wieder auf altbekannten Abzählreimen herumlutscht, ziehen La Femme es vor, sich auf vergessene Lieblinge einzulassen. Surf Music, Rockabilly und Doo-Wop sind solche Relikte, die Sacha und Marlon Magnée (die zwei Gründer der Gruppe, die damals noch unter dem Namen SOS Mademoiselle auftraten, AdR) in den Tiefen des Internets und der Mediathek von Biarritz (in Südwestfrankreich, AdR) ausgegraben haben.

„Das erste Mal habe ich Surf Music in Pulp Fiction gehört“, erzählt Sacha. „Aber die musikalische Erweckung habe ich während eines Konzerts der Cavaliers in Paris erlebt.“ Nach ihrer Ankunft in der französischen Hauptstadt trieben sich die zwei Biarritzer in der Miroiterie (ein Künstler- und Musikersquat im Osten von Paris, AdR) herum, unterhielten ihre musikalischen Einflüsse während geheimer Konzerte und ließen sich schließlich mit ein paar jungen Verrückten ein. Kurz gesagt: SOS Mademoiselle emanzipierte sich und wurde zu La Femme.

Die ungeschminkte Wahrheit ist, dass La Femme dank der Erfahrung, die mit den Jahren kommt, zu einer echten Beatmaschine geworden sind. Während sie unter anderem mit einem Theremin (eins der vielen seltsamen Instrumente, die die Band so zu lieben scheint) Serge Gainsbourg auferstehen lassen, entwickeln sie auf ihrem Album Psycho Tropical Berlin aber vor allem eine ganz spezielle Vorstellung vom bizarr Schönen. La Femme scheinen wild und nackt unter ihrem Regenmantel, als seien sie eher bereit, einen Twist in einer Bahnhofshalle zu tanzen, als im Taxi einen Rosé mit Grapefruitsaft zu trinken. Was so viel heißen soll wie: Die weibliche Seite der Band findet vor allem Ausdruck im Geheimnisvollen und im Kaugummi.

„Es stimmt schon, dass Songs wie Télégraphe ein bisschen wie Underground-Stücke klingen für Leute, die gerne in der Metro rumhängen und das unterirdische Leben von Paris lieben“, bestätigt Sacha. Kryptische Gefühle, die durch die Lyrics und Clips noch verstärkt werden. Von zwielichtigen Taxis über Haushaltsgeräte bis zu Propanol und Liebe auf Motus (kleine Inseln, AdR) verspricht ein Verhältnis mit La Femme aufregend zu werden. Umso besser, denn „unser Ziel ist es zu berühren und berührt zu werden“, resümiert Sacha. Also dann, lässt du dich ein?

Der Videoclip zu Hypsoline, der von der Band selbst gedreht wurde.

Das nächste Konzert von La Femme in Paris findet am 14. November im Trianon statt.