Balkans and Beyond: Bücher, die auf Holzstapeln brennen

Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 19. Mai 2016

In den nächsten Wochen veröffentlichen wir unser Projekt Balkans & Beyond, das  originelle Geschichten der jungen Generation aus den Post-Tito Balkanstaaten erzählt. In diesem Editorial erinnert sich der kosovarische Dramatiker Jeton Neziraj daran, dass der Krieg noch nicht soweit zurückliegt und er immer noch von brennenden Büchern traumatisiert ist. 

Im Laufe der letzten 20 Jahre habe ich bei mehreren Gelegenheiten die vorsätzliche Verbrennung von Büchern beobachtet.

Zu Beginn der 1990er, als der Kommunismus zusammenbrach, entfernten die Erwachsenen in meiner Familie die „roten“ Bücher des Kommunismus aus dem Haus, in dem ich lebte, und verbrannten sie im Hinterhof - Bücher von Karl Marx, Engels, Tito… Sie verschonten nur ein Buch, von Rosa Luxemburg, welches ihnen im Vergleich zu den anderen Büchern offenbar nicht so furchtbar erschien.

Danach, während der 1990er, sah ich, wie serbische Arbeiter Stapel von Büchern aus den Staats- und Universitäts-Bibliotheken des Kosovo mitnahmen, sie auf einen Traktor luden und losschickten, um verbrannt zu werden. Während des Krieges sahen wir von den Bergen aus, wie Häuser niedergebrannt wurden. Wenn einige Häuser schneller brannten als andere, sagten wir scherzhaft: „Die müssen eine Menge Bücher haben“.

Es war ein seltsamer Hass gegenüber Büchern, damals, insbesondere gegenüber Büchern, die in der Sprache des Anderen geschrieben waren, in der Sprache des „Feindes“. Ich überlegte, dass das Verbrennen der Bücher von anderen vielleicht sogar schlimmer sei, als ihre Häuser niederzubrennen, ihren Besitz zu zerstören oder sie aus ihrer Heimat zu vertreiben.

Während der Kämpfe nahm ich die Bücher aus meinem Haus und vergrub sie, um sie vor den Flammen zu schützen. Später hörte ich, dass viele Menschen dasselbe taten. Es ist etwas Mystisches an diesem ganzen Hass auf Bücher, an der ganzen Liebe für sie. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn, irgendwann in der Zukunft, primitive Flüche wie „Mögest du ohne Nachkommen sterben“, oder „Mögest du vom Angesicht der Erde verschwinden“, ersetzt würden durch „Mögen deine Bücher verbrennen“.

Während der 1990er waren Bücherverbrennungen ein Phänomen, welches in ganz Jugoslawien stattfand, in Gebieten des Kampfes, der Vertreibung, in Gebieten der Gewalt. Die Bilder von Büchern, die verbrannt werden, verursachten bei mir eine Art Trauma. Ein Trauma, dass vielleicht eines Tages alle Bücher verbrannt werden und uns nichts mehr bleibt. Ich habe mir oft vorgestellt, wie ich in einer Welt ohne Bücher lebe – die Vorstellung machte mir Angst.

Also habe ich seit dem Ende des Krieges Bücher aus allen Ecken der Welt mitgenommen, vielleicht, um mich dem Trauma zu stellen. Vor ein paar Jahren, in Calgary, öffnete eine Professorin die Tür ihres Büros und sagte mir, ich könne so viele Bücher nehmen, wie ich wolle. Ich hatte Taschen voller Bücher, die ich durch Flughafen-Terminals schleppte. Und um das Gewicht meines Koffers zu reduzieren, hüllte ich mich selbst in Bücher, genauso wie Selbstmordattentäter sich in Bomben einhüllen.

„Warum nimmst du all diese Bücher mit? Die sind auf Deutsch. Du liest kein Deutsch“, wurde ich einmal von einem deutschen Freund gefragt, während ich meine Tasche mit Büchern füllte. 

„Ich nehme sie nicht mit, um sie zu lesen, sondern um sie zu haben“, sagte ich.

Teil des Kampfes darum, diesem Trauma ein Ende zu bereiten, war auch das Polip International Literature Festival, welches wir jedes Jahr in Pristina organisieren. Jedes Jahr beherbergen wir um die 30 Autorinnen und Autoren, hauptsächlich aus der Nachbarregion. Es ist das Festival, wo serbische Autorinnen und Autoren, zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges, ihre Gedichte auf Serbisch vor einem albanischen Publikum lesen.

Wenn ich gefragt werde, wie es war, nach dem Krieg so einen literarischen und kulturellen Austausch zwischen Serben und Albanern zu initiieren, sage ich: „Wie ein gewöhnlicher Mensch, der in ein Minenfeld läuft“.

Der Balkan von heute ist anders als der Balkan der 1990er. Er hat sich zum Besseren verändert, natürlich. Trotzdem lasten die Traumata von Flammen, die Bücher, Menschen, Häuser und Erinnerungen verschlingen, wie das Gewicht des Kreuzes auf unseren Schultern.

Damit diese Traumata verblassen, sollte jeder und jede von uns Bücher mit sich tragen (so wie ich es tue), Bücher schreiben, Bücher übersetzen, und, vor allem, Bücher retten. Rettet sie davor, jemals wieder verbrannt zu werden. Je mehr Bücher wir um uns herum haben, desto besser wird die Zukunft des Balkans sein.

Von Jeton Neziraj, kosovarischer Dramatiker 

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25 Jahre nach Ausbruch der Balkankriege will Balkans & Beyond originelle Geschichten erzählen und Gesichter der jungen Generation aus Bosnien, Mazedonien, Kroatien, Kosovo, Slowenien, Serbien und Montenegro zeigen, eine Generation, die bereit ist zu vergeben aber nicht zu vergessen. Das Projekt wird von der Allianz Kulturstiftung und cafébabel Berlin getragen.