Bald Schluss mit Stierkampf in Katalonien?

Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2010
Der Stierkampf ist aus der spanischen Kultur nicht wegzudenken. Ein Verbotsantrag, der dem katalonischen Parlament vorliegt, könnte der kritisch beäugten Traditionsdisziplin nun allerdings ein Ende bereiten.

Ein warmer Frühlingsnachmittag in Barcelona: Zum ersten Mal in diesem Jahr wird in der großen Monumental Arena unter den Anfeuerungen der erwartungsvollen Zuschauer wieder Blut vergossen. Die metallenen Pailletten auf dem hautengen Kostüm des stolzen Toreros funkeln, als er eine weitere Saison des Blutvergießens eröffnet. Während die Gruppe von Enthusiasten vor dem Stadium anwächst, finden sich Journalisten ein, die die Atmosphäre einfangen wollen. Angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Anhängern und Gegnern, die sich auf der anderen Straßenseite unter Aufsicht der Polizei versammelt haben, kommt man zwangsläufig auf das Blut und die Grausamkeit zu sprechen. José Gomez Ortega, Betriebsleiter aus Barcelona, ist es leid, immer dieselbe Frage gestellt zu bekommen. „Ich sage nur, dass Menschen unterschiedlich empfindlich sind. Ich reagiere empfindlich auf Dinge, die andere nicht stören, und umgekehrt.“ Stierkampfbegeisterte geben auf das Blut eben so wenig wie auf die Fragen zum Thema.

Der Stierkampf: eine landestypische Attraktion

Neben der „Musik, der besonderen Architektur der Arenen und der Luft, die man einsaugt“, liegt die Besonderheit des Stierkampfes vor allem darin, „dass es weltweit die einzige Darbietung ist, in der ein Mann unmittelbar um sein Leben kämpft“. Die Darbietung an diesem Nachmittag liefert dafür ein wunderbares Beispiel, als Manuel Diaz, 'El Cordobes', einer tödlichen Strafe seines Gegners nur knapp entgeht. Nach einem Kopfstoß wird er vorübergehend blind und mit einer Gehirnerschütterung im Krankenwagen aus dem Stadion gefahren. „So ist es beim Stierkampf,“ sagt er am nächsten Tag, als er sich in seinem Krankenbett aufrichtet, wo er sich von einem Nasenbeinbruch erholt. „Augenblicke des Ruhms und der Befriedigung wechseln sich immer mit Schmerzen ab.“ Starke Worte von einem Mann, der im Mittelpunkt eines stolzen Sportes steht.

Wie bei jeder Sportart geht es aber um weit mehr als das, was in der Arena zu sehen ist. Abseits des Hauptspektakels gibt es Musik, Kunst und Kultur, die ein wichtiger Bestandteil dieses Ereignisses sind, das für viele ein Symbol des nationalen Kulturerbes ist. Schon allein die Fülle visueller Eindrücke, von der großartigen Architektur bis zu den eindrucksvollen Kostümen, zieht viele Einheimische und natürlich Touristen an. „Ich bin wegen der Atmosphäre hier. Sobald Blut zu sehen ist, werde ich wahrscheinlich weg sehen,“ erklärt Amy Wray, eine Waliserin, die in Barcelona lebt. Das erste Erlebnis dieser Art ist es für sie nicht. Während ihres Urlaubs in Kolumbien im vergangenen Jahr hat sie sich in dem kleinen Dorf Sant Augustín einen Hahnenkampf angesehen. „Ich wollte eigentlich nicht hingehen, aber mein Freund hat mich mitgeschleppt. Es hat sich als eines der interessantesten Erlebnisse in diesem Urlaub herausgestellt.“ Mit dem Kampf und der Grausamkeit, so meint Amy, könnte sie sich nie anfreunden, aber sie fand die „kulturelle Erfahrung“ unbezahlbar. „Die Kameradschaft und der Zusammenhalt der Einheimischen“ sei ihr bis heute in Erinnerung geblieben.

Stierkampfgegner protestieren auf Mallorca

Zum Weiterlesen unser Interview mit Torero Eduardo Dávila Miura

Dieselbe Anziehungskraft findet sich auch in der Begeisterung der Spanier für den Stierkampf wieder. Jede Corrida ist ein Fest der Farben, Traditionen und Schönheit und ein leidenschaftlicher Ausdruck einer Kultur. Der Stierkampf hat eine lange Tradition, die sich langsam entwickelt hat und die man in jeder Saison bis zum heutigen Tage wieder aufleben lässt. „Beim Stierkampf ist alles das Ergebnis kultureller Entwicklungen und Traditionen“, erklärt Hilda Tenorio, eine der besten mexikanischen Stierkämpferinnen. „Es ist eine sehr traditionelle, kunstvolle Fiesta.“ Eine Fiesta, in der jeder Teil der sich langsam entwickelnden Liturgie sich seit Urzeiten nicht mehr verändert zu haben scheint, von den alten Kostümen aus Silber und Gold, die „ein Produkt der Tradition“ sind, bis zum Ablauf der fein abgestimmten Darbietung, in der „keine halben Sachen gemacht werden“. „Letztendlich ist es ein Ereignis, das es so gut wie kein anderes vermag, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen und Begeisterung für eine derart geschichtsträchtige Darbietung zu wecken.

Dennoch liegt dem Parlament der Provinz Katalonien seit Januar 2010 ein Antrag auf das Verbot des Sports vor, für dessen Abstimmung noch kein Termin feststeht. Der Antrag wurde durch eine 'Iniciatica Legislativa Popular' (ILP), eine 'Volksgesetzgebungsinitiative' gestellt, die 150.000 Bürger unterschrieben haben, und spiegelt somit offenbar einen Teil der öffentlichen Meinung wieder. Ob daraus ein Gesetz wird, lässt sich allerdings schwer vorhersagen. Am 11. April demonstrierten 200 Menschen auf Mallorca für die Abschaffung. Unabhängig von dem Ergebnis, steht dem Parlament aber aller Wahrscheinlichkeit nach ein interner Streit bevor, da die Meinung zu dem Thema geteilt ist. Wie es ein Jurist aus Barcelona ausdrückte, stehe den Parlamentariern sogar ein persönlicher Konflikt zwischen 'Herz und Verstand' bevor, sollten sie die Abschaffung einer temperamentvollen Mischung aus Kultur und Tradition in der Region tatsächlich in Erwägung ziehen.

Fotos: ©Roberto Rizzato ►pix jockey◄ Facebook resident/flickr; Torero: ©(oranje)/flickr; Poster ©ajgelado/flickr; Protestaktion ©Ekinez Sortu/flickr