Autorin Olja Savičević über Kroatiens 'verlorene Generation'

Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2011
Artikel veröffentlicht am 3. Juni 2011
Die 36-jährige Schriftstellerin aus Split hat vor kurzem ihren Debütroman Lebt wohl, Cowboys auf Deutsch veröffentlicht. Ihre preisgekrönten Kurzgeschichten und Gedichte wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt. Wir reden über Krieg, die Jugend und warum die junge Autorin hofft, eines Tages „offener“ über die „Tragödie“ ihrer Familie sprechen zu können.

cafebabel.com: Olja, Du hast mal gesagt, Dein neuester Roman Lebt wohl, Cowboys (Adio kauboju) sei nicht die Art von Buch, die ein Tourismusbüro über Kroatien empfehlen würde. Warum nicht?

„Mir war schon vor einem Jahr klar gewesen, dass das passieren würde“Olja Savičević: Das Tourismusbüro hat den schwierigen Job, Dinge so attraktiv wie möglich darzustellen. Der Job eines Autors ist es, Dinge so darzustellen, wie sie oder er sie sieht. Wenn sich jemand wirklich für Kroatien oder die weitere Region Südosteuropas interessiert, erfährt er die Wahrheit nicht aus Fremdenführern oder den Mainstream-Medien. Er erfährt sie aus Büchern. Gute Literatur bleibt nach wie vor außerhalb der Reichweite von Meinungsmachern. Meine Geschichte ist die Geschichte einer Insiderin. Sie stellt den Süden Kroatiens als ein Dalmatien dar, das von Ausländern als Touristenhochburg wahrgenommen und in den Liedern der Einheimischen nur für seine Schönheit gepriesen wird. Der Roman betont die Ungereimtheiten zwischen diesem 'Leben im Paradies' und dem Leben, das für seine dauerhaften Bewohner manchmal eher einem Leben in der Hölle gleicht. An einem Punkt versucht meine Heldin auch, ihre Stadt durch die Augen eines Touristen zu sehen und sagt: "Umso fremder mir diese Stadt wird, desto mehr mag ich sie. Umso mehr ich sie mag, desto weniger kümmert es mich. Und andersrum." Ich wählte bewusst Spaghetti-Western und den Wilden Westen als Grundlage für diesen zeitgenössischen Roman, der in einem mediterranen Vorort spielt. In seiner Geschichte, genauso wie in der Wirklichkeit, kann man Dinge finden, die einen guten Western und ein weniger gutes Leben ausmachen: eine kleine, klaustrophobische Gemeinschaft, einen einheimischen Großgrundbesitzer, Korruption, Gesetzeslosigkeit, Gewalt und last but not least dieses Mädchen Rusty, eine Art einsame Reiterin, welche die Gerechtigkeit selbst in die Hand nimmt.

cafebabel.com: Warum wecken Deine Geschichten insbesondere bei einer jungen Leserschaft Interesse?

Olja Savičević: Meine Leserschaft besteht sowohl aus Männern als auch aus Frauen. Aber es gibt auch einige junge weibliche Leser. Ich hatte das Glück, mit einigen in Kontakt zu stehen, die sich leicht mit meinen modernen Heldinnen identifizieren – oder, um genauer zu sein, mit meinen Antiheldinnen. Der Widerstand gegen das Patriarchat ist ein universelles und noch immer ziemlich heißes Thema. Erst seit kurzem erleben wir, vor allem dank der neuen Welle weiblicher Schriftsteller, unkonventionelle literarische Heldinnen, die unabhängig, autonom und sexuell hemmungslos sind. Sie haben auch nicht das Bedürfnis, Sex in Ideologie umzuwandeln. Ich will keine Literatur schreiben, die ihrer Zeit hinterherhinkt, sondern solche, die versucht, mit ihr Schritt zu halten. Lebt wohl, Cowboys handelt von der Gewalt unter jungen Leuten, vom Selbstmord eines wunderbaren Teenagers, über die (Un)Möglichkeit, in einer Umgebung, die Andersheit ablehnt, frei und anders zu sein. Jungen Leuten fällt es nicht schwer, sich mit diesen Themen zu identifizieren. Und: Vergesst nicht, dass ältere Leute auch mal jung waren!

cafebabel.com: Es heißt oft, Deine Literatur stelle das Alltagsleben dar und werde vor allem von der jungen Generation inspiriert. Mit Blick auf Deine letzten Werke: Was bedeutet es, im heutigen Kroatien jung zu sein?

