Bagnoli: Neapels verlorenes Viertel zeigt eisernen Willen

Artikel veröffentlicht am 10. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 10. Juli 2013

Seine Geschichte begann im frühen 20. Jahrhundert als „Eisen und Stahl-Zone“, die das Mittelmeer mit dem Rest Europas verband. Heute ist Neapels Viertel Bagnoli dem Untergang geweiht. Was verbirgt sich hinter dem einstigen Industriegebiet mit unglaublichem Meeresblick? Was bringt die Zukunft für Bagnoli? Der baskische Fotograf Borja Lázaro Herrero hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Bagnoli, der zehntgrößte Stadtteil von Neapel, erstreckt sich im Westen der Stadt entlang des Mittelmeers. Es ist einfach, das Viertel, welches das ehemalige Stahlwerk beherbergt, mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen: es gibt Verbindungen mit Bus und U-Bahn.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert zählte Bagnoli zu den wichtigsten Industriezonen Süditaliens. Der erste Eindruck: immense Gerippe und verlassene Gebäude aus Eisen und Beton. Jetzt wird irgendwie verständlich, warum viele Stimmen Bagnoli als Grund des Anstoßes sehen und lautstark fordern, das Viertel wieder zu öffentlichem Raum zu machen. Die Unnachgiebigkeit dieser Gebäude, die noch in der Landschaft stehen, erinnert an die Menschen, die hier leben. Sie hatten nie darum gebeten, sie wurden nie um ihre Meinung gefragt – die Veränderung ihres Viertels wurde ihnen auferlegt. Wo einst Rohmaterialien für die Industrie produzierte wurden, ist nun alles stillgelegt. In Bagnoli, das einst für den durchschnittliche Neapolitaner für Arbeit und Familienleben stand, werden heute Luxus-Gebäude errichtet.

Im Jahr 1990 führte eine umstrittene politische Entscheidung dazu, dass die Fabrik Italsider geschlossen und alle Aktivitäten des Industriegebietes eingestellt wurden. Das sogenannte Fracanzani Dekret (1989) der damaligen Regierung unter Ciriaco De Mita, dem Vorsitzenden der italienischen Christdemokraten, setzte der industriellen Daseinsberechtigung von Bagnoli ein Ende.

Später dann folgte Bagnolis postindustrielle Neuerfindung mit der Eröffnung eines Bildungs- und Gründerzentrums. Doch die Neubestimmung der Gegend ging - im wahrsten Sinne des Wortes - in Flammen auf. Bagnoli beherbergte noch bis vor kurzem ein interaktives Wissenschaftsmuseum, die „Città della Scienza“ („Stadt der Wissenschaft“), die im Jahr 2001 eröffnet worden war. Am Abend des 4. März 2013 wurde die 12.000 Quadratmeter große „Città della Scienza“ durch ein Feuer fast vollständig zerstört. Die Brandursache wurde nie öffentlich geklärt - trotz der Bemühungen einer Videokampagne mit dem Slogan „auch ein Teil der Neapolitaner ist mit der Città verbrannt“.

Ein weiterer Teil des Erbes, dass Bagnoli nach fast 60 Jahren zu verlieren droht, ist das NATO-Hauptquartier (ehemals das Zentrum der Alliierten für Südeuropa/AFSOUTH). Das Gebäude soll an die Fondazione Banco di Napoli zurückgegeben werden, die Büroflächen und umgebenden Grundstücke künftig für andere Zwecke verwendet werden.

Der Verein Bancarotta Bagnoli, in dem vor allem junge Menschen Mitglied sind, möchte kulturelle Veranstaltungen fördern und als Bagnolis Informationsplattform dienen. Es ist vor allem wegen seiner verlassenen Gebäude ein beliebter Treffpunkt. Im Moment sucht Bancarotta Bagnoli ein anderes Hauptquartier, da der Verein dazu gedrängt wurde, Platz für mehr gesellschaftliche Veranstaltungen zu schaffen. Viele Mitglieder äußern ihre Frustration darüber, in Bagnoli im Stich gelassen zu werden; ein Gefühl, das tief im Viertel und der Bewohnerschaft verwurzelt ist. Die künftigen Projekte sind weit von dem entfernt, was die Bewohner von Bagnoli tatsächlich brauchen und wollen.

Heute bedeutet Bagnoli nichts und alles für die Stadt Neapel und ihre Menschen. Was aus dem Viertel werden wird, ist eine andere Frage.

Vielen Dank an das Team von cafébabel Neapel, vor allem an Eliana de Leo

Dieser Artikel ist Teil der Reportagereihe ‘EUtopia on the Ground’, die jeden Monat die Frage nach der Zukunft Europas aufwerfen soll. Dieses cafébabel Projekt wird von der Europäischen Kommission im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem französischen Außenministerium, der Fondation Hippocrène sowie der Charles Léopold Mayer-Stiftung unterstützt.