Aviv Geffen: „Wir sollten Schminke tragen, statt Uniformen!“

Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2009
Hoffnungsvolle Töne aus Israel: Der 35-jährige Popsänger Aviv Geffen war einer der ersten Kriegsdienstverweigerer in Israel. Bis heute besingt der Musiker den Frieden im Nahen Osten und will mit seinen Liedern einer „Neuen Generation“ seine Stimme verleihen.

Ohne Leibwächter und kugelsichere Weste betritt der kleine, schmächtige Popsänger den Postbahnhof in Berlin. Mit seinen schwarzen Lackschuhen drückt er noch hastig seine Zigarette aus und setzt sich dann in das Scheinwerferlicht der Fernsehkameras. Seine Stimme klingt übernächtigt, routiniert beantwortet er die Fragen der Journalisten. Um seine Musik geht es hier niemandem, nicht um zweieinhalb Millionen verkaufte Platten. Der Sänger wird in Deutschland als Friedensbotschafter empfangen und scheinbar gefällt ihm diese Rolle: „Ich spreche gerne über Politik, ich bin kein Entertainer.“

In seinem Heimatland Israel würde Aviv Geffen nicht so schutzlos Rede und Antwort stehen. Durch seine harte Kritik an der israelischen Besatzungspolitik hat sich der 35-Jährige in den letzten Jahren viele Feinde gemacht. „Ich bin der größte Rebell in Israel,“ sagt Geffen mit fester Stimme und nicht ohne Stolz, „in Israel trauen sich die jungen Menschen nicht, den Mund aufzumachen. Ich habe aber keine Angst zu sterben.“

Aviv Geffen gehört zu den wenigen, die den Mund aufmachen und zwar weit. Seit dem Mordanschlag auf den damaligen israelischen Ministerpräsidenten und Nobelpreisträger Jitzchak Rabin sieht er seine Musik als „friedliche Waffe“. Geffen und Rabin standen bei einer Friedenskundgebung in Tel Aviv zusammen auf der Bühne, bevor Jigal Amir, ein jüdischer Fundamentalist, den Ministerpräsidenten erschoss. „Es war der dramatischste Moment meines Lebens. Ich war der letzte, der ihn in den Arm genommen hat. Rabin verkörperte für uns die Hoffnung auf Frieden.“

Seitdem tritt der israelische Popsänger das Erbe Rabins auf seine eigene Art an. Sein Lied To cry for you ist zum Synonym für den Mordanschlag an Rabin geworden, ein anderes Lied, Hayeled Shel Koulanu, ist dem Ministerpräsidenten und dem israelischen Soldaten Gilad Shalit gewidmet, der seit über zwei Jahren von der Hamas im Gazastreifen gefangen gehalten wird. Und doch unterstützt die israelische Popikone die Militäroffensive Operation gegossenen Blei. „Ich weiß, Olmert hat alles getan, um diesen Angriff durch Gespräche zu verhindern, er war unvermeidlich. In Europa bildet man sich darüber eine Meinung, ohne zu wissen, was es eigentlich bedeutet, täglich unter Raketenbeschuss zu stehen.“

Die Militäroffensive habe allerdings viel zu lange angedauert und zu viele Opfer gefordert. Nun sollten unter der Schirmherrschaft von den USA, Russland und China ernsthafte Dialoge geführt werden und eine Aufteilung des Landes erzwungen werden. „Die israelischen Siedlungen in den palästinensischen Autonomiegebieten sind ein Krebsgeschwür im Körper Israels. Die Menschen leben nicht aus religiösen Gründen dort, sondern weil der Staat sie da subventioniert. Wir brauchen diese Gebiete nicht und sollten auch Ost-Jerusalem an die Palästinenser abgeben“, so lautet der Vorschlag Geffens, der sich dem „extrem linken Flügel der israelischen Politik“ zugehörig fühlt.

Obwohl sich politische Botschaften in Israel, einem Land mit Wehrpflicht für Frauen und Männer, schlecht verkaufen, ist Geffen hier ein Popstar, der die größten Säle füllt und laut der Tageszeitung Welt mehr Platten als Coldplay verkauft. Mit seinem androgynen Aussehen will er von der Bühne aus Israels Konservative provozieren und ruft zu einer Anti-Macho Bewegung auf, in der niemand diskriminiert werden soll. „Israel ist ein paranoides Land, die Menschen meinen immer stark sein zu müssen, das ist falsch.“

So ist seine Musik nicht immer nur politisch, sondern in den letzten Jahren vor allem weich und melancholisch, englische Herzschmerzmusik. „Meine neuen Lieder richten sich an die jungen Menschen auf der ganzen Welt, es geht um Liebe, Drogen und Gewalt“, sagt Geffen, der mit seinem neuen Album  auch in Europa den Durchbruch schaffen will.

Hunderte Fans und Neugierige haben sich im Postbahnhof in Berlin versammelt, als Aviv Geffen die Bühne betritt. Aus dem Stimmengewirr dringt hier und da hebräisches Jubelgeschrei. Sein neues Lied Heroes widmet er den Kriegsopfern, sowohl auf israelischer, wie auch auf palästinensischer Seite. Es geht um Soldaten, die unnötig sterben, nur um posthum als Helden verehrt zu werden: „Don’t send your boy, when the country calls you.“ (Schicke deinen Sohn nicht hin, wenn das Land ihn ruft.) Eine provokative Aufforderung in einem Land, in dem ein Großteil der Bevölkerung das Militär als einzige Sicherung der Existenz ansieht.

Seine Musik ist nicht neu, es ist englischsprachige Pomusik im Stil von U2 oder Depeche Mode. Neu ist aber, dass ein israelischer Sänger, in einem T-Shirt, auf dem Love geschrieben steht, auf seiner Friedensmission vor so einem großen Publikum spielt. Sich dieses zuletzt mit einem Ruck vom Körper reißt und seine Tätowierung am Oberarm zeigt: Ein großes Peace-Zeichen.