Babajagas in Frankreich: Feministische Golden Girls

Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 31. Juli 2013

Thérèse Clerc hat 60 Jahre Feminismus im Handgepäck, ein stolzes Alter von 86 Jahren und ist topfit. Heute treffen wir sie vor dem Haus der Babajagas, diesen Hexen der slawischen Mythologie, die Kinder gern mal zum Spaß verspeisen. Statt vor einem Pfefferkuchenhaus stehen wir vor der gelb-weißlichen Fassade eines Hauses, das 25 Sozialwohnungen für Aktivistinnen beherbergt.

Mit ihren hochgesteckten Haaren, barfuß, lockerer Handbewegung samt Zigarette hat man gerade einmal Zeit ihr ägyptisches Profil zu bewundern, bevor sie direkt losfeuert: „Im Altersheim ist es stinklangweilig“, meckert Thérèse Clerc. Hier gibt es keinen Skat- oder Bingoabende. Das wöchentliche Programm, das in der Eingangshalle aushängt, lässt selbst einen Minister vor Neid erblassen. Abendessen, Diskussionsrunden oder Gesprâche mit einem Choreografen, der die Babajagas in seine nächste Show integrieren möchte – die Babajagas haben Aufwind.

Das war aber nicht immer so. „Es ist noch gar nicht so lange her, da hat mir ein höflicher Herr gesteckt: die Alten sind ziemlich unverdaulich geworden.“ Doch auch Thérèse Clerc die Höflichkeit juckt eigentlich nur periphär: „Ich habe schon immer gedacht, dass alte Leute nach Pisse riechen“, wirft sie zwischen zwei lauten Lachern ein. Dann wird es ein bisschen ernster: „Ich habe meine damals kranke Mutter fünf Jahre lang bis zu ihrem Tod begleitet. Ich habe gearbeitet, meine vier Kinder lagen in Scheidung oder waren dabei, erneut zu heiraten. Es war ein mega Durcheinander. Stellen sie sich dazu dann bitte noch die 14 Enkelkinder vor und dann haben sie den Salat.“ Weil sie später keine Bürde für ihre Angehörigen sein wollte, hat sie sich das Haus der Babajagas ausgedacht, eine Gemeinschaft alter Frauen, die auf gegenseitiger Hilfe und Selbstverwaltung beruht, im Herzen von Montreuil, einem nahen Pariser Vorort.

Eher fiese Tante als Mutter Theresa

Der aktivistische Aspekt folgt dann quasi natürlich. Feminismus, Solidarität, Bürgerschaft, Umweltschutz, Laizität und Selbstverwaltung – schon ein einziges dieser sechs Gründungsprinzipien würde den durchschnittlichen Stock im Hintern Pariser es kalt über den Rücken laufen lassen. Doch für die Babajagas – allesamt überzeugte Aktivistinnen – sind sie der Hit. Die soziale Mischung steht nicht im Programm. Von Diskriminierung braucht erst gar niemand anzukommen. „Dass hier bitte niemand kommt und mich mit dieser Sache annervt“, palavert Thérèse Clerc. Trotzdem, gibt sie mit leiser Stimme zu, sei es nicht selten, dass sich ab und zu der ein oder andere Herr für die Nacht hierher einladen. Sie beugt sich herüber mit dem beißenden Blick einer Oma, die weiß, dass ihre nächsten Worte schocken werden: „Auch alte Körper wollen ficken.“ Etwas gehetzt vom eigenen Affront, rückt Thérèse ihren Dutt zurecht und setzt sich auf. „Frauen, die 40 Prozent weniger Rente erhalten als Männer, da liegt genau die Diskriminierung“, wettert sie und wedelt dabei mit den Armen, während ihr Parfüm den großen, heute leeren Versammlungssaal  einhüllt, in dem wir uns befinden.

