Balkan-Brigaden: Aus dem Prekariat in den Dschihad 

Artikel veröffentlicht am 15. September 2014
Artikel veröffentlicht am 15. September 2014

Während die Terrorgruppe Islamischer Staat bereits den dritten ‚westlichen‘ Bürger enthauptete und die Videos ins Netz stellte, schließen sich hunderte junge Männer aus Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien und Albanien den Balkan-Brigaden der Organisation an und kämpfen in Syrien und dem Irak für die Errichtung eines Kalifats. Grund dafür ist die prekäre Lage in ihren Heimatländern. 

„Buße ist ein Teil unserer Religion und unseres Erbes, also sei ein Mann, Arben, und bring mir meinen Sohn zurück“, schrieb Pranvera Zena auf Facebook. Die Nachricht richtete sich an ihren Ehemann, der den gemeinsamen achtjährigen Sohn entführt hatte.

Vor zwei Monaten behauptete ihr Ehemann, mit dem Sohn einen Ausflug in die Kosovarischen Berge zu unternehmen. Stattdessen ging er nach Syrien, um für den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. In der Nachricht erklärt Pranvera Zena, wie es anfing: „Die schlechten Tage begannen, als du anfingst so religiös zu werden und mich überreden wolltest den Schleier zu tragen“.

Kalifat bis nach Europa

Über 300 ethnische Albaner aus dem Kosovo, Mazedonien und Albanien haben sich bislang islamistischen Gruppen in Syrien und dem Irak angeschlossen, schätzt das in London ansässige Internationale Zentrum für Forschung zu Radikalisierung und politischer Gewalt. Die Brigaden des Islamischen Staates sind nach der Herkunft der jeweiligen Kämpfer benannt.

Zusammengenommen stellen die Balkan-Brigaden hierbei die größte europäische Gruppe. Nach den Plänen des IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadi soll der gesamte Balkan bis hinauf nach Wien dereinst auch Bestandteil des Kalifats werden, das die dschihadistische Terrororganisation Ende Juni in den eroberten Gebieten des Iraks und Syriens ausgerufen hat.

Eine Vice Magazine Reportage aus dem Inneren der Terrororganisation Islamischer Staat

Eine Vice Magazine Reportage aus dem Inneren der Terrororganisation Islamischer Staat (IS)

Razzien im Kosovo und Bosnien-Herzegowina

Bei einer Polizeirazzia im Kosovo wurden innerhalb von zwei Tagen 43 mutmaßliche Islamisten festgenommen. Viele von ihnen werden verdächtigt, an Kämpfen im Irak und in Syrien teilgenommen zu haben. Bei der landesweiten Razzia Mitte August wurden auch Sprengstoff, Waffen und Munition sichergestellt. Die kosovarische Öffentlichkeit war geschockt. Präsidentin Atifete Jahjaga versprach: „Das Kosovo wird kein sicherer Hafen für Terroristen sein.“

Einer der Auslöser der Razzia waren zwei Fotos, die der Kosovo-Albaner Lavdrim Muhaxheri auf Facebook postete. Sie zeigen den Dschihadisten, wie er einen 19-jährigen Syrer enthauptet. Bei Muhaxeri handelt es sich um den Kommandanten einer ethnisch-albanischen Einheit der Terrororganisation Islamischer Staat (IS), berichtet die kosovarische Zeitung Express.

Die Enthauptung des syrischen Jugendlichen rechtfertigte Muhaxeri damit, dass dieser ein Spion gewesen sei und der Koran dafür eine solche Strafe vorsehe. Das kurdische Fernsehen KNNC berichtete Mitte August, dass Muhaxeri bei Kämpfen getötet worden sei und veröffentlichte Bilder seiner Leiche. Auch in Bosnien-Herzegowina wurden in der vorletzten Woche 16 Personen festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, bosnische Staatsbürger für den Islamischen Staat anzuwerben.

Dass gerade so viele Bosnier dazu bereit sind, erklärt der Terrorismusexperte Vlado Azinovic mit der aussichtslosen Situation in ihrer Heimat. Seinen Schätzungen zufolge waren seit dem Beginn des Bürgerkrieges etwa 160 Männer und 20 Frauen aus Bosnien-Herzegowina in Syrien. „Meist handelt es sich um Personen, die sozial, ökonomisch und selbst geografisch vom Rand kommen, keine Aussicht auf Beschäftigung haben und nur über eine begrenzte Bildung verfügen. Sie sind davon überzeugt, dass sie dort eine heilige Mission erfüllen“, so Azinovic in einem Interview mit dem Portal Balkan Insight.

Transit-Sorgen in Kroatien

Unter den Festgenommenen war auch Hamdo Fojnica, dessen Sohn Emrah Fojnica kürzlich im Irak bei einem Selbstmordanschlag starb. Fojnica wurde bereits 2011 angeklagt, weil er einen Anschlag auf die US-Botschaft in Sarajevo mitgeplant haben soll. Der Täter Mevlid Jasarevic schoss damals in Richtung der Botschaft und verletzte dabei einen Polizisten. Hamdo Fojnica konnte allerdings keine Mittäterschaft nachgewiesen werden. Auch viele der kürzlich festgenommenen Personen sind wieder auf freiem Fuß, weil die Beweislage gegen sie zu dünn ist.

Im Nachbarland Kroatien macht man sich derweil Sorgen, das Land könnte als Transit-Zone für Islamisten aus der Region genutzt werden. Dschihadisten reisten über Kroatien in die jeweiligen Kriegsregionen ein und aus, warnten kroatische Sicherheitsbehörden in einem unlängst erschienenen Bericht. Es sei bisher allerdings nicht bekannt, dass sich Kroaten an den Kämpfen beteiligen.

Der Autor dieses Artikels, Krsto Lazarevic, ist n-ost-Korrespondent für das Osteuropamagazin ostpol.