„Wenn wir nicht gerade für ein besseres Leben für uns selbst oder für unsere Kinder kämpfen, verbringen wir unser ganzes Erwachsenenleben damit, entweder unsere Kindheitsträume wahr werden zu lassen oder das Kind, das wir mal waren, im Stich zu lassen. Egal wie, es ist kompliziert.“Olja Savičević: Als junge Lehrerin direkt nach dem Universitätsabschluss arbeitete ich einige Jahre lang in weiterführenden Schulen. Mir scheint, dass die jungen Leute überall ähnlich sind, ebenso ihre Interessen, Vorlieben und Probleme, mit geringen Unterschieden. Aber eine zu Kriegszeiten geborene Generation wird jetzt erwachsen. Ihr wurde noch immer keinerlei Perspektive oder Inhalt geboten. Anders als wir, die wir eine kostenlose Ausbildung genossen haben, hängen ihre Schicksale größtenteils von der Größe des elterlichen Geldbeutels ab. Ich glaube, es ist nicht einfach, in spirituell und materiell armen Zeiten aufzuwachsen, beraubt von Illusionen und sogar von Helden.

cafebabel.com: Kann Krieg jemals eine Inspiration sein?

Olja Savičević: Ja, vor allem als Widerstand gegen Krieg. Krieg ist schlecht, es gibt nichts Heroisches oder Herrliches daran. Der Krieg muss entmystifiziert werden – und das gründlich. Die Politiker werden diese Aufgabe jedoch nie übernehmen können. Und auch die Hollywood-Filmindustrie nicht. Das kann nur von Schriftstellern, Künstlern, Philosophen getan werden. Die vorausgehende Generation von Schriftstellern und Journalisten in Kroatien war die erste, die Kriegsverbrechen in Kroatien kritisierte und offen über sie sprach, noch während sie sich abspielten.

„Ich könnte über den Krieg sprechen, wenn ich weniger von Traurigkeit, Bitterkeit und Scham erfüllt wäre“

Das findet erst jetzt in größerem Umfang in Serbien statt. Einige Schriftsteller meiner Generation versuchen, die Öffentlichkeit mit der Wahrheit zu konfrontieren, Verbrechen und Nationalismus in ihren eigenen Reihen klar anzuprangern. Leider scheinen sie bei ihrem Versuch ziemlich alleine da zu stehen. Diejenigen anzuprangern, die in unserem Namen gemordet, vergewaltigt und geplündert haben, das ist die höchste Handlung von Patriotismus und menschlicher Würde. Für mich, einer Person mit vielfältiger ethnischer Identität, sind solche Dinge von grundlegender Bedeutung. Vielleicht könnte ich dann offener über den Krieg und sogar die Tragödie meiner eigenen Familie sprechen, wenn ich weniger von Traurigkeit, Bitterkeit und Scham erfüllt wäre.

cafebabel.com: In Zusammenhang mit Deinen Werken liest man oft den Begriff der 'verlorenen Generation'. Würdest du dich mit dieser Kategorisierung identifizieren?

Olja Savičević: Voll und ganz. Seitdem wir ein scharfes Bewusstsein entwickelt haben, warten wir auf irgendeine Form normalen Lebens, aber sie ist noch nicht eingetreten. In der Zwischenzeit haben wir einfach eine gute Zeit und Spaß. Und natürlich haben wir gefeiert, uns verliebt, gelesen, gute Musik gehört und sind gereist. Aber wir haben nie in einer normalen und mehr oder weniger geordneten Gesellschaft gelebt.

Olja Savičević – Lebt wohl, Cowboys; Verlag: Voland & Quist; 2011

Übersetzt aus dem Kroatischen von Antonija Primorac.

Bilder: mit freundlicher Genehmigung von ©Olja Savičević; Savičević; sitzend ©Andrija Zelmanović, 2010