Babelbalkanexperience: Springt auf den zweiten cafebabel.com "Orient Express" auf

Artikel veröffentlicht am 24. April 2012
Artikel veröffentlicht am 24. April 2012
Orient-Express - ein Begriff, den viele wohl mit einer luxuriösen Zugverbindung von Paris nach Istanbul oder einem Literatur-Klassiker von Agatha Christie in Verbindung bringen. Für Axel und mich war es im Sommer 2011 eine Gelegenheit, die westlichen Balkanstaaten kennenzulernen. Grundlage für die Expedition ins Herz von Südost-Europa war eine Zusammenarbeit mit den Journalisten von cafebabel.
com, welche ihrerseits ein Projekt auf dem Balkan gestartet hatten: Orient Express Reporter. Sinn der Sache war und ist es, junge Journalisten und Fotografen „on the ground“ zu schicken, um spannende Artikel über Menschen, Kulturen und die derzeitige Lage der einzelnen Balkanstaaten zu verfassen.

Unsere Geschichte beginnt mit der Überlegung uns dieser Reise anzuschließen, jedoch dabei ein eigenes Projekt zu realisieren. Wir entschlossen uns letztendlich dazu, all jene Reporter zu besuchen, welche für cafebabel.com vom Balkan aus schreiben. Unterstützt wurden wir dabei von unserer Hochschule und von cafebabel.com, das uns unter anderem half, mit den „Babelianern“ in Kontakt zu treten. Nun ist der Balkan doch recht weitläufig für zwei mittellose Studenten. Wir standen somit vor der Aufgabe unseren Wirkungsbereich einzugrenzen. Schließlich fiel unsere Wahl, auch auf Grund der jüngeren Vergangenheit, auf das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens.

Slowenien, Zagreb, Sarajevo

Nach relativ kurzer Vorbereitungszeit brachen wir zu unseren ersten Interviews nach Slowenien auf. Dort trafen wir die Babel-Bloggerinnen Natalija und Ljubica, mit denen wir über die Euphorie zu Zeiten des EU-Beitritts und die daraus resultierenden Vor- und Nachteile, über den Cityblog-Ljubljana und über die Stellung Sloweniens als europäisches Tor zum Balkan sprachen.

Einige Tage verbrachten wir anschließend in Zagreb, wo wir unglücklicherweise niemanden antrafen, bevor wir nach Banja Luka aufbrachen. Im serbischen Teil von Bosnien und Herzegowina hatten wir uns mit Sladjana verabredet. Sie erzählte uns von ihren Erinnerungen an den Bürgerkrieg, von Bosniens Chancen auf einen EU-Beitritt und vom Dayton-Abkommen, welches das Land bis heute in zwei zerstrittene Teilrepubliken spaltet. Nachdem wir in der Hauptstadt der Republika Srpska waren, wollten wir auch die andere Seite Bosniens sehen. Also stiegen wir in den Zug und fuhren nach Sarajevo, um uns dort mit Bárbara aus Spanien zu treffen. Zuerst kam es uns ein wenig eigenartig vor, dass jemand von Spanien nach Bosnien kommt, um dort einen Babel-Blog zu starten. Doch es ist genau diese Interkulturalität, die cafebabel.com ausmacht. Bárbara erklärte uns auch, warum sie das macht. Ganz einfach, weil sie die Stadt liebt!

(cc)Senka aus Belgrad (oben), Aca aus Belgrad (unten li), Boris aus Skopje (unten re) und Ljubica aus Ljubljana

Podgorica, Belgrad, Skopje

Nach einigen Tagen im Herzen des Balkans verließen wir Bosnien in Richtung Montenegro, versprachen uns jedoch auf dem Rückweg noch einmal in Sarajevo Halt zu machen. Mit Marko, einem Journalisten aus Podgorica, unterhielten wir uns über die Unabhängigkeit des kleinen Landes, korrupte Politiker, Zigarettenschmuggel und die wunderschöne Küste von Montenegro, welche sich als Touristen- und Investorenziel größter Beliebtheit erfreut, während die Menschen im Hinterland immer ärmer werden.

Weiter ging es von Podgorica nach Belgrad, der Hauptstadt Serbiens. Das einzige, was hier von Belang schien, war der Sieg von Novak Djokovic beim Wimbledon Turnier. Zum Empfang des Tennisspielers versammelten sich Zehntausende vor dem serbischen Parlament und feierten ihren neuen Nationalhelden. Im Gespräch mit Senka und Aca, den beiden Belgrader Babel-Bloggern, offenbarte sich jedoch, dass manche Serben auch noch andere Themen kennen. Der Kosovo-Konflikt ist beispielsweise noch genauso präsent wie Sorgen über das Ansehen Serbiens im Ausland und den Beitritt in die EU. Über Kriegsverbrecher will allerdings keiner mehr reden, das hängt den Leuten zum Hals raus. Viele sind einfach nur froh, dass dieses Kapitel nach der Verhaftung von Mladic endlich geschlossen werden kann.

Mit gemischten Eindrücken brechen wir zu unserer letzten Station Skopje auf. Die mazedonische Hauptstadt wirkt sicherlich nicht nur auf Ausländer skurril. Eine derart inflationäre Anzahl an Statuen ist uns noch nicht untergekommen. Hinzu kommen andere eigenwillige Bauten im Gesamtwert von schätzungsweise über 200 Mio. Euro. Da gab es für Gojko und Boris, den Babelianern aus Mazedonien, einiges zu erklären. Heraus kam aber lediglich, dass sie ebenso wenig Verständnis dafür aufbringen können wie wir. Es gab auch schon zahlreiche Proteste diesbezüglich. Weiter erfuhren wir, dass die Regierung einen TV-Sender und drei Zeitungen schließen ließ und ein junger Mann vor kurzem von der Polizei zu Tode geprügelt wurde. Und dann ist da ja immer noch der Namensstreit mit Griechenland...

Aufgrund der Tatsache, dass unsere Interviewpartner viel über Missstände in ihren Ländern berichteten, lässt sich also sagen, dass im ehemaligen Jugoslawien immer noch keine Ruhe eingekehrt ist. Das heißt jedoch nicht, dass uns Resignation entgegenschlug. Im Gegenteil, es wächst eine Generation, die bereit ist, etwas gegen diese Missstände zu unternehmen und sich Gehör verschafft. Dabei wurde uns verdeutlicht, dass cafebabel.com jungen Menschen auf dem Balkan, die normalerweise nicht gehört werden, eine Stimme gibt.

Für uns war unser Orient Express eine großartige Erfahrung, bei der wir großartige Menschen und tolle Landschaften kennenlernen durften. Auch 2012 ist cafebabel.com im Rahmen von Orient Express Reporter 2 und Orient Express Reporter Tripled wieder auf Achse und macht in 4 europäischen Städten, sowie Zagreb, Belgrad, Sarajevo und Istanbul halt. Springt auch ihr auf!

Autor: Christian Geipel/ Babelbalkanexperience