Mit ihren hochgesteckten Haaren, barfuß, lockerer Handbewegung und lässiger Zigarette hat man gerade einmal Zeit, ihr ägyptisches Profil zu bewundern, bevor sie direkt losfeuert: „Im Altersheim ist es stinklangweilig“, meckert Thérèse Clerc. Hier bei den französischen 'Babayagas' gibt es nicht etwa Skat- oder Bingoabende. Das wöchentliche Programm, das in der Eingangshalle aushängt, lässt selbst einen Minister vor Neid erblassen. Abendessen, Diskussionsrunden oder Gespräche mit einem Choreografen, der die Babajagas in seine nächste Show integrieren möchte – die Golden Girls der Ruhestand-WG haben ordentlich Aufwind.

Hier im Haus leben 7 der insgesamt 21 Frauen zwischen 58 und 88 Jahren unter der Armutsgrenze. Wohnungen werden je nach Einkommen geteilt. Einige von ihnen sind ehemalige Lehrerinnen, Künstlerinnen, andere haben nicht studiert. „Wir alle sind kultiviert und haben Lust zu lernen“, sagt Thérèse Clerc mit Nachdruck. Für die 10 Stunden Freiwilligenarbeit, in die sie mit dem Einzug in das Haus einwilligen, entscheiden sich viele für Nachhilfeunterricht. „Aber kein Grund zu denken, dass ihr uns jeden Mittwochnachmittag eure Kids unterjubeln könnt,“ präzisiert die Babajaga-Chefin, die eher etwas von einer gemeinen Tante als von Mutter Theresa hat.

„Im hohen Alter beginnt die Freiheit.“ Und Omis in vollster Freiheit sehen in etwa so aus: eine populäre Uni wird im Haus eingerichtet, offene Filmvorführungen für jedermann und vor allem, vor allem ein permanentes Mitgestalten des öffentlichen Lebens. „Eine von uns ist Juristin; und selbst nach Jahren des Aktivismus sind wir immer noch dabei, die Subtilitäten der politischen Funktionsweise zu kapieren.“ Von der Gleichstellung von Mann und Frau (auf die sie bis heute warten) bis hin zur Versorgung im Alter (die Babajagas glauben, dabei handele es sich um eine der Großbaustellen der Zukunft), das alles ist Programm. Und wenn es darum geht, ein Projekt zu verteidigen, fährt Thérèse gern mit Zahlen auf. Plötzlich wird es technisch. Denn sie musste darum kämpfen, dass dieses Haus das Licht der Welt erbklicken konnte. Dafür ist sie von illegalen Abtreibungen auf einem Küchentisch bis zu den goldenen Dekorationen der Republik durchmarschiert – und hat dafür die Ehrenlegion der französischen Politikerin und Feministin Simone Veil erhalten.

Realistische Utopie

Trotzdem ziehen die Babajagas nicht nur positive Reaktionen auf sich. In den 18 Jahren, in denen Thérèse Clerc an alle Türen geklopft hat, haben mittlerweile 13 der 16 historischen Vereinsmitglieder das Weite gesucht. Doch Thérèse ist dickköpfig. Wenn man ihr die Tür vor der Nase zuschlägt, dann kommt sie eben durchs Fenster wieder. „Unser Projekt hat gestört, diese Gemeinschaft passt in keine Schublade“, bedauert sie. Doch Thérèse bleibt hartnäckig und findet immer wieder neue Freundinnen, „krasse Frauen“ versichert sie. Und gern glaubt man ihr. Zusammen schaffen sie es, den Blick der Mächtigen auf sich zu ziehen, die sie heute auch an ihre Tische einladen. In Frankreich schießen zudem mehr und mehr ähnliche Projekte aus dem Boden, in Brest, Saint Brieuc, Lyon und Bagneux zum Beispiel. Und auch in Europa streuen die Babajagas Samen. Thérèse muss nun plötzlich los, eine deutsche Freundin am Bahnhof abholen. Aber nicht ohne einen letzten Ratschlag für den Weg (Privileg des hohen Alters): „Die Utopie ist die Politik von morgen.“